Nach Kachelmann-Prozess: „Es gab keine Gewalt in meinem Leben“

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Nach seinem Freispruch: Jörg Kachelmann schmiedet Zukunftspläne.

Hamburg/Mannheim - Während des Prozesses hat Jörg Kachelmann beharrlich geschwiegen. Rund eine Woche nach seinem Freispruch meldet er sich mit einem ersten Interview zurück und erzählt über seine Zukunftspläne.

Wettermoderator Jörg Kachelmann kämpft um seine Ehre. Nach dem Freispruch vom Vorwurf der Vergewaltigung will er nun auch die letzten Zweifel ausräumen. “Es gab keine Gewalt in meinem Leben“, betonte er in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit. Alle Berichte über seine angeblichen Grenzerkundungen und Grenzüberschreitungen müssten aus der Welt geschafft werden, forderte der 52-Jährige: “Zivil- und strafrechtlich werde ich versuchen, alle Leute zu belangen, die das behauptet haben.“ Im Internet seien die Vorwürfe dokumentiert, sagte Kachelmann. “Alles, was deutschen, schweizerischen und amerikanischen Anwälten einfällt, möchte ich in die Schlacht werfen.“ Er werde aber nicht aus Deutschland fliehen, obwohl er diesen Rat häufig höre. “Aber resignieren und auswandern, so weit bin ich noch nicht. Ich will was unternehmen.“


Der Wettermoderator kündigte zudem an, seine Erfahrungen aus dem Prozess in einem Buch aufzuarbeiten. “Es soll den Titel “Mannheim“ tragen, Mannheim als Sinnbild des Elends.“ Das Landgericht Mannheim hatte Kachelmann am Dienstag vergangener Woche nach mehr als 40 Verhandlungstagen vom Vorwurf der Vergewaltigung seiner Ex-Geliebten aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage haben inzwischen Revision beantragt.

