Sechs Jugendliche lebten zwei Wochen lang in der Wildnis bei Vagen

Mit Feuerstein und Taschenmesser in eine neue Welt

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Feldkirchen-Westerham - Kein Strom, kein fließend Wasser, schlafen im Freien - vor allem junge Menschen verlieren nach und nach den Bezug zur Natur. Sechs Jugendliche aus dem Landkreis haben die Herausforderung angenommen, zwei Wochen ihre Komfortzone aufgegeben und sich in das Abenteuer Wildnis gestürzt.

Es ist 8 Uhr morgens, die Tiere im Wald sind längst wach. Auch im Camp im Wald an der Leitzach bei Schöffleiten in der Gemeinde Feldkirchen-Westerham regt sich schon etwas. Der "Feuer-Clan", an diesem Mittwoch, den 2. Mai 2018 sind das Jakob und Adrian, handtiert mit Feuerstein und Heu. Ihre Aufgabe: Feuer machen, um das Frühstück - es gibt Porridge mit Äpfeln, Bananen und Trockenfrüchten - für ihren Stamm zubereiten zu können. Die beiden sind den ganzen Tag dafür zuständig darauf zu achten, dass das Feuer nicht ausgeht. 

Kochen ohne Herd und Wasserhahn

Ein paar kurze Schläge mit dem Feuerstein, pusten, behutsam die Glut anfeuern und schon brennt es. Man merkt, dass die Jungs mittlerweile geübt sind. Bereits seit eineinhalb Wochen leben sechs Jugendliche der Privaten Schule Oberaudorf-Inntal zusammen mit den Wildnispädagogen Martin Solleder und Paul Gabor im "Wildniscamp" an der Leitzach. Ein Pilotprojekt, das die Schule zusammen mit dem Team der Wildniswerkstatt Chiemgau ins Leben gerufen hat. Es geht darum den Kindern den respektvollen Umgang mit Ressourcen der Natur zu vermitteln. Den nachhaltigen Umgang mit den Schätzen der Erde und Garten- und Wildniswissen zu lehren. Das Leben in der Natur und die damit verbunden Fertigkeiten und Fähigkeiten zu erlernen. Dinge, die in der heutigen medialen Gesellschaft leider sehr oft in den Hintergrund rücken.

Bilder vom Wildniscamp an der Leitzach

Verantwortung übernehmen

"Wir haben an unserer Schule überlegt, was den Kindern noch helfen könnte, um glücklicher zu werden", sagt Rita Mechtl, pädagogische Leiterin an der Schule zu dem Projekt. "Die Motivation ist, dass die Jungs in ihrem Selbstbewusstsein so viel wachsen, dass es ihnen später leichter fällt in der Gesellschaft zu lernen." 

Adrian hat bei der "stillen Arbeit" eine Weinbergschnecke gefunden

Dieses Projekt erfordert Mut. Den Mut der Eltern und Lehrer, ihre Schützlinge zwei Wochen in die Hände von Martin und Paul zu geben. Die ersten beiden Tage waren noch zwei Lehrer dabei, danach lebten die Kinder alleine mit ihrem Stamm im Wald an der Leitzach. "Das ist natürlich eine Extremsituation, in die wir die Jungs hier hineingesteckt haben", sacht Michael Karl, Ergotherapeut und pädagogisch-therapeutischer Konduktor an der Schule, der selbst die ersten beiden Tage im Camp gelebt hat. "Die Jungs haben es in der Gesellschaft schwieriger, sie haben viele Probleme, wie beispielsweise Konzentrationsschwierigkeiten. Das hier wird ihnen sehr viel Selbstbewusstsein geben. Sie müssen Verantwortung übernehmen. Ich bin mächtig stolz auf sie."

Aufgaben und Regeln

Um das Leben in der Wildnis zu sichern, müssen die Aufgaben verteilt werden. Neben dem Feuer-Clan gibt es den Spül-Clan, den Wasser-Clan, der dafür zuständig ist, dass immer frisches Wasser vom Fluss bereit steht und den Ordnungs-Clan. Jeden Tag wird durchgewechselt. Natürlich müssen auch Regeln eingehalten werden. So hat z.B. jeder der Jungs sein eigenes Messer, in der Wildnis ein überlebeswichtiges Utensil, das aber mit großer Behutsamkeit geführt werden will. Das Messer muss immer am Körper getragen werden. Wenn es irgendwo rumliegt, wird es von den Leitern eingesammelt und man kann es sich durch gemeinnützige Arbeit wieder verdienen. So wie bei Adrian. Sein Messer wurde eingesammelt. Er darf es am Ende des Tages wieder haben, wenn er die Zwillinge Julian und Fabian heute nicht mehr provoziert

Selbstgebaute Werkzeuge erleichtern den Alltag in der Wildnis

Vor dem Frühstück gibt es eine Morgenrunde, bei der jeder erzählen darf, wie die Nacht war, was ihn beschäftigt, was er sich vom Tag erwartet. Zwischen den Mahlzeiten die natürlich alle selber über dem Lagerfeuer gekocht werden, gibt es verschiedene Trainings und Übungen. Bei der stillen Arbeit soll sich jeder einen Ort im Wald suchen, dort in sich gehen und einfach nur beobachten. Was verändert sich in der Natur, wie fühlt sich der Baum hinter mit an, welche Tiere sehe ich? Jakob zeigt mit ein Wasserrad das er gebaut hat. Tommy hat mittlerweile ein ganzes Sammelsurium an selbstgebauten Werkzeugen. Auch Anschleichen, tarnen und die Wiesenschlacht stehen auf dem Programm. 

Wie geht es den Jugendlichen?

Sie wollen auch einen Kurs mit Ihren Freunden, Familie oder der Firma machen oder haben einen geeigneten Platz für die Wildniswerkstätte? Hier finden Sie alle Infos zu Martin und seinem Team

Heimweh ist natürlich ein Thema im Camp, mit dem fast jeder der Jungs zu kämpfen hat, der eine mehr, der andere weniger. "Ich konnte fast zwei Wochen nicht mit meiner Freundin schreiben", erzählt Adrian. Was sie am meisten vermissen? Die Antwort ist fast einstimmig: Handy und Spielkonsole. Zu Beginn des Camps mussten alle ihr Handy abgeben, die dann in einer feierlichen Zeremonie vergraben wurden, natürlich wasserdicht verpackt, dass nichts passiert. "Ganz wichtig in diesem Kurs war die medienfreie Zeit", erklärt Leiter Martin. "Wir haben festgestellt, wie wichtig und präsent die Medien bei den Kindern sind. In einem feierlichen Ritual haben wir uns dann von den Handys verabschiedet. Dabei habe ich gemerkt, dass es ganz wichtig ist, so ein Willkommensritual für das Ankommen in diese neue Welt zu haben."

Nicht nur für Kinder

Dieses Erlebnis in der Wildnis ist aber nicht nur Kindern und Jugendlichen vorenthalten. Die Wildniswerkstatt Chiemgau bietet Kurse für Jedermann an. Egal ob im Rahmen eines Firmentrainings, einer Gruppe von Freunden, einer Familie, jeder kann diese Erfahrung zusammen mit Martin und seinem Team durchleben. Neben dem Wildniscamp kann man unter anderem auch urzeitliches Töpfern, Gerben wie in der Steinzeit und vieles mehr erlernen. alle Infos finden Sie auf der Homepage.

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