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Vor-Ort-Eindrücke vom Sonderimpftag in Wasserburg

Lange Wartezeiten, Unmut und großer Andrang auf den Pieks im „Fit & Fun“

Sonderimpftag im Wasserburger Sportpark „Fit & Fun“ am 25. November
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Starker Andrang auf den Sonderimpftag im Wasserburger Sportpark „Fit & Fun“ am 25. November. Die Schlange an Impfwilligen reichte beinah bis zum Badria-Parkplatz.

Mit bloßem Auge war das Ende der Schlange vor dem Wasserburger Sportpark „Fit and Fun“ gar nicht mehr zu erkennen: Viele kamen, um sich im Rahmen des Sonderimpftags am 25. November gegen das Coronavirus zu schützen - doch mit einem solchen Andrang hatte weder das Impfteam noch der Betreiber des Fitnessstudios gerechnet.

Wasserburg - Donnerstag, 25. November, 16 Uhr, grau-trübes tristes November-Wetter, Schnee liegt in der Luft: 180 Meter lang ist der Weg von der Einfahrt der Alkortstraße zum Sportpark „Fit & Fun“ - so lange standen die Menschen um kurz nach 16 Uhr bereits an, um sich am Sonderimpftag im Wasserburger Fitnessstudio von 16 bis 22 Uhr ihre Corona-Impfung geben zu lassen.

Wegen Engpass in den Hausarztpraxen Impfung im Fitnessstudio

Unter ihnen die zwölfjährige Emily und ihre Mama Anita aus Söchtenau. Weil Emily wieder mehr Freiheit zurück haben möchte, sind sie heute für die Erstimpfung nach Wasserburg gekommen - ebenso wie Martin, der sich dazu entschieden hat, die Impf-Kampagne im „Fit & Fun“ wahr zu nehmen. Seine erste Impfung beim Hausarzt hätte er erst im neuen Jahr verabreicht bekommen. Stichwort Engpass in den Hausarztpraxen. Diesen Satz hören wir an diesem Abend noch öfter.

Samuel, Mitte Zwanzig, steht ebenfalls für die Erstimpfung in der Schlange: „Ich hätte mich mit einem Totimpfstoff wohler gefühlt“, unterstreicht der junge Wasserburger in Hinblick auf die mRNA-Impfstoffe Moderna und Biontech, die das Team der Maltester im „Fit & Fun“ verimpft.

„Dennoch habe ich mich dazu entschieden, mich jetzt impfen zu lassen, langsam kommt man ja nicht mehr drumherum - vor allem ich nicht in meinem Job in der Pflege. Ich sehe mich nicht als Risikopatient, aber mit Blick auf den Winter muss ich als Ungeimpfter mit massiven Einschränkungen rechnen und so habe ich nun zumindest einen Teil meiner Grundrechte wieder und darüber hinaus einen Schutz für mich selbst.“

Die Schlange vor den Toren des Sportparks „Fit & Fun“ in Wasserburg am Sonderimpftag. Der Betrieb im Fitnessstudio ruht wegen des Lockdowns im Raum Rosenheim ebenso wie der in der angrenzenden Disco „Universum“.

Andreas steht ebenfalls für die Erstimpfung an und bläst ins selbe Horn wie Samuel. Zudem möchte er nicht mehr ständig zahlen für Tests, die auch in der Arbeit verlangt werden: „Es ist traurig, dass man quasi hintenrum gezwungen wird, sich impfen zu lassen, weil das Leben sonst sehr eingeschränkt ist“, erklärt der junge Wasserburger. Seine Freundin ist als Begleitung dabei und bereits geimpft - wegen der Kinder. „Sonst kann man ja gar nichts mehr machen“, ergänzt sie.

Viele kamen für die Booster-Impfung

Christine aus Schonstett möchte sich wie der Barbara aus Albaching boostern lassen - sie bilden die Mehrheit an diesem Abend, die meisten lassen ihre bereits vorhandene Impfung nach einem knappen halben Jahr auffrischen. Der Teil der Erstimpflinge ist - wie an den sechs anderen Sonderimpftagen im „Fit & Fun“ - eher gering, lag bislang bei um die 20 Prozent.

