Altenheimleiter in Feldkirchen-Westerham zur aktuellen Lage 

Pflege in Zeiten von Corona: "Für alte Leute schwer zu ertragen" 

Martin Hiller ist Geschäftsführer des Altenheims Vitalis in Feldkirchen-Westerham. Im Interview mit rosenheim24.de erklärt er, welche Herausforderungen und Einschränkungen das Coronavirus sowohl für die Heimbewohner als auch für das Pflegepersonal mit sich bringt. 
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Martin Hiller ist Geschäftsführer des Altenheims Vitalis in Feldkirchen-Westerham. Im Interview mit mangfall24.de erklärt er, welche Herausforderungen und Einschränkungen das Coronavirus sowohl für die Heimbewohner als auch für das Pflegepersonal mit sich bringt. 

Feldkirchen-Westerham - Pfleger in Schutzkleidung, verstärkte Hygiene-Maßnahmen, Kontaktverbot für Familienmitglieder - die Corona-Krise stellt für unsere ältesten Mitbürger eine ungewöhnliche Situation dar. Wie in allen Pflegeeinrichtungen besteht auch im Altenheim Vitalis die Kontaktbeschränkung für unbestimmte Zeit. Für den Heimleiter und das Personal eine Herausforderung. 

"Gerade für die alten Leute ist diese aktuell außergewöhnliche Situation durch Corona schwer zu ertragen", weiß Heimleiter Martin Hiller. "Das Besuchs- und Kontaktverbot stellt für viele Heimbewohner ein großes Problem dar. Die täglichen und wöchentlichen Besuche der Angehörigen, der Austausch und die Neuigkeiten von der Familie - all das ist nicht mehr in dem Umfang gegeben als es noch vor Ausbruch der Corona-Pandemie der Fall war."


Hiller ist der Geschäftsführer der Senioreneinrichtung Vitalis in Feldkirchen-Westerham, die Platz für 121 pflegebedürftige Menschen bietet. Außerdem ist er verantwortlich für drei weitere Heime in Baden-Württemberg sowie für den ambulanten Dienst Vitalis MobilCare GmbH in Feldkirchen. 

Alternativen zu den Beschränkungen gibt es: Das Vitalis profitiert von der modernen Technik à la Skype, Facetime und Video-Chat, wie Hiller betont: "Auch wir haben die Möglichkeit geschaffen, durch Skype oder Facetime in Kontakt zu den Angehörigen zu treten. Diese Option wird immer mehr genutzt - zumal es auch schön ist, weit entfernte Angehörige zu sehen und zu hören."


Ebenso können Bewohner in den geschützten Garten gebracht werden und sich dort - durch genügend Abstand zu den Angehörigen - zu einem direkten Gespräch treffen. Viele Angehörige bringen dem Personal alltägliche Dinge des Lebens vorbei, darunter zählen die Lieblingszeitung, Schokolade oder auch besondere Getränke. Diese können jederzeit an die Bewohner weitergegeben werden. 

Mundschutz: "Ein Lächeln kann nicht wahrgenommen werden" 

Die Heimbewohner seien gleich anfangs und kontinuierlich über die Pandemie und deren Entwicklung informiert worden. Problematisch allerdings stellt sich die Situation für Bewohner mit demenziellen Erkrankungen dar, ihnen fehlt Hiller zufolge oft die Möglichkeit, die Maßnahmen oder auch die ausgehende Gefahr durch Corona umfassend und vollständig zu verstehen. "Für unsere Bewohner mit demenziellen Erkrankungen ist das nicht begreifbar. Allerdings merken sie, dass durch das Tragen des Mundschutzes und der Schutzkleidung etwas anders ist als sonst." 

Dass die Mimik durch den Mundschutz des Personals eingeschränkt ist, stelle laut dem Heimleiter eine "große Schwierigkeit" dar - sowohl für die Bewohner als auch für das Personal: "Ein Lächeln kann nicht mehr wahrgenommen oder erkannt werden. Gerade in der Arbeit mit demenziell Erkrankten ist die Gestik und Mimik aber auch der Tonfall im gegenseitigen Umgang sehr wichtig." Doch im Vitalis wurde man erfinderisch, wie Hiller erfreut erzählt: "Unsere Pflegekräfte haben ihre Mundschutzmasken künstlerisch gestaltet um die Situation ein wenig aufzulockern. So entstanden etwa lächelnde Smileys oder jetzt zur Osterzeit bunte Ostereier auf den Masken - was die Bewohner wiederum sehr lustig fanden." 

