Interview mit Paartherapeutin Dorothea Perkusic

Häusliche Gewalt in Corona-Krise: "Wer einen Verdacht hat, sollte immer reagieren"

Nicht für alle ist Zuhause bleiben in Corona-Zeiten die sicherste Option: Viele Menschen sind Opfer von Gewalt und Missbrauch. Wir haben mit Dorothea Perkusic, Einzel- und Paartherapeutin aus Rosenheim, über die aktuelle Situation gesprochen.

Warum kann eine häusliche Quarantäne aus psychologischer Sicht zur Gefahr werden?


Dorothea Perkusic: Isolation ist ein ganz wesentlicher Stressfaktor, der insbesondere psychische Störungen oder Probleme verstärken kann. Ängste, Ungewissheiten, Schlafstörungen, Langeweile, Grübeln nehmen zu und auch der Alkoholkonsum steigt bei den meisten Menschen, was sein Übriges tut. Der Frust wird größer und damit sinkt häufig die eigene Fähigkeit der Selbstkontrolle und damit sinken Hemmschwellen und die Gewaltbereitschaft steigt. Der Stress, der innerhalb von Familien häufig sowieso schon besteht, wird mehr und drastischer empfunden, weil keiner dem anderen so richtig auskommt. Und auch die familiäre Erwartungshaltung kann zu groß werden und zu Überforderung führen. Das kennen wir ja schon von den Weihnachtsfeiertagen. Die coronabedingte Ausgangssperre schafft in familiär sowieso schon schwierigen Familien ein zusätzliches Konfliktpotential.

Nicht zu vergessen, dass die Frauen und Kinder die zu Hause ohnehin körperlicher, emotionaler und sexueller Gewalt ausgesetzt sind, nun keine Fluchtmöglichkeiten mehr haben. Täter und Täterinnen können nahezu ungestört vorgehen, weil das soziale Umfeld fehlt dadurch, dass die Bereiche in denen Missbrauch und Gewalt sonst eher auffallen, wegfallen. Wie zum Beispiel Arbeitsplatz, Schule, Kindergarten, Tagesmütter usw. Das ist wirklich tragisch, denn die Opfer sind hilflos ausgeliefert.


Kann es in solch einer Situation jedem Menschen passieren, aggressiv und auch gewalttätig zu werden?

Dorothea Perkusic: Jeder Mensch kennt Situationen, in welchen die Möglichkeit zur Selbstkontrolle sinkt, wie durch Verletzungen, Druck, Stress. Wenn gesunde Selbstregulation durch Isolation nicht mehr über Ablenkungen von außen möglich ist, macht das einige Menschen unausgeglichener und leider auch aggressiver. Nicht jeder wird dadurch zum Gewalttäter, dies ist nochmal eine ganz andere Schwelle. Aber nicht wenige sind eben bereits gewalttätig. Jedem kann es passieren, dass er die Beherrschung verliert - in welchem Ausmaß, das ist dann von mehreren Faktoren abhängig wie zum Beispiel der individuellen Frustrationstoleranz, Prägungen durch frühkindliche Erfahrungen usw.

Gibt es Anzeichen und/oder Warnhinweise, dass sich die häusliche Lage zuspitzt? Wenn ja, welche?

Dorothea Perkusic: Wenn zunehmend diskutiert und gestritten wird, Türen geknallt werden und jeder nur noch genervt vom anderen ist, sind das schon ausreichende Spannungszeichen. Darauf sollte nicht mit Konfrontation reagiert werden sondern mit Ruhe, Toleranz, Respekt vor den jeweiligen Bedürfnissen und Problemen und der erforderlichen Distanz zum gelegentlichen Rückzug eines jeden. Besonders Frauen und Mädchen aber auch Kinder im allgemeinen sind in Zeiten der Ausgangssperre besonders massiv von Gewalt betroffen. Wenn sich Menschen zunehmend bedroht fühlen durch den emotionalen Zustand oder das Verhalten eines Angehörigen, sollte nicht davor zurückgeschreckt werden, über irgendeinen Kanal nach Hilfe zu rufen. Besser zu früh als einmal zu spät. Und auch wenn dies angst- oder schambesetzt ist, so ist es wichtig und nicht selten rettend.

Was kann man tun, damit man auch im "eingesperrten Zustand" eine gute und glückliche zwischenmenschliche Beziehung fortführt?

Dorothea Perkusic: Wichtig ist, trotz „zwanghaftem“ Beisammenseins auf die jeweiligen Bedürfnisse nach Nähe und Distanz zu achten. Wer den Wunsch nach Rückzug verspürt, sollte diesem nachkommen können und wenn es nur in einem separatem Zimmer ist. Video- oder Telefonverabredungen mit Freunden um soziale Kontakte aufrecht erhalten zu können, sich mit der Betreuung der Kinder abzuwechseln, ein verständnisvolles Gespräch. Jeder sollte schauen, was er braucht. Gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme und die Dinge manchmal nicht zu genau zu nehmen, sind gute Methoden um sich vor nervlichen Überbelastungen und Überreizungen zu schützen und größeren Eskalationen vorzubeugen.