„Dabei wären doch gerade die Erstimpfungen jetzt so wichtig“, untermalt John. Er steht mit seinem Bekannten Markus bereits im Eingang des Sportparks und muss nicht in der Kälte ausharren. Beide bekommen ihren Booster - stehen dafür jedoch mehrere Stunden an. Die Wartezeiten an diesem Donnerstag sind immens.

„Seit 2G ist der Andrang größer“

So viel los war noch nie“, bestätigt Fitnessstudio-Betreiber Hans Enzinger gegenüber wasserburg24.de. Als die Kampagne im Juli startete kamen 57 Personen. Die Zahl der Impfwilligen aber hat sich von Mal zu Mal vergrößert. Insgesamt wurden bereits rund 500 Impfungen durchgeführt.

An diesem Donnerstagabend stehen über 300 Leute vor dem „Fit & Fun“. Enzinger stellt die Räume seines Sportparks, in denen das Impfteam die Impfungen durchführt, kostenlos zur Verfügung, er hätte selbst nicht gedacht, dass sich die Zahl an Impfwilligen derart vervielfachen würde.

Die ersten kamen bereits um 13.30 Uhr und warteten im Eingangsbereich, weiß Fitnesstrainer Dave Bentivegna, der sichtlich Mühe hat, an der Rezeption einen Überblick über die Menge zu behalten. Peu à peu wurden es mehr Impfwillige, bis die Schlange über die Tür hinaus auf den Parkplatz bis vor zur Alkorstraße immer länger wurde. „Seit 2G ist der Andrang größer“, erklärt Dave. „Aber so wie es dieses Mal zugeht, das ist brutal.“

Im Gang des Sportparks geht die Menschenschlange an Impfwilligen weiter. Die ersten kamen bereits um 13.30 Uhr.

Im Inneren bewahrt das Team der Malteser Ruhe. Torsten Ronny aus Griesstätt erhält um 17 Uhr seine zweite Impfung von Melanie Cordes. Sie ist seit Beginn der Pandemie im Impfteam dabei, war schon bei vielen mobilen Einsätzen. Die Impfung läuft routiniert ab, in wenigen Sekunden ist alles vorbei. Den Stich habe der Impfling, wie er sagt, „kaum gespürt“. Er erhält einen Ausdruck mit dem QR-Code für die Aktualisierung seiner Corona-App, muss zwei Unterschriften tätigen.

Auch der Impfarzt leistet mehrere Unterschriften, stempelt die Dokumente, ehe sie abgeheftet oder dem Impfling mitgegeben werden. Davor steht das Aufklärungsgespräch an und nach der Impfung wird eine Wartezeit von zehn bis 15 Minuten empfohlen für mögliche sofort auftretende Nebenwirkungen.

Fotos von der Arbeit des Impfteams, das sich in den Squash Courts in je zwei Dreier-Gruppen aufgeteilt hat, dürfen wir vor Ort ohne vorherige Genehmigung spontan nicht machen.

Zehn bis 15 Impfungen pro Stunde

Pro Stunde gehen etwa zehn bis 15 Impfungen über die Bühne. Bereits um 17.30 Uhr ist klar, dass nicht alle Wartenden an diesem Tag geimpft werden können. Die Menge würde wohl ausreichen, doch die Zeit macht dem Malteser-Team einen Strich durch die Rechnung. Der „klassische deutsche Bürokratie-Dschungel“, meint eine Mitarbeiterin des Impfteams resigniert.

180 Meter lang ist die Warteschlange an Impfwilligen vor dem Sportpark „Fit & Fun“.

Dass eine Impfung aufgrund bürokratischer Vorgaben und Aufklärung vor Ort pro Impfling mehrere Minuten Zeit in Anspruch nimmt, ist Hans Meyrl bewusst.

„Der Sonderimpftag im Wasserburger Fitnessstudio hat dieses Mal definitiv den Rahmen gesprengt“, bestätigt der Leiter des Rosenheimer Impfzentrums tags drauf auf Nachfrage von wasserburg24.de. „Wir reagieren auf diesen Andrang, werden das nächste Mal mit mehr Personal die Kapazitäten ausschöpfen und schauen, dass Wartezeiten minimiert werden.“ Denn es sei ein „Unding“, Impfwillige stundenlang in der Kälte stehen zu lassen.

