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Leiterin des Trauerzentrums im Gespräch

Trauer um einen geliebten Menschen bewältigen: So hilft „Lacrima“ in Rosenheim Kindern

Mit viel Feingefühl versuchen die Pädagogen, die Narben an der Seele der Buben und Mädchen zum Heilen zu bringen.
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Mit viel Feingefühl versuchen die Pädagogen, die Narben an der Seele der Buben und Mädchen zum Heilen zu bringen.

Im Trauerzentrum „Lacrima“ der Johanniter-Unfallhilfe im Familienzentrum Christkönig kümmern sich Pädagogen ehrenamtlich um trauernde Kinder. Ein Gespräch mit der Leiterin Dr. Beate Düntsch-Hermann über Kummer, Rituale und warum das Leben stärker ist, als der Tod.

Rosenheim – Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Das weiß Beate Düntsch-Hermann ganz sicher. Seit acht Jahren leitet sie das Zentrum „Lacrima“ in Rosenheim und hilft Kindern bei der Trauerverarbeitung. In ihrer Gruppe sind Mädchen, die gerade ihren Vater verloren haben und Buben, die plötzlich damit klarkommen müssen, dass die Mutter nicht mehr nach Hause kommt. Es gibt Kinder, die ein Geschwisterteil verloren haben und diejenigen, die lernen, mit dem Tod ihrer Großeltern klarzukommen. Sie alle treffen sich zweimal im Monat im Familienzentrum Christkönig am Kardinal-Faulhaber-Platz – zum Reden, Zuhören und Zusammensein.

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„Kinder trauern ganz anders als Erwachsene“, sagt Beate Düntsch-Hermann. Während Erwachsene nach dem Tod in ein „Tränental rutschen“ und sich nach und nach wieder zurück ins Leben kämpfen, würden die Kinder in die „Trauer rein- und wieder rausspringen“. Die Leiterin erzählt von Kindern, die ihr während der Treffen vom toten Papa erzählen, nur um Sekunden später zu fragen, ob sie jetzt endlich mit dem Basteln anfangen dürften. „Das sind Geschwindigkeiten, bei denen auch ich ab und an Mühe habe mitzukommen“, sagt Düntsch-Hermann. Aber auch das gehöre zu ihrer Arbeit als Trauerbegleiterin. Sich an die Geschwindigkeit der Kinder anzupassen, auf sie einzugehen und herauszufinden, was sie brauchen.

Auf den Boxsack eingeschlagen

Denn jedes Kind gehe unterschiedlich mit der Trauer um. „Wir hatten mal einen Buben, der für anderthalb Jahre in jeder Gruppenstunde auf den Boxsack eingeschlagen hat“, erinnert sich Düntsch-Hermann. Reden wollte er nicht. Erst später, als die gesamte Wut aus seinem kleinen Körper gewichen war, erzählte er den Trauerbegleitern von seinem Vater, der sich umgebracht habe und auf den er unheimlich wütend sei. „Wut, Angst und Verzweiflung verhindern das Trauern. Die Wut muss erst raus, damit wir über das Geschehene sprechen können“, sagt die Leiterin.

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Doch nicht nur mit wütenden Kindern hat sie immer wieder zu tun. Es gibt auch die Buben und Mädchen, die nicht trauern wollen, um dadurch das hinterbliebene Eltern- oder Geschwisterteil zu schonen. „Die Kinder wollen oft die Verantwortung für die Familie übernehmen“, sagt die Leiterin und erzählt von einem achtjährigen Buben, dessen Vater starb und der anschließend verkündete, dass er jetzt der „Mann im Haus“ ist.

Was mittlerweile eine nette Anekdote ist, hat einen ernsten Hintergrund: „Die Kinder haben wahnsinnige Angst, dass dem verbliebenen Elternteil auch etwas passiert“, sagt Düntsch-Hermann. Aus diesem Grund rät sie der Mutter oder dem Vater, sich Gedanken zu machen, wer für ihr Kind zuständig wäre, falls ihnen selbst etwas passieren sollte. „Das entlastet die Kinder ungemein“, ist die Leiterin sicher.

Trauern ist wichtiger als das Fußballtraining

Es sind Dinge, die sowohl die Eltern als auch die Kinder während der Sitzungen im Trauerzentrum „Lacrima“ lernen. Um zu garantieren, dass beide Parteien das Angebot ernst nehmen, muss vorab ein Vertrag unterzeichnet werden. Ausreden zählen nicht. Das Trauern sei wichtiger als Kindergeburtstage oder Fußballtraining. „Für uns ist es unerlässlich, dass die Teilnehmer zuverlässig sind“, sagt die Leiterin. Gleiches würde sie auch den Kindern bieten.

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Denn Rituale und Verlässlichkeit werden im Trauerzentrum „Lacrima“ groß geschrieben. Jede Stunde würden den Kindern vorab genaustens erklärt werden und beginnt in den meisten Fällen mit einem Spiel im Bewegungsraum. Anschließend können die Kinder ihre Kreativität ausleben.

Während die Kinder malen, kommen sie auf die Lieblingsfarbe der verstorbenen Mutter zu sprechen oder erklären, warum sie im Moment lieber dunkle Farben wählen, um ihre Gefühlslage auf Papier zu bringen. Will ein Kind weder spielen noch malen, können sie sich im sogenannten Kuschelraum zurückziehen. „Aber auch hier haben wir die Regel, dass kein Kind ohne einen Erwachsenen ist“, sagt die Leiterin. Auch wenn das bedeutet, dass die beiden miteinander schweigen.

Keine Ablenkung, sondern Raum bieten

Ziel sei nicht abzulenken, sondern den Kindern einen Raum für ihre Trauer zu geben. Dabei ist der Leiterin wichtig, dass die Kinder akzeptieren, dass der Verstorbene auch weiterhin ein Teil ihres Lebens bleiben wird. Auch wenn die „Narben an der Seele nach und nach verheilen werden“. Auch dank der Arbeit von Beate Düntsch-Hermann und ihren Mitarbeitern im Trauerzentrum „Lacrima“.

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