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Kolbermoorer wünscht sich Blick hinter die Behinderung

Noel Cousley (26) fehlen Füße und Hände: Warum den Optimisten seine vergebliche Jobsuche nervt

Geht nicht gibt’s nicht für den sympathischen 26-jährigen Noel Cousley, dies gilt auch ganz besonders für den Sport.
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Geht nicht gibt’s nicht für den sympathischen 26-jährigen Noel Cousley, dies gilt auch ganz besonders für den Sport.

Noel Cousley (26) aus Kolbermoor fehlen Füße und Hände. Trotz der Behinderung bleibt er mit seinem Lebensmotto „Geht nicht, gibt‘s nicht“ Optimist - wünscht sich aber mehr Aufgeschlossenheit bei möglichen Arbeitgebern.

Kolbermoor – „Ich freue mich über jede der vielen Begegnungen, bei denen die Leute auf mich zugehen, sich mit mir ganz unkompliziert unterhalten und mich einfach so nehmen wie ich bin. Noch lieber wäre mir aber, wenn sie einen Blick hinter meine Behinderung, quasi hinter meine Kulissen, werfen und nach meinen persönlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten schauen würden, von denen ich durchaus eine Menge habe“, beschreibt er seinen Wunsch nach einem Job.

Ausbildung und Praktika absolviert

Dafür hat er mit einigen Praktika „querbeet“, einer eigenen Wohnung und seiner abgeschlossenen Ausbildung zum Kaufmann für Bürokommunikation ja schon einmal ein Fundament gelegt. Autofahren, auch das ist für den Deutsch-Jamaikaner kein Problem, einen Führerschein für ein auf seine Behinderung zugeschnittenes Auto hat er auch, „ist doch logisch, wenn man beweglich sein will. Im Kolbermoorer Umkreis von 50 Kilometer bin ich flexibel“. Überhaupt ist Noel ein sympathisches, spontanes, aufgeschlossenes und offenes Energiebündel.

Bei einem Gespräch mit der Kolbermoorer Behindertenbeauftragten Veronika Gmeiner (Mitte) und der Landkreis-Beauftragten für Belange von Menschen mit Behinderung Irene Oberst (links) sorgte er mit seinem Laptop-Handling für „große Augen“.

Bei dem Treffen spürt man schnell hautnah, der junge Mann „steht mit seinen beiden Beinen voll im Leben“ und weiß genau, was er kann und will. Eine berufliche Tätigkeit rund um das große Thema Orthopädie würde ihn besonders reizen. „Also, wenn nicht ich, wer dann bitte ist der perfekte Fachmann, Ansprechpartner und Ratgeber, wenn es um körperliche Beeinträchtigungen sowie Behinderungen und den damit verbundenen Hilfsmitteln geht. Ich weiß doch aus eigener Erfahrung, wo es drücken und zwicken kann.“

Mit Arbeits-Prothesen fast alles möglich

Auch sind ihm Büroarbeiten nicht fremd. Mit seinen Arbeits-Prothesen kann Noel dass alles ganz gut Händeln. Egal ob Fußball-Kicken, Besuche von großen Volksfesten, Flugreisen oder mit dem Scooter durch Kolbermoor fahren. Er macht alles und zieht dabei nicht selten überraschte und bewundernde Blicke auf sich. „Ich kann eben anpacken, geht nicht, gibt’s nicht.“

Umso mehr ärgert ihn, dass er auf seine Bewerbungen in einigen Fällen nicht einmal eine Antwort erhält, dabei will er doch nur eine faire Chance, um sein Leben auch in finanzieller Hinsicht allein bestreiten zu können.

Dankbar ist er in dem Zusammenhang für die Unterstützung von Erika Schreiner von der Caritas, als auch für das ehrenamtliche und finanzielle Engagement des Rosenheimer Fördervereins Integriertes Wohnen, die für seine Anliegen und Wünsche immer ein offenes Ohr haben.

