Experte: Miserable Quote bei Dopingtests

Berlin - Die Doping-Bekämpfung im Sport ist nach Ansicht des Mainzer Sportwissenschaftlers Perikles Simon äußerst uneffektiv. Nur ein verschwindend geringer Teil der Tests führt demnach zu Sperren. 

Weltweit werden pro Jahr fast 300 Millionen US-Dollar (218 Millionen Euro) für Kontrollen ausgegeben - nur 0,3 Prozent der Tests führen letztlich zu einer Sperre. “Im Hinblick auf die momentan miserable Erfolgsquote der Analytik wäre es sehr sinnvoll zu sehen, wie man die Ausgaben im Bereich der konventionellen Analytik deutlich senkt“, zitiert die “Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Mittwoch) aus einem Brief Simons an die Abgeordneten des Bundestags-Sportausschusses.


Die lange Liste: Sportstars unter Dopingverdacht

Bei Eisschnelläuferin Claudia Pechstein wurden 2009 auffällige Blutwerte festgestellt. Der Retikulozytenanteil lag bei Proben über dem von der Internationalen Eislaufunion (ISU) festgelegten Höchstwert. Sie bekam eine Sperre aufgebrummt. Pechstein klagt dagegen. © dpa
Jan Ullrich soll in die Doping-Affäre um den spanischen Arzt Eufemiano Fuentes verstrickt gewesen sein. Von seinem Team wurde er suspendiert. Er bestreitet die Vorwürfe. © dpa
Bei der erfolgreichen Sprinterin Katrin Krabbe-Zimmermann wurde im Juli 1992 das Mittel Clenbuterol nachgewiesen. © dpa
Im Oktober 1999 wurde Dieter Baumann positiv auf Nandrolon getestet. Der Wirkstoff stammte angeblich aus einer Zahnpasta. © dpa
Bei der WM 1994 wurde Fußballstar Diego Maradona des Dopings überführt. © dpa
Die französische Sporttageszeitung L’Équipe schrieb im August 2005, dass in Urinproben von Lance Armstrong aus dem Jahr 1999 das Dopingmittel EPO (Erythropoetin) nachgewiesen worden sei. © dpa
Nach seiner Goldmedaille bei Olympia 1988 in Seoul wurde der Sprinter Ben Johnson positiv getestet. © dpa
2007 gestand Erik Zabel im Rahmen einer Pressekonferenz, bei der Tour de France 1996 eine Woche lang Doping mit EPO betrieben zu haben. © dpa
1992 wurde die Läuferin Grit Breuer überführt. © dpa
John McEnroe hat zugegeben, während seiner aktiven Zeit gedopt worden zu sein. © dpa
Radfahrer Marco Pantani wurde beim Giro d’Italia 1999 wegen überhöhter Hämatokritwerte disqualifiziert. © dpa
1988 hatte Sprinter Carl Lewis bei den US-Ausscheidungskämpfen drei verbotene Doping-Substanzen (Ephedrin, Pseudoephedrin und Phenylpropanolamin) im Blut. © dpa
Negative Schlagzeilen lieferte Ludger Beerbaum 2004, als der deutschen Mannschaft bei Olympia in Athen aufgrund eines positiven Dopingtests von Beerbaums Pferd Goldfever die Mannschafts-Goldmedaille nachträglich aberkannt wurde. © dpa
Bei den Olympischen Winterspielen 2002 in Salt Lake City gewann der für Spanien startende Langläufer Johann Mühlegg mehrere Medaillen. Kurz darauf musste er alle wegen nachgewiesenen Dopingmissbrauchs wieder abgeben. © dpa
Im Jahre 2004 geriet der Fußballer Marco Rehmer in die Schlagzeilen, als er ohne Absprache mit seinem Verein Hertha BSC ein Medikament nahm, das auf der Dopingliste stand. © dpa
Der Radrennfahrer Tom Simpson kam bei der Tour de France 1967 völlig überraschend ums Leben. Kurz vor dem Gipfel des Mont Ventoux bäumt er sich ein letztes Mal auf. Dann sackt er zusammen. Er flüstert: "Setzt mich wieder auf mein Rad". Dann stirbt er. Höchstwahrscheinlich war Doping im Spiel. © dpa
Nemanja Vučićević wurde 2005 positiv auf die verbotene Substanz Finasterid getestet. Er gab an, ein Haarwuchmittel genommen zu haben. © dpa
1999 wurde Linford Christie positiv auf das verbotene Dopingmittel Nandrolon getestet. © dpa
Dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ gestand Jörg Jaksche 2007, jahrelang gedopt zu haben. © dpa
Der Sprinter Konstantinos Kenteris und die Sprinterin Ekaterini Thanou entzogen sich 2004 bei Olympia in Athen einem Doping-Test. Die verweigerte Probe wurde als positiv gewertet. © dpa
Dem Fußballspieler Adrian Mutu konnte Kokainkonsum nachgewiesen werden. Das gilt als Doping, und er wurde für sieben Monate gesperrt. © dpa
Am 29. Juli 2006 gab Justin Gatlin selbst eine positive A-Probe auf Testosteron bekannt. © dpa
Im November 2008 wurde der österreichische Radstar Bernhard Kohl für 2 Jahre wegen Dopings gesperrt. Seine Ergebnisse der Tour de France 2008 wurden annulliert. Er hatte Gesamtplatz 3 belegt. © dpa
Sprinterin Marion Jones gestand im Oktober 2007 die Verwendung des Dopingmittels Tetrahydrogestrinon (THG). © dpa
Floyd Landis gewann 2006 die Tour de France. Im Nachhinein wurde ihm der Titel jedoch wieder aberkannt. © dpa
Ex-Eishockey-Spieler Uwe Krupp (M.) war 1990 bei einer WM positiv getestet worden – der erkältete Krupp, damals NHL-Profi in Buffalo, hatte ein Hustenmittel genommen, das Ephedrin enthielt.  © dpa
Bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt 2005 wurde der Radfahrer Stefan Schumacher positiv auf Doping getestet. Im Oktober 2008 berichtete die französische Zeitung L’Équipe, dass Schum acher bei der Tour de France 2008 positiv auf das Blutdopingmittel CERA (EPO) getestet wurde. © dpa
Der Deutsche Leichtathletikverband eröffnete im November gegen Nils Schumann ein sportrechtliches Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts eines Verstoßes gegen Anti-Doping-Bestimmungen. © dpa
Der Radprofi Frank Vandenbroucke ist im Alter von 34 Jahren gestorben. Immer wieder hatte er unter Dopingverdacht gestanden © dpa
Am 18. Juli 2007 gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass bei Patrick Sinkewitz in der A-Probe einer unangemeldeten Trainingskontrolle in den Pyrenäen am 8. Juni 2007 ein deutlich erhöhter Testosteron-Epitestosteron-Quotient festgestellt worden sei. © dpa
Das Pferd von Isabell Werth wurde im Jahr 2009 positiv auf die verbotene Substanz Fluphenazin getestet. © dpa
Am 24. Juli 2007 wurde bekannt, dass Alexander Winokurow beim Sieg im Einzelzeitfahren der 13. Etappe sowie drei Tage später auf der 15. Etappe der Tour de France positiv auf Blutdoping getestet wurde. © dpa

