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Vom Krebspatienten zum Mutmacher

Benefiz-Radl-Tour von Oliver Trelenberg führt in diesem Jahr über Bad Feilnbach

Für ein herzliches Willkommen von Oliver Trelenberg (Zweiter von rechts) in Bad Feilnbach sorgten Dritter Bürgermeister Andreas Henfling, Gastgeberin Angelika Zehetmair und Cornelia Weber, Leiterin für den Bereich Kur und Tourismus (von links), am Dienstagabend. Die Gemeinde unterstützt Olis Benefiz-Tour mit freier Kost und Logis. .
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Für ein herzliches Willkommen von Oliver Trelenberg (Zweiter von rechts) in Bad Feilnbach sorgten Dritter Bürgermeister Andreas Henfling, Gastgeberin Angelika Zehetmair und Cornelia Weber, Leiterin für den Bereich Kur und Tourismus (von links), am Dienstagabend. Die Gemeinde unterstützt Olis Benefiz-Tour mit freier Kost und Logis. .

Ein ganz besonderer Mensch war am Dienstag, 20. Juli, in Bad Feilnbach zu Gast: Oliver Trelenberg – ein Krebspatient, der dem Schicksal die Stirn bietet. Im Gästehaus Leni wurde er von Drittem Bürgermeister Andreas Henfling, Gastgeberin Angelika Zehetmair und Cornelia Weber, der Leiterin für Kur und Tourismus der Gemeinde, herzlich in Empfang genommen.

Bad Feilnbach – Unterstützt wird seine Benefiz-Aktion mit freier Kost und Logis bei „Leni“, einem Gutschein für eine ordentliche Stärkung bei den Wirten von „Kreativ und köstlich“, einem Moorbalsam für die „müden Knochen“ und gut organisierter „Publicity“ für seine Spendenaktion.

Bad Feilnbacher unterstützen Projekt

Die Bad Feilnbacher waren überwältigt vom Engagement des 55-jährigen Hageners, der seit 2015 unter dem Motto „Krebspatient radelt für guten Zweck“ in die Pedale tritt, um Spenden für schwerstkranke Menschen zu sammeln. Seit dem 21. Juni ist er wieder unterwegs – diesmal als Botschafter des Vereins „Strahlemännchen – Herzenswünsche für krebskranke Kinder“.

Seine Heimatstadt Hagen ist gerade im Hochwasser ertrunken. Trotzdem radelt Oliver weiter, denn er hat eine Mission: „Diese Tour ist schwerstkranken Kindern, Jugendlichen und deren Eltern gewidmet. Die Spenden sind dazu da, den Kindern einen Herzenswunsch zu erfüllen, der nicht selten ihr letzter Wunsch ist“, erklärt er sein Engagement.

Vier Tage Pause an 91 aktiven Tagen

In insgesamt 91 Tagesetappen absolviert er noch bis zum 23. September eine Strecke von insgesant 5500 Kilometern – von Hagen über Siegen, Zweibrücken, Stuttgart, Bodman, Passau, Würzburg, Erfurt, Bautzen, Berlin, Usedom, Flensburg, Cuxhaven, Delmenhorst, Osnabrück, Münster und Hamm zurück in seine Heimatstadt Hagen. Was mit dem Auto ein tagelanger Ritt wäre, ist für ihn ein Projekt von 14 Wochen.

An jedem Tag ist er unterwegs, radelt an die 45 bis 90 Kilometer. Da bleibt keine Zeit für Sightseeing. Da kann er sich nicht entscheiden, irgendwo einfach mal etwas länger zu bleiben. „Das ist doch kein Urlaub, das ist eine Spendentour“, macht er klar. Nur an vier Tagen gönnt er sich Ruhe.

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5500 Kilometer in 14 Wochen? Mancher Radsportler mag denken, dass das nichts Besonderes sei. Doch für Oli ist es das. 2013 überlebte er eine Krebserkrankung. Zwar gilt er nach fünf Jahren als „geheilt“. Doch an den Folgen leidet er bis heute. Er kämpft mit Kurzatmigkeit und einem schrumpfenden Lungenvolumen. Und auch wenn er inzwischen mit dem E-Bike fährt: „Gerade hier in der Gegend muss ich dann doch oft absteigen und die Berge hochlaufen, weil ich nicht mehr kann.“

Zudem lebt er mit der latenten Gefahr, zu ersticken, wenn er etwas trinkt oder isst, denn nach dem Krebs fehlt ihm der Kehldeckel – der Verschluss seines Kehlkopfeingangs. Doch gerade deshalb radelt er weiter, genießt jeden Tag, denn er weiß nie, ob es sein letzter sein wird.

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Seit 2015 hat Trelenberg 15 000 Kilometer auf Radfernwegen in Deutschland und mehr als 25 000 Radl-Kilometer auf Tagesradtouren zwischen Rhein und Ruhr absolviert. Und das bei Wind und Wetter. „Nur wenn es unter fünf Grad geht, muss ich passen. Dann macht mein Hals nicht mehr mit.“ Nach der schweren Operation fühlt der sich wie eine starre Halskrause an, auch wenn äußerlich „nur“ feine Narben an Olis Kampf mit dem Tod erinnern.