Was können oder sollten Menschen tun, bei denen sich die Lage in den eigenen vier Wänden zuspitzt?

Dorothea Perkusic: Diese Menschen sollten nicht zögern, sich mit ihren Nöten ernst zu nehmen und gegebenenfalls Hilfe in Anspruch zu nehmen. Sei es durch Gespräche mit Freunden oder Familie oder auch der Telefonseelsorge oder bei Therapeuten. Wenn man nicht mehr weiter weiß, einfach jemanden anderen fragen, der neutrale Hilfe leisten kann und um Hilfe bitten. Manchmal reicht auch schon das Gefühl, von anderen ernst genommen und verstanden zu werden. Wir befinden uns alle in einem für die meisten nie da gewesenen Ausnahmezustand und es ist völlig normal, in dieser Situation auch mal nicht weiter zu wissen. Geteiltes Leid ist manchmal halbes Leid.

Für ganz akute Probleme und in Fällen von Missbrauch und Gewalt jeglicher Art, leistet zum Beispiel der weiße Ring wertvolle Hilfe. 

(Hier finden Sie alle Notfall-Nummern)

Wer einen Verdacht auf Gewalt oder Missbrauch hat, sollte immer reagieren. Sprechen Sie Jugendämter, Polizei, Beratungsstellen an. Wer nicht mehr weiter weiß oder sich in Not befindet, kann auch Kontakt zu Therapeuten aufnehmen. Viele Kollegen wie auch ich selbst, arbeiten nach wie vor zumindest telefonisch oder per Videotelefonate und bieten individuell abgestimmte Termine an. Ich bin unter meiner Telefonnummer oder auch per Email jederzeit erreichbar, auch in akuten Krisensituationen. Diese Angebote sollte gerade in diesen Zeiten jeder der es benötigt für sich nutzen.

Haben Sie im Allgemeinen noch einen guten psychologischen Rat für unsere Leserinnen und Leser, wie sie mit der aktuellen Lage umgehen sollten?

Dorothea Perkusic: Wie bereits gesagt, Toleranz, Achtung, Respekt und ein liebevoller und rücksichtsvoller Umgang sind im Allgemeinen die besten und wünschenswerten Begleiter. Ansonsten: Auch die Ausgangssperre wird ein Ende haben und ich bin ganz sicher: auch wenn viele davon schwer betroffen sind - alles wird gut. Denken wir positiv und zuversichtlich. Jeder kann diese Zeit nach Möglichkeit für sich nutzen um einmal zu reflektieren. Wo stehe ich, was brauche ich, was lebe ich, welchen Abdruck hinterlasse ich und was davon möchte ich erhalten oder verändern? In jeder Krise steckt auch immer eine Chance, Dinge zum Besseren zu verändern. Wir sind als Einzelpersonen und als Teil einer Gesellschaft vielleicht mehr denn je aufgefordert, innezuhalten und nachhaltige Veränderungen zu schaffen. Die fangen bei kleinen aber wichtigen Details an, denen jeder von uns mehr Beachtung schenken sollte. Wie dem eigenen Bewusstsein für Menschen und Umwelt, Tiere, Beziehungen, Konsum, Mitmenschlichkeit und dem Umgang mit den eigenen Befindlichkeiten.

Kontakt:

Dorothea Perkusic 

Einzel- und Paartherapie

Mobil: 0175-5611171 

E-Mail: info@dorothea-perkusic.de

Quelle: rosenheim24.de

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Dorothea Perkusic
Einzel- und Paartherapie

Im Zentrum meiner Arbeit stehen die systemische Therapie und insbesondere Ihre Bedürfnisse.

In der Kindheit hat sich jeder von uns unbewusst ein Verhalten angeeignet, welches für das Zusammenleben in unserer Herkunftsfamilie nötig war und uns in diesem System am besten „zurecht kommen“ ließ. Diese erlernten Verhaltensmuster und Beziehungsmuster tragen wir weiter ins Erwachsenenleben und in unsere Partnerschaft. Wir stellen fest, dass wir damit plötzlich nicht mehr klar kommen, plötzlich scheint es etwas anderes zu brauchen, Konflikte und Enttäuschungen entstehen. Durch das Erkennen dieser veralteten Muster und Verhaltensweisen, das Überprüfen deren Notwendigkeit, diese bestehen lassen zu müssen, entstehen langsam aber nachhaltig Veränderungen. Durch tieferes Verstehen und Überprüfen lösen sich Blockaden und wir können aufbrechen in eine freie, an unsere echten Bedürfnisse angepasste Beziehung.

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Dorothea Perkusic
Einzel- und Paartherapie

Mobil: 0175-5611171
E-Mail: info@dorothea-perkusic.de

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