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Salongespräch in Rosenheim

30.000 Postkarten und 15.000 Bücher: Was treibt Hobby-Sammler an?

Christian Poitsch (links) und Simon Hausstetter (rechts)
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Sind Sammler verrückt? Die Antwort von Christian Poitsch (links) und Simon Hausstetter (rechts): „Ein bißchen wahrscheinlich schon. Aber das sind alle anderen ja auch…“

Simon Hausstetter und Christian Poitsch sprechen im Affekt in Rosenheim über ihr gemeinsames Hobby und erklären, warum sie eher Finder als Sucher sind und wo die Grenzen des Sammelns liegen.

Rosenheim - „Man weiß: Irgendwann kommt bestimmt der Tag, an dem man es mal brauchen könnte – und dann wird es ein feines Gefühl sein, wenn man es hat.“ Das, so Christian Poitsch, Stadtmarketingchef in Kolbermoor, sei einer der grundlegenden Antriebe hinter dem Sammeln. Und er konnte den Beweis antreten. Das Salongespräch zum Thema Sammeln veranstaltete er zusammen mit Rohrdorfs Bürgermeister Simon Hausstetter nämlich im „Affekt“ – und das liegt gegenüber der Kirche Christkönig. Die, so konnte Poitsch an einigen Postkarten belegen, stand einst auf völlig freiem Feld und das war Absicht: Erst durch die unbebaute Fläche um sie herum kam diese Kirche im Stil der neuen Sachlichkeit zu ihrer vollen Wirkung – heute, eingezwängt zwischen anderer Bebauung sei davon nichts mehr übrig. „Man hat die Kirche ruiniert, ohne sie anzurühren“. 

Vom Hundertsten ins Tausendste

Christian Poitsch sammelt Postkarten, gute 30.000 Stück hat er wohl, Rosenheim aber sammelt er „eigentlich“ nicht: „Ich hab nur ein paar über Rosenheimer Architektur“ erklärte er. Und brachte damit ein Problem des Sammelns auf den Punkt: Aus dem, was man „eigentlich“ nicht sammelt, kann schleichend und unbemerkt das werden, was man dann „eigentlich“ doch sammelt. Denn schließlich hat der Abend ja gezeigt, dass die Postkarten von Christkönig tatsächlich irgendwann zu brauchen waren – obwohl ja „eigentlich“ nicht gesammelt. „Und dann ist es wie mit einem Stein, den man in stilles Wasser wirft - der erzeugt Kreise, die immer größer werden“ Sprich: Beim Sammeln kommt man schnell von einem zum nächsten, vom Hundertsten ins Tausendste. 

Davon kann auch Simon Hausstetter ein Lied singen, der Bücher sammelt, irgendwo zwischen zehn- und fünfzehntausend wird deren Zahl liegen, so meint er. Das Problem beim Sammeln sei, dass der Sammler, so wie die beiden ihn verstehen, kein Sucher sei. Solche gäbe es auch, die einfach sammelten, um irgendwann sagen zu können: „Davon habe ich alles“. Solche „Komplettierer“ seien sie nicht, sie seien eher „Finder“. „Ob Flohmarkt oder Antiquariat – man will eigentlich nur harmlos durchschlendern und schon hat man was gefunden, was die Neugier, das Mehr-Wissen-Wollen entfacht“ meint Hausstetter.

Da war etwa die Postkarte, aus den zwanziger Jahren, die er in einem Buch fand. Sie war adressiert an einen Gustav Bleckwenn, Kunstradfahrer in Gleiwitz. Klar, dass ihn dies dazu trieb, mehr über das Radfahren um die Zeit der Jahrhundertwende wissen zu wollen. Von diesem Punkt aus dann alle möglichen Verzweigungen – die einstige Radfahrszene in Rosenheim, die Rolle, die das Fahrrad bei der Emanzipation der Frau spielte: Das Fahrrad war nämlich am Anfang vor allem ein weibliches Fortbewegungsmittel - die Herren ritten noch – und infolge auch der Beginn einer Werbung, in der erstmals auch Frauen abgebildet waren.

Einzig der Lagerplatz gibt Grenzen vor

Kurz: Jede Sammlungserweiterung trägt die Gefahr in sich, zum Quellpunkt eines neuen Interessengebietes zu werden. Und damit auch die Gegenstände der Sammlung zu erweitern. Christian Poitsch etwa hat Hölzer, Lithosteine und alte Belichtungsapparate, Simon Hausstetter kann auf eine Einladung zu Nietzsches Beerdigung, ein altes Tafelklavier und einen Fensterstock aus dem Wohnhaus von Ludwig Thoma verweisen – „und wer einen Fensterstock hat, braucht bald auch einen historischen Türstock“. Grenzen gibt es dabei kaum – „es sei denn der Lagerplatz geht aus, oder die Statik des Hauses macht nicht mehr mit“.

Doch selbst hier gibt es Hilfe, wie die beiden meinten. Denn es gäbe zwar Sammler, die ihre Schätze so eifersüchtig hüteten wie der Zwerg Alberich und vor Neid blass würden, wenn sie feststellten, das andere etwas haben, was ihnen fehlt. Sie aber gehörten eher zur geselligen Fraktion der Sammler, die sich gerne austauschten, durchaus auch Sammlungsstücke ausliehen. „Bei so einer Einstellung findet man immer jemand, bei dem man notfalls ein Teil der eigenen Sammlung auslagern könnte, wenn es wirklich nicht mehr anders geht“. 

„Ein unheimlich feines Gefühl“

Sammler, die sich beschränken wollen, so meinen beide, sollten deshalb schon bei der Wahl ihres Sammlungsgebietes klug vorgehen. „Hölderlin Erstausgaben zu sammeln wäre da zum Beispiel eine gute Idee“ empfiehlt etwa Simon Hausstetter, „die sind erstens kaum auf dem Markt zu finden und wenn, dann so teuer, dass man sie sich nicht leisten kann“. Allen anderen bleibt die Hoffnung, dass ihr Sammeln immer wieder mal gekrönt wird, durch ein Erlebnis, wie es Christian Poitsch zu Beginn des Abends hatte: „Es ist ein unheimlich feines Gefühl, wenn man feststellt, dass man es hat, wenn man es einmal braucht“

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