Er selbst aber wird diese Zeit nie vergessen. Deshalb rafft er sich jeden Tag auf und fährt weiter, denn: „Ich möchte den Menschen zeigen, dass uns keiner an die Hand nimmt, sondern dass wir selbst ins Leben zurückfinden müssen – weg vom Selbstmitleid und dem Krankheiten-Googeln auf dem Sofa, hinaus in die Welt, in die Natur, aufs Rad.“ Dass das funktioniert, beweist er seit sechs Jahren.

Oli bietet der Krankheit die Stirn

Er dokumentiert seine Erfahrungen auf Facebook, denn er will zeigen, dass „man einen Weg finden kann, der Krankheit die Stirn zu bieten und jeden Tag, der im Leben noch bleibt, zu genießen“.

Auf seinen Radtouren ist er vielen Menschen begegnet, hat ihnen mit seiner Geschichte Mut gemacht, ihnen aber auch erzählt, wie es sich anfühlt, schon als Kind nicht willkommen zu sein. Hat ihnen berichtet, wie arm ein Mensch in Deutschland ist, der mit einer EU-Rente leben muss. Und hat dabei nicht nur Mut gemacht, sondern auch mehr als 41 000 Euro Spenden für schwerstkranke Menschen gesammelt.

Am Dienstag absolvierte Oli seine Etappe von Bad Tölz nach Bad Feilnbach und damit ein Drittel seiner Benefiz-Tour.

Heute wird er in Mühldorf erwartet

„Ich werde irgendwann vom Fahrrad fallen“, sagt der 55-Jährige, denn solange er lebt, will er weiterradeln. Und so machte er sich nach dem kurzen Stopp in Bad Feilnbach am Mittwoch auf den Weg nach Wasserburg. Heute wird er in Mühldorf am Inn erwartet.

Nähere Informationen und die Spendennummer finden sich auf www.oli-radelt.de.

Wie viele Spenden aktuell auf dem Spendenkonto der Stadt Hagen schon eingegangen waren, weiß er nicht. „Viel wichtiger sind mir die vielen Gespräche mit den Menschen, die mir begegnen“, sagt er, denn jeder bekommt einen Flyer vom Projekt.

Ein Leben mit vielen Tiefen, wenigen Höhen und am Ende einem eisernen Willen

Oliver Trelenberg hat einen holprigen Lebensweg hinter sich. 1965 in Nordrhein-Westfalen geboren, lernt er schon als Kind Demütigungen, körperliche und psychische Gewalt kennen.

Mit 16 Jahren ist der Alkohol sein bester Kumpel. Ohne Schulabschluss und mit abgebrochener Lehre schlägt er sich als Hilfsarbeiter durch. Er prügelt sich, wandert deshalb mit 20 das erste Mal ins Gefängnis, mit 24 das zweite Mal. Danach ist er obdachlos.

1990 schließlich bekommt er einen Job als Hilfsarbeiter in einem Stahlhandel. Bei einem Arbeitsunfall wird er schwer verletzt, seine Genesung dauert zehn Monate.

Mit 27 Jahren schafft er es, dem Alkohol zu entkommen. Er arbeitet als Lagerleiter, heiratet, wird Lkw-Fahrer. Dann scheitert die Ehe. Er fängt wieder an zu trinken. Er heiratet noch einmal, auch diese Beziehung funktioniert nicht.

2003 krempelt er sein Leben völlig um. „Ich habe den Entschluss gefasst, nur noch dieses eine Bier zu trinken und danach keines mehr“, erzählt er. Und er schafft es: aus eigener Kraft, ohne Selbsthilfegruppe, einfach nur mit seiner Willenskraft.

Trotzdem wird er nicht glücklich. Depressionen und traumatische Störungen machen sich bemerkbar. Erst als 2009 das Radfahren zu seiner großen Leidenschaft wird, spürt er den positiven Einfluss von Sport und Naturerlebnis auf seine Psyche. Sein Lebensmut kehrt zurück.

Doch vier Jahre später folgt der nächste Schock: die Diagnose Kehlkopfkrebs. Der Tumor im Bereich des Kehldeckels wird entfernt. Mit viel Glück behält Trelenberg seine Stimme.

Er kämpft sich zurück ins Leben, fährt wieder Fahrrad. Schafft er erst nur sieben Kilometer, werden es bald bis zu 100 am Tag und Tausende im Jahr. 2014 fährt er die ersten Radtouren als Mutmacher für sich selbst. Ein Jahr später ruft er das Projekt „Krebspatient radelt für guten Zweck“ ins Leben. Er gibt seinen Führerschein zurück: „Mir ist meine und die Gesundheit anderer wichtig“, sagt er.

Für Oli Trelenburg ist das Radfahren inzwischen mehr als eine Leidenschaft: „Es schenkt mir Halt, gibt mir ein Stück der verlorenen Lebensqualität zurück und erfüllt einen guten Zweck.“

Er will anderen Menschen Mut machen mit seinen Spenden-Rad-Touren und mit Vorträgen, in denen er aus eigener Erfahrung über Themen wie Krebs und Armut, Bewegung trotz Erkrankung und den Weg aus dem Alkoholismus spricht.

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