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„OVB-Leser zeigen Herz“

Reine Kopfsache: Wie ein kleines Mädchen aus Kolbermoor sein Gehirn und Leben neu erfindet

Die Geschichte von Isabella im Zeitraffer in sechs Bildern, von links oben: „Verkabelt“ bei der Diagnostik kurz vor der schweren Gehirn-OP im Juni 2020, mit Pflaster kurz danach, im Foyer beim Verlassen der Schön-Klinik, beim Selfie mit den Eltern zwei Monate später im September 2020, auf dem Trampolin im Sommer 2021 und im Einkaufskorb heute.
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Die Geschichte von Isabella im Zeitraffer in sechs Bildern, von links oben: „Verkabelt“ bei der Diagnostik kurz vor der schweren Gehirn-OP im Juni 2020, mit Pflaster kurz danach, im Foyer beim Verlassen der Schön-Klinik, beim Selfie mit den Eltern zwei Monate später im September 2020, auf dem Trampolin im Sommer 2021 und im Einkaufskorb heute.

Weniger ist manchmal mehr. Eine nette Floskel, die im Alltag ja greifen mag. Doch wenn es sich um so ein kostbares und sensibles Gebilde wie das menschliche Gehirn handelt? Sicher nicht? Eben doch: Auch im Kopf ist weniger manchmal mehr. Man muss sich nur Isabella aus Kolbermoor anschauen.

Kolbermoor/Vogtareuth – Zweieinhalb Jahre ist die Kleine erst, doch schon lässt sich ihr Leben in zwei Abschnitte teilen: vor und nach der neurochirurgischen Operation im Juni 2020. Davor, als Baby, war Isabella ständig von Epilepsien geplagt worden. 20 Anfälle, wenn nicht mehr, waren es am Tag. Danach, als Kleinkind, war die Krankheit wie weggeblasen. Seit dem Eingriff ist das Mädchen anfallsfrei. Der Grund für die wundersame Heilung klingt für medizinische Laien paradox und nach einem Ding der Unmöglichkeit: Den Spezialisten der Schön-Klinik Vogtareuth ist es nämlich mit Erfolg gelungen, Isabellas linke Großhirnhälfte fast völlig „stillzulegen“.

Den Schläfenlappen haben die Ärzte komplett entfernt, zum und vom Hinterhaupt- und Scheitellappen „nur“ die Leitungen durchtrennt. Von den insgesamt vier Gehirnlappen blieb also nur einer unangetastet: der Stirnlappen ganz vorne.

Weniger sehen – das war der Preis

Betonen muss man dabei, dass dieser epilepsiechirurgische Eingriff, wie es in der Fachsprache heißt, nicht im Zuge einer Notfall-OP erfolgt ist, quasi als letzte Option in einem dramatischen Kampf um Leben und Tod. Nein, die OP war das Ergebnis eines langen Prozesses von Untersuchungen und Tests, begleitet vom ständigen Abwägen von Prognosen, Chancen und Risiken. Am Ende hieß es: „Wir empfehlen zu operieren. Das ist das Beste für Isabella.“

Dabei stand schon vor der Operation fest, dass das Mädchen einen hohen Preis für die Anfallsfreiheit bezahlen musste: In jedem Fall würde die OP mit einem kompletten, lebenslangen Gesichtsfeldausfall nach rechts einhergehen.

Was es für eine Tortur für die Eltern sein muss, so eine Entscheidung für das eigene Kind zu treffen, kann man nur erahnen. Isabellas Mama, als OP-Schwester in einer Klinik im Kreis Rosenheim selbst vom Fach, war die Erste in der Familie, die sich – schweren Herzens – dazu durchringen konnte.

Sie wusste nur allzugut, dass der Schläfen- oder Temporallappen, der Isabella links entnommen werden sollte, eigentlich ein unverzichtbarer „Player“ ist, zuständig unter anderem fürs Riechen, Hören, Sprechen, Verstehen oder die Gedächtnisbildung. Dass der Hinterhaupt- oder Okzipitallappen als Sehzentrum des Gehirns gilt. Und dass das Sprachzentrum in der linken Kopfseite sitzt, also in jener Hälfte, in der bei Isabella nach der OP nichts mehr so sein würde wie vor der OP.

Andererseits: Ohne Eingriff würden die Störfeuer im Kopf nicht nur Isabellas Lebensqualität massiv einschränken, sondern auch ihre Entwicklung blockieren – mit unabsehbaren Folgen. „Die Epilepsien hätten bei Isabella viel mehr Schaden angerichtet als das, was sie durch die OP verloren hat“, sagt Dipl.-Med. Tom Pieper, ihr behandelnder Arzt, eineinhalb Jahre danach.

Darum ging es bei der OVB-Aktion: OVB-Leser zeigen Herz: Mehr Lebensqualität für Kinder mit Handicaps

Und tatsächlich macht Isabella heute einen kerngesunden Eindruck. Auch die Gesichtsfeldeinbuße ist dem aufgeweckten, lebensfrohen Mädchen nicht anzumerken. Bloß mit dem Sprechen ist es später dran als gleichaltrige Kinder. „Vielleicht ist Isabella ja eine Late-Talkerin“, lacht die Mama. Andererseits sind Sprachentwicklungsverzögerungen oft Folge einer früh im Leben beginnenden Epilepsie. Sprache gehört zu den kompliziertesten Leistungen unseres Gehirns. Jeder weiß, wie schwer es fällt, eine Fremdsprache zu erlernen.

