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Pflege-Notstand in Tuntenhausen: Kann Nachbarschaftshilfe die Lücken schließen?

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Von: Kathrin Gerlach

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Helfende Hände werden in der Gemeinde Tuntenhausen dringend gebracht: Die Nachbarschaftshilfe betreut bereits 51 pflegebedürftige Menschen, für weitere 15 fehlen dem Verein die Kapazitäten.
Helfende Hände werden in der Gemeinde Tuntenhausen dringend gebraucht: Die Nachbarschaftshilfe betreut bereits 51 pflegebedürftige Menschen, für weitere 15 fehlen dem Verein die Kapazitäten. © dpa/Oliver Berg

Pflegenotstand in der Gemeinde Tuntenhausen: Bedürftige finden keinen Pflegedienst mehr. Die Nachbarschaftshilfe muss neue Lücken schließen. Doch was bedeutet das für den Verein? Muss er sich neu aufstellen, um den Menschen vor Ort zu helfen?

Tuntenhausen – Die Nachbarschaftshilfe Tuntenhausen ist am Limit: 28 Helfer versorgen 51 Menschen im Gemeindegebiet, davon 42 wöchentlich. 15 weitere Menschen haben signalisiert, dass sie dringend Unterstützung bräuchten. Doch dafür fehlen dem Verein momentan die Kapazitäten. „Noch kritischer wird die Situation in unserer Gemeinde durch den Fachkräftemangel in der Pflege. Pflegedienste nehmen keine neuen Klienten mehr an, versorgen nur noch ihre Bestandskunden. In unserer Gemeinde gibt es Pflegebedürftige, die keine Hilfe bekommen“, umreißt Marcus Straßer, erster Vorsitzender, die dramatische Situation.

Entlastungsbeitrag reicht nicht mehr aus

Deshalb stellte Maria Breuer, Zweite Bürgermeisterin, Gründungsmitglied und Kassiererin der Nachbarschaftshilfe, in der Jahreshauptversammlung des Vereins zur Diskussion: „Müssen wir uns neu aufstellen?“

Doch wie könnte das funktionieren? Die Hilfe im Rahmen der Nachbarschaftshilfe ist ehrenamtlich. In Seminaren lernen die Helfer nicht nur den richtigen Umgang mit betagten Menschen, die teilweise auch an Demenz leiden. Die Betreuerausbildung befähigt sie auch für die Hilfe im Haushalt, beim Kochen oder im Garten.

Sie betreuen pflegebedürftige Menschen im Alter von sechs bis 95 Jahren. Zum festen Kundenstamm (51) kamen im vergangenen Jahr neun Notfälle hinzu. Dann stehen die Helfer Familien über mehrere Wochen zur Seite – unter anderem nach Unfällen.

Sie wissen um den Pflegenotstand in der Gemeinde: Marcus Straßer, Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe, und Maria Breuer, Zweite Bürgermeisterin und Gründungsmitglied, sind den ehrenamtlichen Helfern und Förderern des Vereins dankbar für ihr Engagement. Ohne sie wären 51 Menschen in der Gemeinde ohne Unterstützung.
Sie wissen um den Pflegenotstand in der Gemeinde: Marcus Straßer, Vorsitzender der Nachbarschaftshilfe, und Maria Breuer, Zweite Bürgermeisterin und Gründungsmitglied, sind den ehrenamtlichen Helfern und Förderern des Vereins dankbar für ihr Engagement. Ohne sie wären 51 Menschen in der Gemeinde ohne Unterstützung. © Gerlach

Die meisten Betroffenen (41) nutzten Breuer zufolge den Entlastungsbetrag der Pflegekassen in Höhe von 125 Euro pro Monat, um die Nachbarschaftshilfe zu bezahlen. Die stellt für eine Stunde nur 19 Euro in Rechnung. „Viele unserer Kunden leben mit ihren kleinen Renten am Existenzminimum. Sie haben nicht mehr als diese 125 Euro, um sich Hilfe zu holen“, erläuterte Breuer. „Würden wir unseren Stundensatz erhöhen, müssten wir für diese Menschen Stunden reduzieren. Das können wir nicht machen.“

