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Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Nichte von Rosenheimer Holocaust-Opfer: „Antisemitismus war nie ganz weg“

In Rosenheim geboren, im Konzentrationslager Auschwitz ermordet: der Kaufmannssohn Arnold Mayer. Thomae
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In Rosenheim geboren, im Konzentrationslager Auschwitz ermordet: der Kaufmannssohn Arnold Mayer.

Dem Rassenwahn der Nationalsozialisten sind Millionen Juden zum Opfer gefallen. Unter ihnen war auch der Rosenheimer Arnold Mayer, den die Nazis im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten. Seine Nichte erinnert an das Leben ihres Onkels.

Rosenheim – „Der Antisemitismus war in Deutschland nie ganz weg“, sagt die 80-jährige Gerlinde Ecklmayer aus Soyen. „Er war zurückgedrängt, aber wirklich weg war er nie. Und jetzt ist er allmählich wieder offen auf dem Vormarsch.“ Gerlinde Ecklmayer weiß wovon sie spricht, denn das Thema hat sie fast ihr ganzes Leben begleitet: Arnold Mayer, der Mann ihrer Tante Therese, wurde in Auschwitz ermordet.

Arnold, 1890 geboren, wuchs in Rosenheim auf, als Sohn des Kaufmannsehepaares Leopold und Babette Mayer. Sein Berufsweg hatte ihn und seine Frau in den 20er-Jahren nach Nürnberg geführt, wo sie im Stadtzentrum das renommierte Café Bristol führten. Nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 gaben sie ihre Existenz dort aber auf und zogen nach Italien in die Gegend von San Marino.

Italien war zwar ebenfalls faschistisch, blieb anders als Deutschland gegenüber den Juden vergleichsweise liberal. Ab 1943 jedoch, als Italien sich den Alliierten ergab und die Wehrmacht daraufhin versuchte, das Land zu besetzen, war es auch mit dieser liberalen Zeit vorbei.

Bis dahin hatte sich Arnold Mayer lange Zeit vergleichsweise sicher gefühlt. Italien war mit Deutschland verbündet, er selbst hielt sich für einen respektablen deutschen Staatsbürger, der als Unteroffizier am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte und Träger des Eisernen Kreuzes war. Was sollte ihm da passieren?

Vertrauen in Anstand und Recht

Zwar nahm auch er die Auswüchse an Repression gegen die jüdische Bevölkerung in Deutschland wahr, aber am Ende konnte es doch nicht sein, dass Recht, Anstand und Menschlichkeit überhaupt keinen Wert mehr haben sollten.

Es sind solche kleinen Details, die dafür sorgen, dass aus einer gesichtslosen Zahl – mehr als eine Million Juden wurden allein in Auschwitz ermordet – wieder Menschen und Mitbürger formen. Unzählige, die nicht fassen konnten, wie ihnen geschah: Menschen, welche die vorausgegangene Drangsalierung als eine Entwicklung empfanden, die zwar schrecklich und nicht zu verstehen war, sich vielleicht aber am Ende doch wieder in eine rechtmäßige Ordnung fügen würde, fügen musste. Die letzte Konsequenz, die bürokratisch automatisierte Vernichtung jüdischer Mitbürger war etwas, das für viele wohl außerhalb ihrer Vorstellung lag. Dass Menschen ihren Mitbürgern derartiges antun könnten, war schlicht und einfach nicht denkbar.

Kein Unfall der Geschichte

Für Gerlinde Ecklmaier ist diese Entwicklung vom erst latenten und schließlich zusehends salonfähigen Antisemitismus bis hin zur Vernichtung der Deutscher jüdischen Glaubens kein einmaliger großer „Unfall“. Weder in der deutschen noch in der übrigen Menschheitsgeschichte. Solche Gräuel könnten sich wieder ereignen, fürchtet sie.

Lesen Sie auch: „Zentralrat der Juden: „Erschreckendes Ausmaß an Antisemitismus“ in der Gesellschaft erkennbar“

Lange Jahre habe sie unermüdlich gegen antisemitische Vorurteile argumentiert. Sie erinnert sich an ein Gespräch, bei dem ein kleiner Bub mittendrin seinen Vater gefragt habe: „Papa, warum mögn d’Leit eigentlich die Juden ned?“ „Weils nix arbeitn woilln“, sei die Antwort gewesen. Am Anfang, in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg, habe sie immer noch gedacht, dies seien einfach jene Stereotype, welche die Kriegsgeneration nicht fähig war, sie aus ihren Köpfen zu verbannen. Mit den kommenden Generationen werde sich, hoffte sie, das Problem irgendwann von selbst erledigen.

Mittlerweile aber ist sie in dieser Hinsicht gänzlich ernüchtert. Menschen, die zu Sündenböcken für alles und jedes gemacht werden, werde es offenbar immer geben, findet sie mittlerweile: „Eine Zeit lang waren es die Türken, dann die Asylbewerber und allmählich kommen verstärkt auch wieder die jüdischen Mitbürger hinzu.“

Büchse der Pandora wieder geöffnet

Zunächst seien das immer noch vereinzelte Stimmen gewesen, aber mit der Entwicklung der sogenannten sozialen Medien scheine da Tür und Tor geöffnet: „Die Büchse“, sagt sie, „hat sich wieder geöffnet“. Und sieht, was die Zukunft anbelangt, sogar richtig schwarz: Die Politik habe gegen die Hetze gegenüber anderen Menschen, gegen Falschbehauptungen und Unwahrheit schon früher energisch vorgehen müssen. Jetzt sei die Frage, ob man diese Entwicklung noch einfangen können wird.

Trotz allem ist sie der Meinung, dass man nichts unversucht lassen darf, immer wieder daran erinnern muss, das Recht und Anstand keine menschlichen Selbstverständlichkeiten sind, sondern ganz fragile Werte, die in akute Gefahr geraten, wenn sie nicht bewusst gepflegt werden. Wenn das nicht passiert, könne es einst vielen wieder so gehen, wie Arnold Mayer, der wohl erst auf dem Transport ins Vernichtungslager Ausschwitz erkannt haben mag, dass das Unfassbare Realität wurde. Und dessen letztes Lebenszeichen an seine Frau dann eine Botschaft war, die er auf einem Halt des Güterzuges im Rosenheimer Bahnhof einem Soldaten aus einem gleichzeitig ankommenden Militärtransport übermitteln konnte. „Sag meiner Frau, dass es nach Auschwitz geht“.

Hintergrund zum Gedenktag

Während der NS-Zeit ermordeten die Nazis in Auschwitz über eine Millionen Männer, Frauen und Kinder. Am 27. Januar 1945 wurden die Gefangenen des Konzentrationslagers befreit. Der Jahrestag der Befreiung wurde 1996 auf Initiative des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog offizieller deutscher Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Die Vereinten Nationen erklärten den 27. Januar im Jahr 2005 zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Aus diesem Anlass ruft der Jüdische Weltkongress wieder dazu auf, sich an der Aktion „We Remember“ zu beteiligen. Dabei werden auf sozialen Medien Selfies mit einem Schild gepostet, auf denen #WeRemember steht. Die Rosenheimer Initiative für Erinnerungskultur, die diese Aktion unterstützt, wird heute Abend auch auf Radio Charivari zu Wort kommen, im Bürgerradio in der Zeit von 19 bis 20 Uhr.

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