Berufsleben im Friedhof beeinflusst die Gedankengänge

"Tod gehört zum Leben"

Rosenheim - Trauer und Tränen - Menschen, die oft im Friedhof arbeiten, werden damit laufend konfrontiert. Wie lebt es sich, wenn man ständig den Tod vor Augen hat?

Friedhofswärter, Bestattungsgehilfen, Steinmetz und Friedhofsgärtner erzählen, wie es ihnen dabei geht.


Die Arbeit im Friedhof ist für Max Prentl von der gleichnamigen Gärtnerei etwas Alltägliches. Besonders vor Allerheiligen gibt es dort für ihn in Sachen Grabpflege viel zu tun. Den Begriff "alltäglich" will Prentl aber nicht verwenden, wenn er über diese Tätigkeit spricht. "Da kehrt nie Routine ein. Jeder Todesfall ist anders, jedes Grab soll individuell gestaltet werden." Prentl ist bei seiner Arbeit wichtig, den Abschied aus dem irdischen Leben mit Blumenschmuck möglichst schön und würdig zu gestalten. "Die Hinterbliebenen schöpfen daraus Trost", weiße er.

Der Umgang mit Trauernden ist für ihn Normalität. Trotzdem gebe es immer wieder Situationen, die ihm nahegehen. "Wenn es junge Menschen trifft oder sogar jemanden, den ich persönlich gekannt habe, gibt mir das immer einen Stich im Herzen." Prentl habe durch seine Arbeit im Friedhof gelernt: "Der Tod kann jederzeit kommen - dessen sollte man sich stets bewusst sein." Bewegt ihn etwas sehr, bespricht er es nach Feierabend mit seiner Familie: "Die Vorkommnisse am Tag lassen sich nicht einfach so auf Knopfdruck abstellen."


Darum gibt es auch immer wieder Augenblicke, in denen sich Prentl vornimmt, "das Leben mehr zu genießen und schöne Augenblicke bewusster wahrzunehmen". Doch die Umsetzung dieses Vorsatzes sei aufgrund der täglichen Pflichten schwierig.

"Tod ist für mich buchstäblich greifbar"

Viel über das Leben und den Tod nachgedacht hat auch Reinhold Grimm. Über 30 Jahre ist er als Steinmetz in Rosenheim tätig und kommt damit dem Tod "auch ganz handfest" nahe. Bei seiner Arbeit stößt er immer wieder mal auf Knochen und Schädel. "Für mich ist der Tod dadurch buchstäblich greifbar", meint der 55-Jährige.

Wie Prentl bezeichnet auch er den Tod als selbstverständlich. Ein Beruf, der so oft mit Trauer, Tränen und Vergänglichkeit zu tun habe, präge den Charakter. "Steinmetze gelten seit jeher als gesellige Menschen und leben meist lange", sagt Grimm. Warum das so ist, kann er sich selbst nicht ganz erklären: "Darüber habe ich schon nachgedacht. Vielleicht gibt unseren Beruf irgendeine Form von Energie."

Bewegt habe ihn auch schon oft die Frage, was nach dem Tod kommt: "Ich habe das aus biologischer Sicht und christlicher Denkweise heraus betrachtet. Lebt man nun ewig weiter oder ist einfach Schluss?" Für sich selbst hat der Steinmetz beschlossen, "diese Frage offen zu lassen. Das ist für mich der beste Weg, damit zu leben."

Anton Franzl hat schon selbst einen geliebten Menschen verloren. Eines seiner Kinder starb am frühen Kindstod. Das ist zwar schon viele Jahre her, aber wenn im Friedhof Kinder beigesetzt werden, bewegt den 49-Jährigen das nach wie vor ganz besonders. "Ich weiß in einer solchen Situation ganz genau, wie sich die Eltern dabei fühlen", erzählt der Bestattungsgehilfe des Bestattungsunternehmens "Trauerhilfe Denk".

Trotzdem ist er diesem Beruf schon 21 Jahre treu geblieben: "Zu sagen, dass ist meine Berufung, wäre vielleicht etwas zu viel. Aber ich empfinde diese Tätigkeit als sehr wichtig. Man muss ein Gefühl haben für die Angehörigen, um ihnen in ihrer Trauer beistehen zu können."

Den Tod betrachtet auch Anton Franzl als "Selbstverständlichkeit" und teilt diese Denkweise mit seiner Familie. "Wenn mich etwas sehr bewegt, spreche ich darüber mit meiner Frau und meinen Kindern. Darum ist auch für sie der Tod etwas ganz normales", erzählt der Bruckmühler. Angst vor dem Lebensende habe er nicht, dafür aber vor dem Sterben.

Das Berufsleben von Hermann Schillinger spielt sich seit rund zehn Jahren im städtischen Friedhof ab. Er fing als Helfer der Friedhofsgärtnerei bei der Stadt an. Nach kurzer Zeit wurde ein "Totengräberhelfer" gesucht. Hermann Schillinger bewarb sich und bekam den Posten. "Ab diesem Zeitpunkt lief es wie in jeder anderen Arbeit auch. Ich sammelte Erfahrungen und setzte mich natürlich auch mit der Frage auseinander, ob ich mit den jeweiligen Situationen, in die man als Totengräber kommt, umgehen kann."

"Feingefühl und Mitleid"

Seit drei Jahren ist Schillinger Friedhofswärter. Im alltäglichen Umgang mit trauernden Menschen brauche man viel Feingefühl, beschreibt er seine Arbeit. Nach wie vor empfinde er Mitleid mit den trauernden Menschen, schränkt aber ein: "Ich behalte mir aber das Recht vor, die Dinge aus realistischer Sicht zu sehen."

In seinem Privatleben habe sich durch den Beruf nichts geändert. Trauernde Mensche zu sehen, sei nie ein schönes Gefühl, jedoch: "Das ist ein Teil meiner Arbeit und zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass man jeden Augenblick des Lebens genießen muss."

wu/Oberbayerisches Volksblatt

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