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Der lange Weg zurück ins Leben

Haus Schwarzenberg in Bad Feilnbach ist jetzt eine soziotherapeutische Einrichtung

Robin Brand (38, links) und Andy Rachon (35, rechts) sind schon seit einem Jahr im Haus Schwarzenberg. An der Seite von Bettina Nemayr (hinten links) und Ergotherapeutin Anna Aigner haben sie Wege aus ihrer Alkoholabhängigkeit gefunden. Robin ist gelernter Zimmerer, der aus 9673 Eisstäbchen diesen Bauernhof gefertigt hat.
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Robin Brand (38, links) und Andy Rachon (35, rechts) sind schon seit einem Jahr im Haus Schwarzenberg. An der Seite von Bettina Nemayr (hinten links) und Ergotherapeutin Anna Aigner haben sie Wege aus ihrer Alkoholabhängigkeit gefunden. Robin ist gelernter Zimmerer, der aus 9673 Eisstäbchen diesen Bauernhof gefertigt hat.

Das „Haus Schwarzenberg“ in Bad Feilnbach ebnet Wege in ein neues Leben. Im Jahr 2015 hat der Deutsche Orden das einstige Kurhaus von der Gemeinde Bad Feilnbach erworben. Nach umfangreicher Renovierung wird hier nun eine Soziotherapie aufgebaut. Jetzt bekommen Suchtkranke Hilfe.

Bad Feilnbach – „Wir sind noch ganz am Anfang, schärfen unsere Konzepte, um Menschen mit chronischen Anhängigkeitserkrankungen dabei zu helfen, wieder selbstbestimmt und abstinent in der Mitte der Gesellschaft leben zu können“, sagt Einrichtungsleiterin Bettina Neumayr.

Neues Zuhause auf unbestimmte Zeit

Die einstigen Hotelzimmer sind für unbestimmte Zeit das neue Zuhause für chronisch Suchtkranke. „Fast keiner unserer Klienten hat mehr eine eigene Wohnung, die wenigsten haben noch Kontakt zu ihren Familien“, beschreibt Neumayr die oft traurigen Lebensumstände der Menschen. Für sie gibt es im Haus Schwarzenberg 52 Wohn- und Betreuungsplätze. Derzeit leben dort 40 Menschen im Alter von 20 bis 70 Jahren.

„Ihre Aufenthaltszeit ist ganz individuell – je nach Bedarf“, erklärt Neumayr. Ein Jahr reiche selten aus, um eine chronische Suchterkrankung hinter sich zu lassen. Sie weiß: „Wenn man es schaffen will, braucht man mindestens zwei Jahre.“

Aus Entgiftung in geschütztes Umfeld

Ins Haus Schwarzenberg werden die Bewohner direkt nach der Entgiftung in einer Akutklinik eingewiesen. Viele von ihnen haben schon mehrere mehrere Entzugsbehandlungen und Entwöhnungsaufenthalte hinter sich und immer wieder Rückfälle erlebt. In Bad Feilnbach finden sie ein geschütztes Umfeld – einen Platz zum Wohnen mit Betreuung, Begleitung und wunderbarer Aussicht in die Berge. 34 Krankenpflegekräfte, Sozialpädagogen, Arbeitstherapeuten, Hauswirtschafter und Techniker stehen ihnen auf ihrem langen und beschwerlichen Weg zur Seite.

Es gibt klare Regeln im Haus und einen sogenannten Levelplan, der Schritt für Schritt neue Strukturen in den Menschen verankern soll. „Dabei geht es immer um die Ziele, die ein Betroffener erreichen will, denn zu unserem Leitbild gehört das Helfen und Heilen auf dem Weg zu mehr Selbstmanagement und wieder zurück ins Leben und in die Gesellschaft“, erklärt die Einrichtungsleiterin. Anfangs brauchen die Bewohner noch sehr viel Schutz und Zeit zum Ankommen. Meist ist nach der akuten Entgiftung noch ein „Restentzug“ und damit eine intensive medizinisch-pflegerische Behandlung auf der Aufnahmestation erforderlich.