Nützliche Links zu Corona:

Das Personal leiste eine "hervorragende Arbeit", weshalb die Bewohner durch die Bank Verständnis für die getroffenen Maßnahmen zeigen. "Die Leistung des Personals ist bemerkenswert und gebührt unser aller Respekt. Die Mitarbeiter arbeiten in ihrer Schutzkleidung unter teils schwierigen Bedingungen. Trotzdem sind sie durchweg positiv eingestellt, bringen die Bewohner und auch ihre Kollegen immer wieder zum Lachen. Der Zusammenhalt zwischen den verschiedenen Berufsgruppen ist noch stärker geworden", freut sich Hiller und gibt zugleich zu bedenken: "Aber natürlich breiten sich auch bei Mitarbeitern Ängste aus. Zuhause bei ihren Familien sitzen kleine Kinder oder ihre Eltern mit Grunderkrankungen, die somit zur Risiko-Gruppe zählen. Wir führen regelmäßig Gespräche mit den Mitarbeitern und bieten alles an Schutzkleidung was zur Verfügung steht. Täglich gibt es Hygieneschulungen und wir sind telefonisch jederzeit erreichbar, wenn Fragen offen stehen oder Bedenken geäußert werden wollen." 

Was ist noch erlaubt, was schon verboten? 

Generell könne und wolle Hiller keine Verbote aussprechen, er betrachte vielmehr den Einzelfall: "Nicht isolierte Bewohner werden beispielsweise in Begleitung von Pflege- und Betreuungskräften in den Garten begleitet. Auch isolierte Bewohner, die Mundschutz und Handschuhe tolerieren, werden gesondert in den Garten begleitet. So wollen wir den Bewohnern den Aufenthalt im Freien ermöglichen - gerade jetzt an den ersten warmen Frühlingstagen." 

Zudem wolle man nicht gänzlich auf alle Freizeitangebote im Heim verzichten - sie hätten sich auf die jeweiligen Wohnbereiche fokussiert und seien auf ein Mindestmaß reduziert worden. Ein gemeinsames Mittagessen aber gebe es weiterhin

Sorge vor Corona-Ausbreitung in Altenheimen

Was es bedeuten würde, wenn sich das Virus in einem Heim ausbreitet, ist spätestens seit dem Fall in einem Würzburger Altenheim Sorge vieler Heimleiter. Hiller ist deshalb auf alle Eventualitäten vorbereitet: Sobald ein Verdachtsfall auf Corona auftritt, erhält diese Information zuallererst der Pandemiestab, bestehend aus allen Bereichsleitungen innerhalb der Einrichtung. "Wir stehen in regelmäßigem Austausch über eine Teams-Gruppe, welche ähnlich funktioniert wie WhatsApp. In der Regel ist der Verdachtsfall schon isoliert und uns bekannt. Somit sind alle Maßnahmen schon im Verdachtsfall durchzuführen, denn von der Testung bis zum Ergebnis können Tage verstreichen. Hier wäre eine Reaktion erst nach Erhalt des Ergebnisse deutlich zu spät."

Gezielt Augenmerk lege das Personal auf Bewohner mit Husten, Fieber oder Schnupfen. "Diejenigen, die solche Symptome aufweisen, werden umgehend isoliert und getestet. Es ist aus unserer Sicht wenig ratsam schon im Vorfeld alle Bewohner in ihren Zimmern zu belassen. Zu bedenken gebe ich allerdings stets, dass die Grundrechte, die wir in Deutschland haben, nicht an der Haustür einer Pflegeeinrichtung enden", unterstreicht Hiller. 

Wann sind Besuche von Angehörigen wieder erlaubt? 

Und wie geht es künftig für die Heimbewohner weiter? "Ich lehne mich hierzu nicht aus dem Fenster", untermalt Hiller und wirft einen vagen Blick in die Zukunft. "Nach wie vor sollte unser aller Anliegen natürlich sein, bestmöglich die Risikogruppen zu schützen - ältere Menschen und Menschen mit Grunderkrankungen. Aber auch die psychische Situation sollte nicht außer Acht gelassen werden. Angehörige und Bekannte sind oftmals der Rückhalt und die einzigen Vertrauten für unsere Bewohner. Daher sollte den Pflegeeinrichtungen genügend Schutzkleidung auch für die Angehörigen zur Verfügung gestellt werden, sodass Besuche wieder ermöglicht werden können und gleichzeitig die Hygienerichtlinien gewahrt bleiben können." 

mb

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