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Gift, Bußgelder und „notorische Taubenfütterer“: Tiere sind seit bald 70 Jahren Thema

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Von: Heinz Seutter

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Oben rechts: Tauben im Salingarten in Rosenheim (Archivbild). Ringsum: Artikel des Oberbayerischen Volksblatts aus den vergangenen 70 Jahren zur Stadttauben-Problematik.
Oben rechts: Tauben im Salingarten in Rosenheim (Archivbild). Ringsum: Artikel des Oberbayerischen Volksblatts aus den vergangenen 70 Jahren zur Stadttauben-Problematik. © Schlecker/OVB (Montage)

Noch immer beklagt sich manch einer in Rosenheim, dass die Stadttauben, besonders die durch sie entstehenden Verunreinigungen, ein Problem seien. Doch wie weit reicht das Thema zurück? Wir haben uns in den Beständen des Stadtarchivs umgesehen und bei den zuständigen Stellen nachgefragt.

Rosenheim - „Nach den Beobachtungen des Tierschutzvereins haben am Salzstadel in letzter Zeit verschiedene Personen vergifteten Weizen ausgestreut, um die große Zahl von Tauben zu dezimieren, die dort ihren Standort haben. Zahlreiche Tauben sind bereits an diesem Giftweizen eingegangen und liegen im engeren und weiteren Umkreis tot umher“, berichtete das Oberbayerische Volksblatt in seiner Ausgabe vom 23. September 1957 in der Rubrik „Aus dem Tagesgeschehen“. Weiter heißt es in dem Bericht: „Wie uns der Tierschutzverein mitteilt, nehmen viele Leute, die solche Tiere finden, irrtümlich an, daß es sich um erschossene oder von Autos überfahrene Tauben handelt. Es bestehe eine große Gefahr, wenn Menschen vergiftete Tauben braten und verzehren. Auch wenn man solche tote Tiere Hunden oder Katzen zum Fraß vorsetzt, besteht die Gefahr, daß diese daran verenden.“

Taubenpopulation wird ab den 50er-Jahren in Rosenheim als Problem gesehen

Dies ist der erste Fall, in dem öffentlich in Rosenheim von einer „Taubenplage“ die Rede ist. Durchsucht man die Bestände des Stadtarchivs, so ist von Tauben bis dahin nur als Nutztiere, als Brieftauben oder zum Verzehr gezüchtet im Rahmen beispielsweise von Berichten und Ankündigungen von Taubenmärkten die Rede. „Der Verwaltung liegen keine Aufzeichnungen vor, die über diesen Recherchestand hinausgehen“, teilt Christian Schwalm, Pressesprecher der Stadt Rosenheim mit. Stadttauben vermehrten sich immer mehr, nachdem sie in der Nachkriegszeit nicht mehr als Nutztier gebraucht wurden. Wie Tierschützer anmerken, liegt dies darin begründet, dass sie vom Menschen gezielt dahin gezüchtet wurden, einen starken Drang zu Brut und Vermehrung zu haben.

Die Kartei-Einträge des Stadtarchivs zu den Begriffen „Taube“ und „Rosenheim“ nur für die 90er und frühen 2000er-Jahre.
Die Kartei-Einträge des Stadtarchivs zu den Begriffen „Taube“ und „Rosenheim“ nur für die 90er und frühen 2000er-Jahre. © hs

Seit den 1950er Jahren werden die Tiere also zunehmend in Rosenheim als Problem gesehen. So heißt es in einem Bericht des OVB in der Ausgabe vom 11. Mai 1972 unter der Überschrift „Taubenplage ein Problem“ über die Generalversammlung des Tierschutzvereins Rosenheim-Bad Aibling: „Daß [sic!] Tauben Krankheitsträger sind, wurde in wissenschaftlichen Untersuchungen festgestellt. Darum sei die Frage, ob das ganze Jahr über für diese Tiere, deren Vermehrung Überhand nimmt, durch Fütterung werden soll, wirklich problematisch, meinte Baumann. [Anmerkung der Redaktion: Der damalige Vorsitzende des Vereins]“ Es folgten in den folgenden Jahren Versuche mit „Spezialmais“, welcher die Fortpflanzungstätigkeit einschränken sollte.

1997 wird es ernst für Taubenfreunde: Rosenheim beschließt ein Fütterungsverbot und Bußgelder

„Tauben werden gezählt. Mit Fernglas und Notizblock unterwegs: Noch über 1000 Tauben in der Stadt - Viele sind überfüttert“, berichtet das OVB am 30. März 1992. „Pille keine Hilfe. Tierschutzverein verzichtet auf Fütterung“, heißt es am 23. November 1995. Im Laufe des folgenden Jahres rücken Leute, die Tauben füttern, zunehmend in das Visier der Behörden. Ein Fütterungsverbot wird erwogen. „Wer füttert, der zahlt“, titelte das OVB schließlich am 1. April 1997. „Jetzt wird es ernst für hartnäckige Taubenfütterer. Ab heute - und das ist kein Aprilscherz - müssen die selbsternannten Tierfreunde mit einem Bußgeld rechnen, wenn sie beim verbotenen Futterstreuen erwischt und dafür angezeigt werden. Harald Tüchler vom Umweltamt droht zunächst mit 50 Mark. Die Steigerungsmöglichkeit endet bei 1000 Mark. Ob es jemals zu einem Bußgeld in dieser Höhe kommt, weiß niemand. Nur eines weiß Harald Tüchler genau: ‚Unsere altbekannten Taubenfütterer werden uns weiter das Leben schwermachen.‘“ Weiter wird Tüchler in dem Bericht zitiert: „Vor allem in einem ganz bestimmten Fall rechnet Tüchler mit Problemen. ‚Eine unserer altbekannten Kundinnen wird ganz bestimmt nicht aufhören, den Tauben Körner hinzustreuen‘, ist er überzeugt. Und in diesem Fall werde es auch kein Pardon mehr geben.“

