Hunger und Überfluss - was läuft schief?

Benedikt Harelin und die Schirmherrin, Landtagsabgeordnete Maria Noichl, in der Ausstellung zum Schwerpunktthema im Bildungszentrum.
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Benedikt Harelin und die Schirmherrin, Landtagsabgeordnete Maria Noichl, in der Ausstellung zum Schwerpunktthema im Bildungszentrum.

Rosenheim – Wussten Sie, dass es genau so viele hungernde Menschen wie Menschen mit Übergewicht gibt? Dieses Paradoxon durchleuchtet nun eine Ausstellung im Bildungszentrum.

925 Millionen Menschen hungern in der Welt, fast ebenso viele Menschen leiden an Gesundheitsproblemen wegen Überernährung – ein Paradoxon, das es so nicht geben muss, nicht geben darf, wie Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft und Mitautor des Weltagrarberichts, zum Thema „Hunger und Überfluss – was läuft schief?“ beim Bildungswerk Rosenheim eindrucksvoll verdeutlichte.


In seinem Vortrag anlässlich der Ausstellungseröffnung „1001 Nacht mit Hunger verbracht – das Märchen von billigen Lebensmitteln“, die noch bis zum 18. November im Bildungszentrum in der Pettenkoferstraße zu sehen ist, zeigte der Referent die Fehler bei der Nahrungsmittelproduktion und ihre Folgen auf:

Überdüngung, dadurch Übersäuerung von Böden und Meeren, Monokulturen, Landwirtschaftsmonopole in der Hand weniger Großunternehmen, Biosprit, Vernichtung von Lebensmitteln und der Verlust der Artenvielfalt führten zu Hungersnöten und trügen zum Klimawandel und zur Wasserverschmutzung bei.


"Zurzeit sterben so viele Arten wie letztes Mal vor 60 Millionen Jahren, als die Dinosaurier ausgestorben sind. Heute sind wir für die Ausrottung verantwortlich", so Haerlin, der für eine ökologisch vertretbare nachhaltige Landwirtschaft und gerechte Verteilung der Nahrungsmittel im Sinne einer "Ernährungssouveränität" plädiert. 70 Prozent der Hungernden leben auf dem Land, 64 Prozent von ihnen in Asien - auch in Wachstumsstaaten wie Indien und China.

50 Prozent der Hungernden sind Kleinbauern: "Sie sitzen an der Quelle und haben nicht genug zum Essen." Laut dem Referenten gibt es "kein Land auf der Welt, in dem es Hunger geben müsste, wenn die politischen Machthaber Wert darauf legen würden". Möglich wäre das, doch dafür müsste es ein "Recht auf gesunde Nahrungsmittel" geben und die Rechte der Frauen, die als Kleinbäuerinnen für die Ernährung ihrer Familien verantwortlich sind, gestärkt werden.

Von den mehr als 2,3 Milliarden Tonnen Getreide, die jährlich weltweit geerntet werden, dienen nur 46 Prozent der Herstellung von Lebensmitteln. Haerlin: "34 Prozent werden als Tierfutter an Viecher verfüttert, die dann wieder gegessen oder sogar in die Länder zurückexportiert werden, aus denen das Getreide stammte und wo Hunger herrscht." Den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch hätten mit 80 Kilogramm die Industrienationen; in den Entwicklungsländern würden nur zehn Kilogramm Fleisch pro Person und Jahr verzehrt.

Weitere 20 Prozent des Getreides dienten unter anderem als Energielieferant zum Beispiel für "Ökodiesel". Hinzu komme, dass 17 Prozent aller verwendbaren Nahrungsmittel in den Industriestaaten auf dem Müll landen. Grund hierfür sei der zu geringe Preis: "In Deutschland geben wir gerade mal elf Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus."

Behauptungen der Lebensmittelindustrie und Politik, in den nächsten Jahren müsse auf Grund der wachsenden Bevölkerung die Getreideertrag um 70 Prozent steigen, sei unsinnig. Die Behauptung beruhe auf der Annahme, dass alles so weiter gehe wie in den letzten 40 Jahren.

Doch ein "Weiter-So-Wie-Gewohnt" sei keine Option. Das wurde schon im Weltagrarbericht 2008 festgestellt. Um den Hunger auf der Welt zu überwinden, werden Kleinbauern entscheidend sein und nicht die Agrarfabriken. Der Referent: "Hunger werden wir nur am Ort überwinden können."

Ob das zu schaffen ist, sieht die SPD-Landtagsabgeordnete Maria Noichl, die Schirmherrin der Veranstaltungsreihe im Bildungszentrum, skeptisch: "Es wäre schön, wenn unsere Landwirtschaft nachhaltig wäre. Die gibt es aber nicht, sondern nur nachhaltige Gier, Gier nach noch mehr Ertrag, noch mehr Gewinn. Ich wünsche uns allen einen kritischen Umgang mit uns selbst. Meist sind es die anderen, die für ,billig' die Zeche zahlen, aber die sind nicht in unserem Blickfeld".

Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von Andreas Späth und seinem Chor, der mit afrikanischer Musik den vollbesetzten Saal auf das Thema einstimmte.

Oberbayerisches Volksblatt

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