Eine Lösung wären Terminvergaben, die man mit Betreiber Enzinger für die kommenden Sonderimpftage bis Ende des Jahres noch diskutieren wolle. Dies habe man bisher vermieden, da die Erfahrungen gezeigt hätten, dass viele gerne spontan zum impfen gehen. Damit habe man diese Sondertage schließlich auch beworben. „Im Sommer hat das jedoch kaum einer wahrgenommen, nun spitzt sich die Lage zu, die Bürger überrennen uns beinahe“, weiß Meyrl um die aktuelle Lage.

Corona-Lage eine logistische Herausforderung für Team des Impfzentrums

Im Impfzentrum in Rosenheim sei man bereits am Aufstocken, führe täglich mehr als 1000 Impfungen durch. Er empfiehlt den Leuten, sich via Termin ins Impfzentrum auf die Loretowiese zu begeben. Bis Mitte Dezember werden täglich 2000 Impfungen durchführbar sein. „Da geht‘s dann wieder voran“, verspricht Meyrl.

Gleichzeitig verweist er auf die logistische Herausforderung: „Im Sommer wurden Zentren geschlossen, alles fast auf Null gefahren, das Impfpersonal kehrte zurück in ihre eigentlichen Berufe und Corona gab es gefühlt nicht mehr. Nun ist das Virus mit voller Wucht zurückgekehrt und wir müssen plötzlich rasch handeln. Das nun alles praktisch über Nacht wieder auf die Beine zu stellen ist schier unmöglich in der kurzen Zeit - und dann geschehen leider solche chaotischen Zustände wie am Sonderimpftag im Wasserburger Fitnessstudio.“

Inzwischen ist es dunkel, die Schlange vor dem „Fit & Fun“ allerdings noch immer meterlang.

„Drei Stunden habe ich jetzt auf den Booster gewartet“

Dies bekommen die inzwischen teils mürrischen, durchgefrorenen und unruhig Wartenden vor den Toren des „Fit & Fun“ zu spüren. Wortfetzen wie „Wieso geht denn da nichts vorwärts?“ bis hin zu „Da hätte ich ja gleich woanders hinfahren können“ dringen an unsere Ohren.

Das geht doch so nicht. Da möchten sich die Leute schon impfen lassen und dann funktioniert das organisatorisch nicht - und wir holen uns hier die Grippe“, ruft uns eine Frau aus der Menge zu, während gerade eine achtzigjährige Wasserburgerin aus dem Sportpark marschiert. „Drei Stunden habe ich jetzt auf den Booster gewartet - wenn ich das gewusst hätte, wäre ich gleich ins Impfzentrum gefahren“, erklärt sie kopfschüttelnd im Vorbeigehen.

Erneuter Versuch Anfang Dezember im „Fit & Fun“

Die langen Wartezeiten seien „mehr als ärgerlich“. Hans Enzinger appelliert aber auch an die Vernunft und den Anstand der Impfwilligen. „Wir haben am frühen Abend die Polizei rufen müssen, um für Ordnung zu schaffen. Es wurde kein Abstand mehr eingehalten und wir wollten nicht, dass es weiter brodelt.“

Ihm sei die Absprache mit den Verantwortlichen von Landratsamt und Impfzentrum wichtig, denn das nächste Mal müsse das geregelter ablaufen - notfalls mit Ordnern. Denn die Konsequenz sei, dass im Sportpark dann eben keine Sonderimpftage mehr durchgeführt werden - das letzte Mittel für Enzinger, das er nur äußerst ungern einsetzen wollen würde.

Inzwischen ist die Nacht hereingebrochen, die Temperaturen befinden sich um den Gefrierpunkt. Die Schlange vor dem Fitnessstudio ist kürzer geworden, viele haben aufgrund der Kälte entschieden, sich doch auf einen anderen Weg impfen zu lassen oder es beim nächsten Sonderimpftag am 9. Dezember erneut zu versuchen. Darunter Emily und ihre Mutter, die um kurz vor halb sieben unverrichteter Dinge den Heimweg antreten - nach fast drei Stunden Wartezeit im Freien.

mb

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