1997 wird es für Taubenfütterer ernst: Die Stadt Rosenheim beschließt ein Fütterungsverbot und Bußgelder.
1997 wird es für Taubenfütterer ernst: Die Stadt Rosenheim beschließt ein Fütterungsverbot und Bußgelder. © OVB

Am 12. Oktober 1999 berichtet das OVB dann von einem besonders renitenten Taubenfreund. „Nachts kommt der Kolbermoorer. Hartnäckiger Taubenfütterer musste schon zweimal Bußgeld bezahlten“, so die Überschrift des Berichts. „Was sind das für Menschen, die derartige nächtliche Expeditionen unternehmen, nur um in einer anderen Stadt Körner auszustreuen? Die Mitarbeiter im Umweltamt der Stadt hatten seit dem 1997 ausgesprochenen Fütterungsverbot Gelegenheit, ausgiebige Charakterstudien zu betreiben. Ihre Stammkunden sind Argumenten wie Krankheitsübertragung oder Verschmutzung von Fassaden in keiner Weise zugänglich. Hermann Koch, zuständiger Dezernent, kam nach einem aufschlussreichen Gespräch im Riedergarten, wo er ein ‚Taubenmutterl‘ überzeugen wollte, zu der Erkenntnis: ‚Die empfangen auf dieser Antenne nichts.‘“ Insgesamt zeigte allerdings das Fütterungsverbot nach damaligen Berichten Wirkung, die Zahl der Tiere reduzierte sich Ende der 90er Jahre.

Fütterungsverbot wird in Rosenheim inzwischen gut angenommen

„Insgesamt wird das Fütterungsverbot von der Bevölkerung gut angenommen. Im vergangenen Jahr erging nur ein Bußgeldgeldbescheid wegen des Verstoßes gegen das Taubenfütterungsverbot; vereinzelt mussten Personen ermahnt werden“, berichtet wiederum Christian Schwalm vom aktuellen Stand der Dinge.„Die Stadt Rosenheim betreibt seit 12 Jahren ein Taubenhaus auf dem Dach des Parkhauses an der Stollstraße. Dort haben die Tauben eine sichere Brutstätte, gleichzeitig steht den Tauben dort artgerechte Nahrung zur Verfügung. Somit müssen die Tauben nicht in menschlichen Abfällen nach Nahrung suchen. Aus den Nestern im Taubenhaus wird ein Teil der Eier entnommen, um so die Taubenpopulation auf lange Sicht zu minimieren. Seit einigen Jahren gibt es  im Turm der Pfarrkirchen Sankt Nikolaus erfolgreiche Bruten eines Wanderfalkenpärchens, dieses trägt durch ihr Jagdverhalten zu einem gewissen Teil zur natürlichen Reduktion der Taubenpopulation bei. Weitere Informationen zu den Stadtfalken gibt es auf der Homepage www.rosenheimer-stadtfalken.de.“

„Aktuell sind keine weiteren Maßnahmen geplant. Dennoch werden weitere Maßnahmen geprüft, die eine Reduktion der Taubenpopulation im Einklang mit den Normen des Tierschutzrechts garantiert“, schließt Schwalm. „Wir schließen uns in dieser Sache der Kampagne des Deutschen Tierschutzbunds an“, berichtet unterdessen Andrea Thomas, 1. Vorsitzende des Tierschutzvereins Rosenheim e.V.. „Es ist ganz einfach: Du musst Tauben nicht lieben, aber behandle unsere städtischen Mitbewohner mit Respekt“, so die zentrale Aussage dieser Kampagne.

Die Ratschläge des Deutschen Tierschutzbunds zum Umgang mit Stadttauben:

Keine Angst vor Krankheiten. Die gesundheitliche Gefährdung durch Tauben ist nicht größer als die durch andere Zier- und Wildvögel oder Haustiere. 

Bitte nicht unkontrolliert füttern. Dem Zufutter fehlen oft wichtige Nährstoffe und auch die unregelmäßige Fütterung birgt Probleme für die Tiere. 

Tauben kennenlernen. Tauben stehen für Liebe und Frieden. Sie sind treue Tiere und bleiben ein ganzes Leben lang mit ihrem Partner zusammen. Sie sind sehr intelligent und können sogar menschliche Gesichter wiedererkennen. 

Nicht quälen oder ärgern. Niemand wird gerne getreten oder verscheucht. Das Leben der Tauben in der Stadt ist schon schwierig genug. Wir sollten es ihnen nicht noch schwerer machen.

Stadt auf tierschutzgerechte Lösungen ansprechen. Taubenhäuser und -türme wie in Rosenheim helfen dabei, den Bestand der Tauben tiergerecht zu regulieren. So können sie artgerecht gefüttert und ihre Gesundheit kontrolliert werden. Die Tiere können in Ruhe nisten und ihre Eier durch Attrappen ausgetauscht werden. Dadurch entsteht ein kleinerer, gesunder Stadttaubenbestand.

Tauben in Not helfen. Wenn Du eine kranke oder verletzte Taube siehst, erkundige Dich am besten bei einem Stadttauben- oder Tierschutzverein, wie und ob man dem Tier helfen kann.

hs

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