„Tatort“, ARD: TV-Kritik

„Tatort“ (ARD) „Lass den Mond am Himmel stehn“: Grandioser, harter München-Tatort

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Tatort „Lass den Mond am Himmel stehn“: Die Kriminalhauptkommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr betrachten den Fundort von Emils Fahrrad im Wald.

Der München-Tatort von der ARD ist ein knallharter Krimi über den Schrecken in gutsituierter Umgebung. Szenenbilder erinnern an den Kinoerfolg „Parasite“. Die TV-Kritik.

  • Der aktuelle München-Tatort trägt den Titel „Lass den Mond am Himmel stehn“
  • Die Kommissare Ivo Batic und Franz Leitmayr stehen vor einem Rätsel
  • Ein knallharter und wendungsreicher Film in der ARD*

Der Eindruck, dass sich das Unglück im Kriminalfilm mit Vorliebe um Hörerinnen und Hörer so genannter klassischer Musik zusammenbraut, lässt sich erweitern: Auch wer ein hypermodernes Haus besitzt, ist höchst gefährdet. Im neuen, exquisit kunstvoll gefilmten München-Tatort ist zweiteres noch mehr der Fall als ersteres, aber auch Vivaldi braust auf.

Tatort (ARD) „Lass den Mond am Himmel stehn“: Der 13-jährige Emil verschwindet spurlos

Der Titel „Lass den Mond am Himmel stehn“ kommt aus der letzten Strophe von „Müde bin ich, geh zur Ruh“, jenem frommen Lied für Kinder, die daraufhin hoffentlich getrost ins Bett schlüpfen. Gott ist es, der dem Mond auf diese Weise Gelegenheit geben soll, „die stille Welt“ zu „besehn“, so dass sich alles reimt und kein Grund zur Sorge besteht. Zum Vorspann sieht man in die beleuchteten Fenster schicker Einfamilienhäuser. Nur der automatisierte Rasensprenger faltet sich des Nachts auf. So kann es, so soll es ewig weitergehen.


Diesmal aber ist am nächsten Morgen, schon zieht der Mähroboter still seine Bahn, das Kind weg, Emil, 13. Stefan Hafner und Thomas Weingartner (Buch) lassen sich im Verein mit Regisseur Christopher Schier und dem Kameramann Thomas W. Kiennast scheinbar alle Zeit der Welt, den Übergang von der Sorglosigkeit (Emil ist schon los, Emil hat bei seinem Freund übernachtet) zur Beunruhigung (wo ist er, wo?) zu dokumentieren. Man sieht die Mutter, Laura Tonke, wie sie hier anruft, dort vorbeigeht, auch an der Schule vorfährt, man sieht den noch um ein paar Grad unbesorgteren Vater, Stiefvater, Lenn Kudrjawizki, ganz normal bei der Arbeit im OP. 

Man sieht Victoria Mayer und Hans Löw als Eltern von Emils bestem Freund Basti, Tim Offerhaus. Sie wissen auch von nichts, etwas kühle, gutsituierte Leute, auch sie wohnen wirklich elegant und irre unbehaglich. Jetzt sieht man zwei Paddler. Ein paar Schnitte später werden sie es natürlich sein, die die Leiche finden.

Tatort (ARD) „Lass den Mond am Himmel stehn“: Ein guter, wendungsreicher und knallharter München-Krimi

Es hat nur ein paar Sendeminuten gedauert, bis Leitmayr und Batic, Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec, vor der Tür stehen. Wer beklagt, wenn im Tatort über das Leid von Menschen hinweggegangen wird, kann sich im Gesicht von Laura Tonke anschauen, wie Existenzen an einem Vormittag komplett und für immer zu Bruch gehen.

Wort und Bild erreichen das durch Präzision inklusive Ausspartechnik, ohne dass das fahrig wirken würde. Eher folgt man den Augen eines stummen, frei flottierenden Erzählers, die mal hier, mal dort hängenbleiben und dann ganz genau hingucken. Und wenn es die unerwarteten Tierchen sind, die begreiflicherweise seine Aufmerksamkeit erregen, denn bei den befreundeten Nachbarn gibt es ein „Eidechsenproblem“. Das Tragische und Groteske treten gerne miteinander auf, sie sind jedenfalls kein Widerspruch zueinander, sofern alles seinen Platz bekommt.

Gerade solche Ablenkungen schärfen zudem die Konzentration, merkwürdig, aber wahr. „Lass den Mond am Himmel stehn“ ist ein guter, wendungsreicher und knallharter Krimi, aber gefilmt ist er meisterlich. Die Räume und Szenenbilder lassen tatsächlich an den Kinoerfolg „Parasite“ denken.

Tatort (ARD) „Lass den Mond am Himmel stehn“: Die Kommissare in München tappen lang im Dunkeln

Konzentration: Jetzt kommt noch Bastis Schwester Hannah, Lea Zoe Voss, aus dem Tenniscamp zurück und das Personal ist damit komplett. Obwohl in einer großartigen, flotten Szene die Nutzer eines für schnellen Sex bekannten Parkplatzes befragt werden – die neugierigen Kinder haben sich hier rumgetrieben –, bleiben das flüchtige Begegnungen. Die Kommissare, unterstützt vom wackeren Kalli, Ferdinand Hofer, hören sich in jeder Hinsicht um, aber sie tappen fast so lange im Dunkeln wie unsereiner.

Es geht ganz anders aus als im frommen Lied, das aber trotzdem schrecklich gut dazu passt

Sendungsinformationen zum Tatort „Lass den Mond am Himmel stehn“

Tatort: „Lass den Mond am Himmel stehn“, 

ARD, So. 07.06.2020, 20.15 Uhr.

Von Judith von Sternburg

Auch der München-Tatort „Unklare Lage“ (ARD) beeindruckte unsere Rezensentin. Er handelte von einem jungen Attentäter und einer Stadt im Ausnahmezustand.

Und im Tatort aus Weimar „Der letzte Schrey“ (ARD) ermitteln Nora Tschirner und Christian Ulmen ermitteln in einem neuen Fall. Der FIlm hält viele Überraschungen im richtigen Moment bereit.

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