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Ist der Gesundheitszustand stabil, können die Bewohner ihre eigenen Zimmer beziehen. Zu Beginn werden einfache alltägliche Abläufe trainiert: Medikamentengabe, Sauberkeit in den Zimmern, Pünktlichkeit bei Mahlzeiten, einfache Arbeits- und Ergotherapie. Nach fünf Wochen Abstinenz und einer stabilen Tagesstruktur starten die eigentlichen Betreuungs- und Behandlungsangebote. Im Rahmen der Bezugstherapie wird zum Beispiel an den auslösenden und aufrechterhaltenden Faktoren der Suchterkrankung gearbeitet.

Die Bewohner lernen, wieder Verantwortung für sich selbst und andere zu übernehmen. Sie arbeiten in Werkstatt, Garten, Küche, Wäscherei, Küche, gastronomie, Housekeeping oder in der Tierpflege. Es gibt Beschäftigungs- und Kreativangebote. „Im Zentrum der Soziotherapie steht die Auseinandersetzung mit der Sucht“, erklärt Neumayr. In intensiven Gesprächen mit ihren Bezugstherapeuten blicken die Betroffenen auf ihr Leben und die Ursachen ihrer Abhängigkeit zurück. „Das ist die schwierigste Phase, denn da geht es in die Tiefe, ans sogenannte Eingemachte, denn jetzt werden Biografien hinterfragt“, umreißt Suchttherapeutin Neumayr die Intensität der Therapie.

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„Nur so können Betroffene die Stolpersteine erkennen, die zum Rückfall führen. Und das können Situationen, Gerüche, Gefühle oder auch bestimmte Menschen sein.“ Heimaturlaube oder externe Arbeitserprobungen sind erst möglich, wenn der Suchtkranke wirklich stabil ist. „Das kann nach einem Jahr oder nach zwei Jahren sein. Für jeden unserer Bewohner wird ein individuelles Maßnahmepaket geschnürt“, erklärt Neumayr.

Ziel ist es, die Menschen in ein selbstständiges, suchtfreies Leben zu verabschieden. Im fortgeschrittenen Alter sei das oft nicht mehr möglich, weiß die Therapeutin: „Deshalb können die Menschen bei uns auch bis an ihr Lebensende bleiben und hier Heimat finden.“

Eine Chance für Menschen, die woanders keinen Platz mehr finden

Bad Feilnbach – Die Soziotherapie im Haus Schwarzenberg ist eine neue Einrichtung. Wer hier lebt, erklärt Einrichtungsleiterin Bettina Neumayr, Sozialpädagogin, Sucht- und Traumatherapeutin, im Interview.

Wie kommt ein chronisch Suchtkranker in eine solch besondere Wohnform wie das Haus Schwarzenberg?

Bettina Neumayr

Bettina Neumayr:Die Menschen, die zu uns kommen, finden sehr oft woanders keinen Platz mehr. Es sind Menschen, die Schutz vor den Anforderungen der Leistungsgesellschaft brauchen. Sie wurden oft von Kindheit an verletzt, vernachlässigt, enttäuscht, missbraucht, betrogen, gekränkt. Sie haben durch die Sucht nach Alkohol, Drogen, Medikamenten oder einer Kombination daraus oft alles verloren. Die meisten von ihnen leiden an multiplen Erkrankungen, denn zur Sucht kommen beispielsweise Traumata, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Impulskontrollstörungen, Psychosen, Angststörungen oder somatische Beschwerden wie Diabetes, Zahnschmerzen, Hepatitis, HIV, Magen- oder Lebererkrankungen hinzu.

Wissen Sie, was Ihre Bewohner in die Sucht getrieben hat?

Bettina Neumayr:Viele von ihnen wurden in der Kindheit vernachlässigt, haben Gewalt erfahren oder sind in einem Suchtumfeld aufgewachsen. Suchterkrankungen sind ein Konglomerat aus genetischer Disposition, Umfeld und Persönlichkeitsfaktoren.

