Schule: Die Ansprüche sinken

Rosenheim - In Bayern ist die Diskussion um die Zukunft des eigenen Schulsystems wieder voll entbrannt. Dabei stehen sich zwei Fronten gegenüber:

Die Befürworter der Dreigliedrigkeit und die Gegner, die die Gemeinschaftsschule oder wenigstens eine Zusammenlegung von Hauptund Realschule fordern.


Doch ein Vergleich der Abschlussprüfungen für die mittlere Reife in Bayern und in Ländern, die auch auf Gesamtschulen setzen, zeigt: Das Leistungsniveau klafft weit auseinander.

Richard Eder hat als Lehrer an der Johann-Rieder-Realschule Rosenheim bis 2010 Tausende von Schülern auf die bayerische Mittlere-Reife-Prüfung in Mathematik und Physik vorbereitet. Dass das Mitglied des Realschullehrerverbandes ein Befürworter des dreigliedrigen Schulsystems in Bayern ist, liegt auf der Hand.


Doch Eder antwortet auf die politische Diskussion um das beste deutsche Schulsystem, aktuell neu entfacht durch Prognosen des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV) über ein Hauptschulsterben im Freistaat, mit Fakten – schwarz auf weiß nachlesbar in den Mathematik-Abschlussprüfungen für die mittlere Reife der vergangenen Jahre in den nördlichen Bundesländern.

Deren Schulsysteme mit Gesamtschulen würden von Gegnern der Dreigliedrigkeit oft als Beispiele für Fortschrittlichkeit herangeführt.

Dort gibt es nach Recherchen von Eder den mittleren Abschluss jedoch zu weitaus leichteren Konditionen als im Freistaat. Ein Blick in die Originalprüfungsaufgaben in Hamburg 2010, die Eder vorliegen: Der erste von fünf Teilen beginnt mit 23 Aufgaben, für die es 23 der insgesamt möglichen 121 Punkte gibt.

Sie widmen sich dem Vergleichen von Dezimalzahlen („Welche Zahl ist die größte: 0,2111 oder 0,1212 oder 0,21212 oder 0,12121?“) Bruchrechnungen („Ein Viertel plus ein Halb“), dem Umrechnen von Maßeinheiten („Ein Milliliter sind 0,001 oder 0,1 oder 0,01 oder 0,0001 Liter?“) und der Prozentrechnung („40 Prozent von 40 Euro sind?“).

Das sind Aufgaben, die in Bayern nach Angaben von Eder bereits Realschüler in der sechsten und siebten Klasse stemmen und in der Mittlere-Reife-Prüfung im Freistaat erst gar nicht auftauchen.

Selbst wenn sich in den nördlichen Prüfungen der Schwierigkeitsgrad erhöht – wie bei einer Aufgabe zur Steigung einer Geraden mit Berechnung des Steigungswinkels – gibt es zur Verwunderung von Eder noch immer einen Unterschied zu Bayern: Die Prüflinge in Hamburg, ein Schlusslicht bei den Pisa- Tests, durften bei dieser und weiteren Aufgaben zwischen bis zu vier Antwortmöglichkeiten wählen. „Ankreuzen statt ausrechnen“:

Das erhöht nach Erfahrungen des pensionierten Realschullehrers aus Schloßberg deutlich die Wahrscheinlichkeit, selbst bei Nichtwissen mit Raten richtig zu liegen.

Bei der Bearbeitung und Darstellung von anspruchsvolleren Aufgaben aus der Algebra trennt sich nach Meinung von Eder endgültig die Spreu vom Weizen. Die Berliner Zehntklässler mussten 2008 beispielsweise eine Gleichung aus einer vorgegebenen Zeichnung lediglich ablesen, die bayerischen aus zwei vorgegebenen Punkten Steigungen und Achsenabschnitte selbstständig berechnen.

Die Originalprüfung in Hamburg 2010 forderte die Zehntklässler im Gegensatz zu Bayern nur mit linearen und quadratischen Funktionen „in einfachster Form“. „Es gab nicht wie bei uns Exponenzial- und Potenzfunktionen, keine Logarithmen, räumliche Körper tauchten kaum auf.

Funktionale Zusammenhänge werden rechnerisch so gut wie gar nicht behandelt.“ Eders Fazit ist daher eindeutig: „Die Mathematik in den nördlichen Bundesländern plätschert bei der mittleren Reife an der Oberfläche dahin, geht nicht wie in Bayern in die Tiefe.“

Um etwa zwei Jahre hinkt nach seiner Beurteilung das Abschluss-Niveau hinter dem bayerischen hinterher. Bei einer Zusammenlegung von Haupt- und Realschule sieht Eder angesichts der Beispiele aus Norddeutschland die Gefahr, dass die Ansprüche an die Leistungen deutlich absinken. „Mehr höhere Abschlüsse zu niedrigeren Konditionen: Das kann keine Lösung sein für eine Industrienation wie Deutschland, deren wichtigster Rohstoff das Wissen ist“, findet er.

Oberbayerisches Volksblatt

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