„Wir müssen Dinge ändern“

Nach deutlicher Warnung von Drosten: Münchner Chefarzt legt nach - „Wir sind mitten in der zweiten Welle“

Der Virologe Christian Drosten sieht Deutschland in der Corona-Pandemie noch nicht ausreichend gewappnet. Ein Münchner Chefarzt warnt jetzt: „Wir sind mitten in der zweiten Welle“.


Update vom 24. September, 12.18 Uhr: Der Münchner Infektiologe Clemens Wendtner bestätigt in einem Interview mit der FAZ viele der von Christian Drosten getätigten Aussagen und geht sogar noch weiter. „Wir sind mitten in der zweiten Welle* und müssen diesen Anstieg der Zahlen in Bayern, aber auch in ganz Deutschland, sehr ernst nehmen“, so der Chefarzt der Infektiologie in der Münchner Klinik Schwabing.

Die Fälle würden seiner Ansicht nach sogar weiter zunehmen: „Wir können zwar die Zahlen nicht auf null drücken, aber man darf nicht nachlässig werden. Das Virus ist ein gefährlicher Feind. Und kennt keine Pause. Es ist daher ungemein wichtig, an den etablierten Maßnahmen – Abstand und Maske – festzuhalten“. Mit einem flächendeckenden Impfstoff rechnet der Infektiologe frühestens ab Mitte 2021.


Die derzeit steigenden Infektionszahlen begründet Clemens Wendtner im Interview unter anderem damit, dass viele im Umgang mit den Schutzmaßnahmen nachlässiger werden. Er gibt jedoch auch zu, dass es schwierig sei, die Bevölkerung über Monate hinweg für die Gefahren von Sars-CoV-2 zu sensibilisieren - gerade die jungen Leute müssten bei der Stange gehalten werden. Um die Regeln verstärkt durchzusetzen, spricht er daher auch von verschärfteren Sanktionen - wie sie etwa nach dem Corona-Ausbruch in Garmisch-Patenkirchen durchgesetzt wurden.

Drosten musste sich unterdessen auch im ARD-Talk „maischberger.die woche" Kritik anhören - von unerwarteter Seite.

Corona: Münchner Chefarzt warnt: „Wir sind mitten in der zweiten Welle“

Erstmeldung vom 23. September 2020

Berlin/München - Der Berliner Virologe Christian Drosten sieht Deutschland in der Corona-Pandemie noch nicht ausreichend für die kommende Zeit gewappnet. „Wir müssen, um die Situation in den kommenden Monaten zu beherrschen, Dinge ändern“, sagte er im Vorfeld der im Oktober anstehenden Gesundheitskonferenz World Health Summit in Berlin. „Die Pandemie wird jetzt erst richtig losgehen. Auch bei uns“, mahnte er.

Drosten: „Wir haben nichts besonders gut gemacht. Wir haben es nur früher gemacht“

Dem World Health Summit zufolge sagte Drosten, dass pragmatische Entscheidungen nötig seien. „Es werden schon Festtagsreden auf den deutschen Erfolg gehalten, aber man macht sich nicht ganz klar, woher er kam“, stellte Drosten klar. Der Erfolg gehe schlichtweg darauf zurück, dass Deutschland etwa vier Wochen früher reagiert habe als andere Länder. „Wir haben mit genau den gleichen Mitteln reagiert wie andere. Wir haben nichts besonders gut gemacht. Wir haben es nur früher gemacht“, erklärte der Leiter des Instituts für Virologie der Charité in Berlin.

Drosten stellte klar, dass Deutschland nicht so erfolgreich gewesen sei, weil unsere Gesundheitsämter besser waren als die französischen, oder die Krankenhäuser besser ausgestattet sind als in Italien. „Wenn man das jetzt überträgt in den Herbst, dann muss man sich natürlich klarmachen, dass wir auch weiterhin nichts besser machen als andere“, sagte der Virologe. Deutschland müsse viel differenzierter und genauer auf die Entwicklungen im Ausland schauen. „Wir müssen aufhören, uns über so Dinge wie Fußballstadien zu unterhalten. Das ist wirklich komplett irreführend“, mahnte Drosten.

Corona: Drosten nennt Pandemie eine Naturkatastrophe

Niemand wisse derzeit genau, wie die Corona-Pandemie* weiter verlaufen wird. Es sei möglich, dass das Ganze nicht mehr so gut zu beherrschen sei und „dass die Wissenschaft beispielsweise mit der Verfügbarkeit von Impfstoffen einfach zu langsam gewesen ist“, so Drosten. Erst am Ende werde klar sein, wie sich die Wissenschaft* geschlagen habe. Die Pandemie sei schließlich kein wissenschaftliches Phänomen, sondern eine Naturkatastrophe, erklärte der Leiter des Instituts für Virologie der Charité.

Detlev Ganten, Präsident und Gründer des World Health Summit, sagte bei dem Doppelinterview: „Wirtschaft, Kultur und all das funktioniert eben nicht mehr, wenn das, was wir als garantiert ansehen, nicht mehr da ist. Ich bin nicht sicher, ob das allen wirklich so klar ist.“ Es sei eine wichtige Lektion aus der Pandemie für die Zukunft, dass Gesundheit das Wichtigste für den Einzelnen und die Grundlage für eine funktionierende Gesellschaft ist.

Drosten: Zulassung eines Impfstoff bedeutet nicht sofort die Lösung des Problems

Zudem sagte Drosten, es müsse klar sein, dass die Zulassung eines Impfstoffs - ein deutsches Biotech-Unternehmen ist bei der Entwicklung bereits sehr weit* - nicht sofort die Lösung des Problems bedeute. Die Priorität müsse zunächst bei Risikogruppen liegen. „Neben der zu erwartenden Verteilungskompetition ist es auch gar nicht so einfach, so viele Vakzinedosen in Flaschen abzufüllen und die dann auch zu verimpfen“, erklärte Drosten. Daher sei das schon eine Unternehmung für das ganze Jahr 2021.

Drosten hat zuletzt eine düstere Prognose in Sachen Maskenpflicht abgegeben. Die Zahl der Neuinfektionen nehmen wieder stark zu. Nicht nur in Frankreich und Spanien, sondern auch in Deutschland. Dem Leiter des Instituts für Virologie der Charité bereitet das Sorgen. Walter Plassmann, Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, kritisierte zuletzt die ängstliche Corona-Politik und auch Christian Drosten namentlich. (ph/dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks

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