Kassen streichen Kilometergeld

Die Helfer der Nachbarschaftshilfe erhalten vom Verein eine Aufwandsentschädigung. Außerdem bekommen sie für die mit ihren privaten Pkw gefahrenen Kilometer – im vergangenen Jahr waren es 19.200 – eine „Pendlerpauschale“ , ebenfalls vom Verein. Die wurde von anfänglich 10 Cent inzwischen auf 30 Cent erhöht. „Die Fahrtkosten konnten wir bisher über die Leistungsnachweise bei den Kassen abrechnen. Seit dem 1. März erstatten sie diese nicht mehr“, macht Breuer klar: „Das erklärt auch, warum die Pflegedienste nicht mehr aufs Land kommen wollen.“

Für die Nachbarschaftshilfe Tuntenhausen bedeutet das eine Verschärfung der finanziellen Situation: Ihr gehen so Einnahmen von fast 6000 Euro verloren. Die Fahrkosten wird sie ihren Helfern künftig trotzdem erstatten, allerdings aus der eigenen „Tasche“. Schon jetzt kann der Verein seine Angebote nur aufrechterhalten, weil die Gemeinde einen jährlichen Zuschuss von einem Euro pro Einwohner (7311 Euro) zahlt sowie Unternehmen und Vereine großzügig spenden (19.223 Euro). „Es ist erstaunlich, wer alles an uns denkt“, ist Vorsitzender Marcus Straßer dankbar: „Wir leben in einer Gemeinde, wo jeder noch auf den anderen schaut. Das ist von unschätzbarem Wert.“

Verein ohne eigenes Domizil

Doch wie geht es weiter? Kann sich die Nachbarschaftshilfe neu aufstellen? „Wir müssten Pflegepersonal suchen oder unsere Helfer zu Pflegern ausbilden, um dem Notstand zu begegnen“, zeigt Maria Breuer mögliche Wege auf. Doch dafür bräuchte die Nachbarschaftshilfe erst einmal ein eigenes Domizil. Bislang hat der Verein im Pfarramt Schönau zwar eine Adresse, aber keine Räume. Vorstand, Einsatzleiterin Juana Voracek und die Helfer arbeiten dauerhaft im Homeoffice, wenn sie mit ihren privaten Pkw nicht gerade vor Ort bei den Bedürftigen sind.

„Weg mit dem Blech“ heißt eine Aktion der Nachbarschaftshilfe. In Containern werden Kronkorken gesammelt, deren Erlös die ehrenamtliche Arbeit des Vereins mitfinanzieren soll. Die Aktion wird gut angenommen, aber der Reinerlös war im vergangenen Jahr mit 49,49 Euro sehr gering.
„Weg mit dem Blech“ heißt eine Aktion der Nachbarschaftshilfe. In Containern werden Kronkorken gesammelt, deren Erlös die ehrenamtliche Arbeit des Vereins mitfinanzieren soll. Die Aktion wird gut angenommen, aber der Reinerlös war im vergangenen Jahr mit 49,49 Euro sehr gering. © Stache

Ändern könnte sich das erst mit dem neuen Wohnquartier in Ostermünchen. Dort bekommt die Nachbarschaftshilfe einen Pflegestützpunkt. Dort sollen Tagespflege und Betreutes Wohnen entstehen sowie ein Pflegedienst für die Gemeinde angesiedelt werden. Doch erst Ende 2026, spätestens aber Mitte 2027 wird die neue Ostermünchener Mitte fertig sein.

Nachfrage nach Entlastung steigt

Bis dahin wird der Hilfebedarf in der Gemeinde weiter steigen. „Es gibt jetzt schon mehr pflegebedürftige Menschen in der Gemeinde, als wir versorgen können“, machte Straßer klar: „Familien sind am Limit. Die Nachfrage nach Pflege, Betreuung und Entlastung wird größer. Wir müssen schauen, wie wir das in den nächsten Jahren stemmen können.“

Solange es keine politischen Weichenstellungen gibt, bleibt das Ehrenamt die einzige Lösung. Die Nachbarschaftshilfe Tuntenhausen baut ihren Helferkreis weiter aus. 2022 sind fünf Neue dazugekommen. „Auch in diesem Jahr bieten wir wieder Betreuerausbildungen an“, kündigt Einsatzleiterin Voracek an. Wer sich als ehrenamtlicher Helfer in der Nachbarschaftshilfe engagieren möchte, kann sich bei ihr unter der 08067/909 88 44 genauer informieren.

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