Urteil im Fall Kachelmann: Die Stationen des Prozesses

8./9. Februar 2010: Vor seiner Abreise zu den Olympischen Spielen nach Vancouver, wo Kachelmann für das Fernsehen berichtet, kommt es zum Streit mit seiner langjährigen Freundin, die ihn daraufhin wegen Vergewaltigung anzeigt. © dpa
20. März: Kachelmann wird bei seiner Rückkehr am Frankfurter Flughafen festgenommen und in die Justizvollzugsanstalt Mannheim gebracht. © dpa
24. März: Der Moderator weist in seiner einzigen Aussage beim Haftrichter die Vergewaltigungsvorwürfe zurück. © dpa
19. Mai: Knapp zwei Monate nach seiner Verhaftung erhebt die Staatsanwaltschaft Mannheim Anklage gegen Kachelmann wegen des Verdachts der schweren Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung. © dpa
5. Juni: Der “Spiegel“ veröffentlicht Passagen aus einem von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen Gutachten, das die Aussage des mutmaßlichen Opfers zum Vergewaltigungsgeschehen als lückenhaft und nicht belastbar einordnet. © dpa
29. Juni: Kachelmanns Verteidiger legt Haftbeschwerde ein, die das Landgericht Mannheim am 1. Juli jedoch mit der Begründung ablehnt, dass Kachelmanns Einlassungen “wenig plausibel“ seien. Die Haftbeschwerde geht in die nächste Instanz. © dpa
9. Juli: Das Landgericht Mannheim eröffnet das Hauptverfahren gegen den Meteorologen und setzt den Prozessbeginn auf den 6. September fest. © dpa
29. Juli: Nach 132 Tagen wird Kachelmann freigelassen, nachdem das Oberlandesgericht Karlsruhe seiner Haftbeschwerde stattgegeben hat. Die Richter begründen die Entscheidung damit, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass das mutmaßliche Opfer Kachelmann mit einer falschen Aussage belastet habe. Es stehe Aussage gegen Aussage. © dpa
6. September: Vor dem Landgericht Mannheim, 5. Große Strafkammer, beginnt der Kachelmann-Prozess mit einem Befangenheitsantrag der Verteidigung. Der Antrag wird abgelehnt. Auch ein zweiter Befangenheitsantrag bleibt später erfolglos. Kachelmann kündigt an zu schweigen. © dpa
18. Oktober: Die Ex-Freundin sagt unter Ausschluss der Öffentlichkeit über vier Verhandlungstage hinweg mehr als 20 Stunden lang aus. © dpa
4. Dezember: Verteidigerwechsel im Kachelmann-Prozess: Der Hamburger Strafverteidiger Johann Schwenn erscheint als neuer Anwalt. Reinhard Birkenstock (Köln) und Wahlverteidiger Klaus Schroth (Karlsruhe) wurden von Kachelmann entbunden. Pflichtverteidigerin Andrea Combe verfolgte den Prozess als einzige von Beginn an. © dpa
20. Dezember. Ein Sachverständiger stellt am Griff des Küchenmessers nur Mischspuren fest, die durch Sekundärübertragung erzeugt sein können. Ein objektiver Beleg, dass Kachelmann das Messer in der Hand hatte, ist damit nicht erbracht. Die Ex-Freundin gibt an, sie hätte in der fraglichen Nacht aufgeräumt und das Messer kurz am Griff angefasst. Am Messerrücken der Klinge finden sich keine DNA-Spuren des mutmaßlichen Opfers, an der geriffelten Schneide gibt es genetische Spuren. An einem Tampon wird die DNA von Kachelmann nachgewiesen. © dpa
1. Februar 2011: Der vom Gericht geladene Rechtsmediziner hält es für möglich, dass die Halsverletzungen der Frau vom Messerrücken stammen, kann aber auch Selbstverletzungen nicht ausschließen. Die Hämatome an den Oberschenkeln könnten von Kniestößen stammen. Aber auch hier seien Selbstbeibringungen möglich. © dpa
9. Februar: Die von Kachelmann geladenen beiden Rechtsmediziner halten Selbstverletzungen der Frau für naheliegend, können das Messer als Verletzungswerkzeug aber nicht ausschließen. Das Messer müsse dann aber anders eingesetzt worden sein als von ihr geschildert © dpa
15. Februar: Das Gericht reist zur Vernehmung einer Schweizer Zeugin nach Zürich. Sie soll von Übergriffen Kachelmanns im Januar 2010 berichtet haben. © dpa
1. März: Ein Techniker der Polizei hat auf dem Computer der Ex-Freundin rekonstruiert, dass sie im Februar 2009 schon einmal nach dem Namen einer weiteren Freundin Kachelmanns suchte. Ende 2009 nahm sie unter falschem Namen im Internet Kontakt zu der Nebenbuhlerin auf. © dpa
31. März: Die beiden Staatsanwälte bestätigen, dass das angebliche Vergewaltigungsopfer seine ursprüngliche Aussage zwei Monate nach der Anzeige korrigierte. Ein Flugticket mit dem Namen Kachelmann und dem der Nebenbuhlerin hatte sie schon Monate vor der angeblichen Tat erhalten. Den Zusatz “Er schläft mit ihr“ hatte sie selbst geschrieben und beide Schriftstücke Kachelmann vorgelegt. Während sie bei der Polizei am 9. Februar 2010 angab, dass Ticket und Schreiben am Vortag der angeblichen Vergewaltigung im Briefkasten lagen, korrigierte sie später. © dpa
2. Mai: Die Aussagepsychologin lässt offen, ob die Aussage der Ex-Freundin auf wahrem Erleben beruht oder nicht. Die Angaben zum mutmaßlichen Vergewaltigungsgeschehen seien stark lückenhaft. Die Gutachterin zieht in Betracht, dass die Erinnerungslücken Folge des Zusammenbruchs ihres Selbstbilds von einer gemeinsamen Zukunft mit Kachelmann sein könnten. Ebenso müssten autosuggestive Ergänzungen des Geschehens in Betracht gezogen werden. © dpa
5. Mai: Der von Kachelmann beauftragte Aussagepsychologe hält eine bewusste Falschaussage der Ex-Freundin für möglich. © dpa
Jörg Kachelmann
31. Mai: Jörg Kachelmann kommt zur Urteilsverkündung am Landgericht Mannheim an. © dpa
Der Wetterexperte kommt beim 44. Prozesstag mit Anwältin Andrea Combe zur Urteilsverkündung zum Gericht. © dpa
Jörg Kachelmann
Das Landgericht Mannheim hat den Wettermoderator Jörg Kachelmann vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. © dpa
Der Medienrummel am Tag der Urteilsverkündung ist enorm. © dpa

Von der deutschen Justiz zeigte sich Kachelmann tief enttäuscht. In seinem Prozess habe er so viel Irrationalität kennengelernt, dass er den Glauben an die Justiz komplett verloren habe, “was den Großraum Mannheim angeht. Deswegen habe ich auch nicht unbedingt an einen Freispruch geglaubt“, sagte er im Zeit-Interview.