Wie ein mentaler Verschiebebahnhof

Dass das Mädchen, das im Herbst in einen Regelkindergarten kommt, als Spätsprecherin schon bald Boden gut macht, ist gut möglich. Denn Isabellas Trumpf ist ihr geringes Alter. Ein junges Kindergehirn ist erstaunlich flexibel und anpassungsfähig. Deshalb organisieren sich die einzelnen Kompetenzträger im Kopf des Mädchens einfach neu: Alle Funktionen und Leistungen der ausgeschalteten Bereiche werden von der linken in die rechte Hälfte verlegt. Dort sind alle vier Gehirnlappen ja weiterhin stets einsatzbereit und voll funktionsfähig. Nur beim Sehen nach rechts greift dieser mentale Verschiebebahnhof nicht.

Wann es bei Isabella genau losgegangen ist mit der Epilepsie, weiß keiner genau. Sie war sieben Monate alt, als die Mutter Anfang 2020 erstmals kleine „Aussetzer“ bemerkte. Das Kind verdrehte plötzlich die Augen, ließ den Kopf in den Nacken fallen und war weg, wie in Trance. Das dauerte anfangs nur ein paar Augenblicke. Dann zählte die Mutter mit, kam bis auf zwei Dutzend Schübe am Tag. Und sie dauerten immer länger: aus Sekunden wurden Minuten.

Kernspintomografie unter Vollnarkose

So ging es nach Vogtareuth, wo Leitender Arzt Tom Pieper mit seinem Team der Abteilung für prächirurgische Epilepsiediagnostik schnell herausfand, dass es sich bei den Aussetzern um epileptische Anfälle handelte, ausgelöst durch einen hochaktiven epileptischen Herd im linken Schläfen- und Hinterhauptlappen. Moderne Techniken wie Langzeit-Video-EEG und MRT untermauerten die Diagnose. Zwei Stunden lag Isabella unter Vollnarkose im Kernspin. Hochauflösende, auf maximale Bildqualität getrimmte Untersuchungstechnik zeigte eine klare Fehlbildung links occipital und temporal.

Dipl. med. Tom PieperOberarzt, Schön-Klinik

Am 3. Juni 2020 wurde es dann ernst – eine hochkomplexe Marathon-OP, doch unausweichlich, das Beste für Isabella. Mit allem Drum und Dran dauerte sie fast neun Stunden, für die Eltern eine gefühlte Ewigkeit, zumal sie sich wegen Corona nicht in der Klinik aufhalten durften, die unerträgliche Anspannung daheim in Kolbermoor mit Gartenarbeit bekämpfen mussten. Um 16.30 Uhr kam der erlösende Anruf: Isabella ist wieder wach, es geht ihr gut.

Ebenfalls lesenswert: Emilia will in die Sonne schaukeln: Spielplatz lässt viele Kinderträume wahr werden

Das war nicht die letzte gute Nachricht. Schon neun Tage nach der OP war das 13 Monate junge Kleinkind schon wieder auf Zack und durfte heim. Heute lebt Isabella tabletten- und anfallsfrei und freut sich, dass sie vor acht Monaten mit Leonie ein kleines Schwesterchen bekommen hat.

Um den einen oder anderen Nachsorgetermin in Vogtareuth wird sie nicht herumkommen. Der nächste ist im Juni 2022 fällig. Ob bis dahin der inklusiver und barrierefreie Spielplatz schon fertig ist, der in Vogtareuth dank der Aktion „OVB-Leser zeigen Herz“ gebaut wird? Wenn ja, wird sich Isabella ganz sicher keinen Kopf machen – und sich nach Herzenslust austoben.

OVB-Leser zeigen Herz: Reportagenreihe endet, Konten bleiben bestehen

Ein Dutzend Geschichten über Kinder und Jugendliche sind nun erzählt worden. Das letzte Wort hat heute die Kleinste: Mit dem Beitrag über Isabella (2) endet die Reportagenreihe zur OVB-Aktion 2021/22. Aber es kann natürlich weiterhin gespendet werden. Die Konten der OVB Stiftung bleiben bestehen. Wer noch für die Projekte in Aschau und Vogtareuth spenden möchte, vermerkt dies bei der Überweisung im Verwendungszweck mit „Weihnachtsaktion 2021“.

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Indessen setzen der Verein Silberstreifen in Vogtareuth und Kind im Zentrum Chiemgau in Aschau alle Hebel in Bewegung, damit den Spenden nun rasch Taten folgen. Den Bau des inklusiven Spielplatzes in Vogtareuth treibt die Firma Spielplatz Richter in Frasdorf in enger Abstimmung mit dem Silberstreifen-Projektteam voran. Unter anderem soll ein einzigartiges Klettergerüst Maßstäbe setzen. Erste 3D-Entwürfe dafür gibt es schon.

Lena bei der Therapie.

Im HPZ Aschau werden Schule, Tagesstätte, Wohnheim und Therapieräume – das Bild zeigt Lena (17) mit Therapeutin Anne Peteranderl – modernisiert. Die OVB-Gelder fließen in moderne Ausstattung und Geräte. Die Anschaffungen sollen schon bald auf den Weg gebracht werden.