Das Gremium behandelt am (heutigen) Mittwoch in Berlin unter anderem den Dopingbericht für 2009. Simon, Mediziner und Sportwissenschaftler an der Mainzer Gutenberg-Universität, will im Sportausschuss einen Vortrag halten. “Ein des Dopings überführter“, stellt der Professor fest, “kostet zur Zeit 300 000 US-Dollar. Nach vorsichtigen Schätzungen müssen wir einen, der wirklich dopt, im Schnitt etwa 150 mal testen, bis wir ihn überführen können“, berichtet Simon. Dies decke sich mit Aussagen von Athleten, “die langjähriges Doping im Spitzenbereich zugegeben haben und dennoch in hunderten Tests zunächst negativ waren.“


Dabei geben nach Erkenntnissen von Simon selbst im dopingkontrollierten Nachwuchsbereich in Deutschland “8 Prozent der Athleten Doping“ zu. Sein Saarbrücker Kollege Eike Emrich komme gar “auf rund 30 Prozent Athleten, die wahrscheinlich dopen“. Dagegen ist sich der Mainzer Experte mit Kollegen in den USA und Kanada “einig, dass eine vernünftige Expertenschätzung für Doping unter Eliteathleten im Erwachsenenbereich über alle Sportdisziplinen hinweg bei rund 40 bis 60 Prozent liegen sollte“, stellt Simon in dem Schreiben an den Sportausschuss fest.

Simons Hauptforderung an Sportpolitik und Wissenschaft besteht darin, mehr für die Weiterentwicklung der Analytik zu investieren. Es sei “nicht sinnvoll“, dass dafür gegenwärtig “weniger als 2 Prozent der im Dopingkampf eingesetzten Gelder“ ausgegeben werden. In der Forschung müssten unbedingt Synergie-Effekte genutzt werden. Oft sei den Forschern gar nicht klar, dass man ihre wertvollen Arbeitsergebnisse “auch im Anti-Doping-Kampf nutzen könnte“.

“Weltweit werden nur 6 Millionen Euro in die Weiterentwicklung der Analytik gesteckt. Da verdient mancher Fußball-Profi mehr“, kritisiert Simon in der Ulmer “Südwest Presse“ (Mittwoch) und fordert: “Die Prioritäten müssen sich verschieben.“ 30 bis 40 Prozent weniger Geld in die konventionelle Analytik, deutlich mehr in die Forschung. Doping sei im Spitzensport ein Massenphänomen. “Wenn man das nicht hinnehmen will, muss man etwas dagegen tun. Das kostet Geld.“ Sollten die Betroffenen dafür nicht zu gewinnen sein, empfiehlt der Wissenschaftler, die Steuergelder in den Nachwuchs- und Breitensport umzulenken.

dpa

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