Aus diesem Grund sei auch der Rat seines Anwalts richtig gewesen, im Prozess zu schweigen. “Wieso hätte ich mit beteiligen sollen an diesem Schwachsinn?“, sagte Kachelmann. “Ich hätte an jedem Prozesstag hundertmal aufstehen und sagen müssen: “Das ist gelogen!“

Der Moderator gestand in dem Gespräch aber auch eigene Fehler ein. “Ich habe Frauen belogen und ihnen Räubergeschichten erzählt. Ich bin nicht stolz drauf.“ Dies rechtfertige jedoch nicht eine erfundene Vergewaltigungsgeschichte. “Das ist kriminell. Dafür gibt es keine Rechtfertigung.“

Sein Verhalten versuchte er mit dem Sorgerechtsstreit um seine beiden Söhne zu rechtfertigen. Beziehungskonflikte mit anderen Frauen hätten das Verfahren negativ beeinflussen können. Deswegen habe er sich nicht dazu entschließen können, die Beziehungen zu den Frauen “sauber zu beenden“, sagte Kachelmann. Die Erfahrungen im Prozess hätten ihm Recht gegeben. “Kolossal überrascht über die Dramen, die in Mannheim inszeniert wurden, war ich nicht.“

Fall Kachelmann: Der Tag der Urteilsverkündung

Urteil Kachelmann Bilder
31. Mai: Jörg Kachelmann kommt zur Urteilsverkündung am Landgericht Mannheim an. © dpa
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Der Medienrummel am Tag der Urteilsverkündung ist enorm. © dpa
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Vor dem Landgericht Mannheim bildete sich eine lange Schlange von Zuhörern. © dpa
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Die ersten hatten sich bereits um 5.00 Uhr angestellt, um einen Platz im Gerichtssaal zu bekommen. © dpa
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Der Medienrummel am Tag der Urteilsverkündung ist enorm. © dpa
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Der Wetterexperte kommt beim 44. Prozesstag mit Anwältin Andrea Combe zur Urteilsverkündung zum Gericht. © dpa
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Seit fast neun Monaten stand der 52-jährige Schweizer vor Gericht. © dpa
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Jörg Kachelmann bei der Ankunft am Gericht. © dapd
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Jörg Kachelmann kommt mit seinem Medienanwalt Ralf Höcker im Gerichtssaal an. © dpa
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Jörg Kachelmann im Gerichtssaal. © dpa
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Die Kolummnistin Alice Schwarzer im Gerichstsaal im Landgericht in Mannheim. © dpa
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Vor der Urteilsverkündung. © dpa
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Jörg Kachelmann steht mit seinen beiden Anwälten Johann Schwenn und Andrea Combe vor der Urteilsverkündung im Landgericht Mannheim. © dpa
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Gefasst nahm Jörg Kachelmann das Urteil zur Kenntnis. © dpa
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Zufriedene Gesichter: Jörg Kachelmann mit seinen beiden Anwälten Johann Schwenn und Andrea Combe. © dpa
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Das Medienaufkommen nach der Urteilsverkündung ist enorm. © dpa
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Das Medienaufkommen nach der Urteilsverkündung ist enorm. © dpa
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Das Medienaufkommen nach der Urteilsverkündung ist enorm. © dpa
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Verteidiger Johann Schwenn kommt nach der Urteilsverkündung aus dem Gericht. © dpa
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Verteidiger Johann Schwenn beantwortet Fragen der Journalisten nach dem Freispruch für seinen Mandanten Jörg Kachelmann. © dpa
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Alice Schwarzer äußert sich nach der Urteilsverkündung. © dpa
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Alice Schwarzer äußert sich nach der Urteilsverkündung. © dpa
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Das Medieninteresse im Fall Kachelmann war enorm. © dpa
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Nachdenklich scheint Jörg Kachelmann, als er das Landgericht Mannheim nach dem Freispruch verlässt. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa
Kachelmann freigesprochen: Die Bilder nach dem Urteil in Mannheim. © dpa

Die 132 Tage in Untersuchungshaft und die Zeit des Prozesses habe er zum Nachdenken genutzt. “Ich habe heute ein wunderbar geordnetes Berufs- und Privatleben. Ich weiß, was richtig und was falsch ist.“ Nach dem großen Medienecho gebe es keine Geheimnisse mehr über ihn, sagte er und zitierte die Liedzeile von Kris Kristofferson: “Freedom's just another word for nothing left to lose“ (Freiheit ist bloß ein anderes Wort dafür, dass man nicht mehr zu verlieren hat).“

Zornig und traurig mache ihn, dass der Prozess auch andere Menschen belaste. “Meine Frau steht jetzt unter dem Generalverdacht, nicht nur jung, sondern auch blöd zu sein. Die Leute blicken Miriam an und sagen sich: “Die Arme“.“ Die Wahrheit sei, dass er ohne ihre Intelligenz und ihre Entschlossenheit den Prozess nicht durchgestanden hätte. Auch für seine über 80 Jahre alte Mutter sei es schwer, ebenso wie für seine acht und elf Jahre alten Söhne. “Die Kinder wurden in die ganze Sache hineingezogen, das war furchtbar.“

dpa

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