Wie können Sie diesen Menschen helfen?

Bettina Neumayr:Mit korrigierenden Bindungs- und Beziehungserfahrungen, mit liebevoller Zuwendung, Aufmerksamkeit, Sinnstiftung und Zeit, Gesprächen, Beschäftigung, Strukturgebung und Begleitung auf dem Weg in ein Leben ohne Drogen. Einige Menschen brauchen auch zusätzliche medizinisch-psychiatrische Hilfen.

Ein oder zwei Jahre Therapie auszuhalten, ist sicher nicht ganz so einfach...

Bettina Neumayr:Nein, zumal Ungeduld und eine geringe Frustrationstoleranz Bestandteile der Suchterkrankung sind. Der Drang nach Freiheit und Autonomie ist bei unseren Bewohnern sehr groß. Zwei Drittel brechen ab. Sie haben aufgrund der Sucht immer ein Gefühl der Unruhe, des Mangels und der Unzufriedenheit, sind hungrig nach einem Kick, nach innerlicher Befriedigung und brauchen immer ein Leuchtfeuer.

Wie lässt sich dieser Hunger ohne Drogen stillen?

Bettina Neumayr:Durch natürliche Drogen wie die Erfahrung von Bindung und Beziehung, ein gestärktes Selbstwertgefühl, die Liebe zu sich selbst, durch Erlebnisse, Ausflüge, Eindrücke, Spiritualität, Körpererfahrungen, durch die Verantwortung für ein Tier. Deshalb haben wir hier auch Alpakas, Lamas, Hühner oder Bienen. Unsere Mitarbeiter bringen ihre Hunde oder Katzen mit. In unserem Garten bauen wir eigenes Gemüse an.

Viele unserer Bewohner haben den Bezug zum Körper und auch zur Natur verloren, kennen keinen gesunden Lebensstil. Jetzt lernen sie, ihren geschundenen Körpern wieder etwas Gutes zu tun – und das auch noch mit Gemüse aus eigenem Anbau. Wenn wir ihre Liebe zur Natur und zur Heimat wecken können, gelingt es uns sicher auch, ihre Liebe zum Leben und zu sich selbst wieder zu entfachen.

Das braucht viel Zeit und Geduld. Ich bin glücklich, wenn es sich unsere Bewohner nach Wochen auf ihren Zimmern endlich gemütlich machen und den Blick in die Berge genießen. Dann weiß ich, dass sie angekommen sind. Und darauf lässt sich aufbauen.

Was sehen Sie als Erfolg an?

Bettina Neumayr:Wenn wir unsere Bewohner so aufbauen konnten, dass wir sie zum Beispiel ins ambulant betreute Wohnen oder in eine Wohngemeinschaft verabschieden können.

Wer finanziert eine Soziotherapie?

Die Eingliederungshilfeträger, also beispielsweise die Regierung von Oberbayern.

Wie können Sie Ihre Bewohner in die Gemeinde Bad Feilnbach integrieren?

Bettina Neumayr:Wir arbeiten beispielsweise mit unseren Bewohnern in den Sternthaler Filzen, engagieren uns in der Nachbarschaft – zum Beispiel in der Gartenpflege – oder helfen aktuell dem örtlichen Kindergarten ein Gartenhaus zu gestalten. Einige unserer Bewohner machen ein Praktikum in den Betrieben von Bad Feilnbach. Und: Wir planen, ein altes Segelschiff in den Wintermonaten wieder flott zu bekommen. Wir haben viele begnadete Handwerker im Team und suchen weitere Kooperationspartner in der Region für eine nachhaltige Arbeitstherapie zur Integration unserer Leute. Ich wünsche mit, dass sie hier ihre Spuren hinterlassen können.

Ist das Haus Schwarzenberg schon voll ausgebucht?

Bettina Neumayr:Nein, wir haben aktuell noch zwölf freie Plätze. Und wir suchen dringend auch weitere Mitarbeiter, beispielsweise Sozialpädagogen für unser Therapeuten-Team.

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