Noel hat 37.000 Follower

Gut unterwegs ist er auf den Social-Media Kanälen. Auf Instagram und Facebook gibt er in Bildern und Videos seinen über 37.000 Followern Einblicke in sein abwechslungsreiches, in Teilen auch schwieriges Leben.

Was er demgegenüber konsequent ablehnt, ist eine übertriebene Fürsorge, „dass ist grundsätzlich ja top, ich weiß dies auch wirklich zu schätzen, für meinen Alltag ist es aber in Summe eher hinderlich“.

Die Frage nach einer Anekdote aus seinem Leben, beantwortet er spontan: Bei einem Besuch auf dem Oktoberfest mit seinen Spezln vor ein paar Jahren ging es im „Parcours“-Fahrgeschäft im wahrsten Sinn des Wortes rund. Die enorm hohen Fliehkräfte zogen ihm die Prothesen von den Oberschenkeln. Beide machten sich im „unkontrollierten Flugmodus selbstständig“. Eine schlug in einer angrenzenden Mauer ein, die andere landete in der umstehenden Menschenmenge. „Das war schon echt krass, der Fahrgeschäftsinhaber hatte so etwas noch nie erlebt und war nach der eingeleiteten Notbremsung Kreide bleich. Gott sei Dank ist nichts passiert“, schüttelt er heute noch etwas ungläubig den Kopf.

Fester Glauben an sich

Einen festen Glauben hat er auf jeden Fall an seine Chance, doch noch einen Job zu bekommen, „alles was ich anpacke, hat Hand und Fuß, darauf kann sich mein Arbeitgeber verlassen.“

Bei einem Gespräch im großen Sitzungssaal des Kolbermoorer Rathauses mit SPD-Stadtrat Dr. Berthold Suldinger, der Kolbermoorer Behindertenbeauftragten Veronika Gmeiner und der Landkreis-Beauftragten für Belange von Menschen mit Behinderung Irene Oberst wurde schnell klar, dass für den Wunsch nach einem Arbeitsverhältnis von Menschen mit Behinderung viele Hürden überwunden werden müssen.

Festgelegter Bewertungsschlüssel

Hierzu stellte Stadtrat Suldinger klar, dass Arbeitgeber grundsätzlich per Gesetz verpflichtet sind, nach einem festgelegten Bewertungsschlüssel Menschen mit Behinderung zu beschäftigen. Doch können sich die Arbeitgeber von dieser Verpflichtung mit einem relativ geringen Betrag „freikaufen“, „somit sind die Firmen und Betriebe aus dieser Nummer raus“. Nach seiner Bewertung könnte man diesem Procedere nur durch eine deutliche Anhebung des „Freikauf-Betrages“, „der dann echt weh tut“, entgegenwirken.

Falsche Ängste der Arbeitgeber

Nach Darstellung von Irene Oberst hemmen auch „falsche Ängste“ der Arbeitgeber aus Unwissenheit mögliche Anstellungen. Als Beispiel nannte sie das Thema „Kündigungsschutz“, hierzu stehen teilweise komplett falsche Behauptungen im Raum“. Weiter führte sie auch „falsche Barrieren im Kopf“ und die Angst der Arbeitgeber im Umgang mit den Menschen mit Behinderung an, „dabei wollen Letztere nichts Anderes, als dass man mit ihnen völlig normal umgeht“.

Pragmatischer beschreibt die Kolbermoorer Behindertenbeauftrage Veronika Gmeiner aus ihrer Erfahrung das Kernproblem, „in dem Moment, wo du nicht den normalen Vorstellungen entsprichst, ist die Sache schon gelaufen, Deckel drauf und aus, so sieht leider die Realität aus“. Ihr abschließendes Fazit, „wenn du nicht selber anpackst, bleibst du auf der Strecke, dass ist die traurige Wahrheit“.

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