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Serie: Unterwegs mit...

Tag des Waldes: Wasserburger Förster Dr. Heinz Utschig über das „gewollte Chaos im Paradies“

Heinz Utschig an seinem Lieblingsplatzerl, links ist die Silhouette von Wasserburg zu erkennen.
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Heinz Utschig an seinem Lieblingsplatzerl, links ist die Silhouette von Wasserburg zu erkennen.

Der Wald ist sein Arbeitsplatz und seine Berufung. Dr. Heinz Utschig, Forstbetriebsleiter der bayerischen Staatsforsten in Wasserburg, liebt ihn ganz besonders im nahenden Frühling. Zum Internationalen Tag des Waldes hat er Reporterin Andrea Tretner mitgenommen auf einen Waldspaziergang – und sein Lieblingsplatzerl gezeigt. Ein Besuch in einem grünen Paradies vor den Toren der Stadt.

Wasserburg/Griesstätt – Im Auwald in der Altenhohenau vor den Toren der Stadt Wasserburg entsteht im Moment eine jeden Tag größer werdende Blütenpracht. Frühling ist es und die Zeit der Geophyten. Die Schneeglöckchen sind schon wieder verblüht, aber derzeit übertrifft sich der Märzenbecher in seiner Pracht selbst. Ganze Bänder voll weißer Kelche durchziehen das Flecken Erde, welches Vogel- und Naturschutzgebiet ist. „Bald kommen die Schlüsselblumen und Maiglöckchen. Der Frühling ist hier ganz wunderbar“, erzählt Utschig begeistert.

Der Biber hat ganze Arbeit geleistet

Zu Fuß durchstreifen wir das Gelände. Nicht im Wandermarsch, wir sind eher ständig am Staunen, Schauen und Bewundern, bleiben stehen und genießen. „Schauen Sie nur – hier ist der Biber unterwegs“, sagt Utschig und zeigt auf eine Art Wildpfad. Ein durchaus größeres Tier muss das sein, so breit ist der Weg angelegt. „Gesehen habe ich ihn noch nie, aber dass er hier ist, das sieht man.“ Utschig zeigt auf einen Biber-Übergang auf der Straße. Links und rechts vom Weg führt jeweils eine markante Schneise in den Wassergraben. „Ich habe schon überlegt, ihm hier einen Zebrastreifen hinzumachen“, schmunzelt Utschig und ist schon wieder bei der nächsten Rarität: einem Baumriesen, einer Eiche, die bis hoch in die Krone mit Efeu bewachsen ist.

Im Auwald wird wenig eingegriffen.

Bewundernde Worte für das, was da vor ihm steht: „Natürlich könnte man sagen, dass der Efeu den Baum hier kaputtmacht, aber hier darf auch so etwas sein. Das ist doch ganz wunderbar. Vögel brüten darin, fressen die Beeren und die Bienen bekommen den Nektar der Blüten“.

Hier im Auwald wird von den Staatsforsten wenig eingegriffen, es darf sein, was sich entwickelt. Ab und an wird eine Eiche entnommen und das Holz erzielt durchaus einen guten Preis, aber wichtiger ist, dass dadurch wieder mehr Licht auf den Boden kommt und der natürliche Aufwuchs eine Chance hat. Die Wege werden in Stand gehalten, aber ansonsten „darf hier Chaos herrschen“, wie der Forstbetriebsleiter es ausdrückt.

Das sieht man. Wie Mikado Stäbe liegen hier teilweise umgefallene Eschen übereinander. Das Eschentriebsterben macht vor dem Auwald nicht halt. Ein Pilz lässt den Baum absterben. „Er versucht, in dem er sich quasi selbst amputiert, dem Pilz zu entkommen.“ Ast um Ast lässt er los, bis nur noch der Rumpf übrig bleibt, bedauert Utschig. Die Wurzeln faulen ab. Und dann fällt der Baum um. Kein Wurzelgeflecht ist mehr am Wurzelteller sichtbar, der Pilz hat ganze Arbeit geleistet. Der Baum bleibt liegen und wird Totholz.

Vergehen und Werden im Wechsel

Andere Pilze werden sich jetzt um seine Zersetzung kümmern. „Aber ich kann mich auch über so einen Baum freuen, ich brauch nicht immer die Furniereiche“, schwelgt Utschig über das Vergehen und Werden hier. Chaos muss man aushalten und zulassen können, sagt er.

Ein weiterer heimischer Baum, der mit einem Pilz zu kämpfen hat, ist die Ulme. „Hier im Auwald haben wir erstaunlich viele Ulmen. Meist befällt dieser Pilz ältere Bäume und wir wissen nicht, wie sich unsere dreißigjährigen Bäume in zwanzig Jahren verhalten werden“, erklärt der Profi und lässt wie aus Zauberhand um die Ecke eine wirkliche Kostbarkeit mit Charakter erscheinen: Eine hundert Jahre alte Flatterulme. Knorpelige Rinde, mächtiger Umfang. Ein wenig sieht sie aus, als wäre sie aus einem Michael-Ende-Buch gefallen. Die weise alte Ulme, die gleich mit einem zu sprechen beginnt. „Ich wüsste jetzt nicht, wo sie so einen Baum hier in der Umgebung noch zu sehen bekämen“, sagt da jemand durchaus stolz. Der Auwald hier könnte für die jungen Ulmen eine Art Trainingslager sein. Es wird von den Staatsforsten freilich beobachtet, wie so ein natürlicher Wald mit dem schädlichen Pilz umgeht.

Ringdamm mitten im Chaos des Waldes

Die Hartholzaue mit Ulmen, Eschen und Eichen ist von einem Ringdamm zum Inn hin umschlossen, durchzogen von Kanälen, die einen mal höheren, mal niedrigeren gelenkten Wasserstand haben. Es ist somit kein naturbelassenes Auengebiet mehr. Ziel ist aber, hier eine natürliche Wasserdynamik wieder zu etablieren. Außerhalb dieser Hartholzzone beginnt die Weichholzaue mit hauptsächlich Erlen und Weiden.

Ein Chaos, in dem es viele Dinge zu entdecken gibt. Bäume, die beim letzten Sturm umfielen, bleiben liegen.

„Der technische Aspekt mit Damm und Wasserregulierung und inmitten dessen, das Chaos des Auwaldes, das hat was“, so beschreibt Utschig auf dem Weg zu seinem Lieblingsplatzerl die Faszination für dieses Stück Natur. Am Ringdamm entlang ist es ein viertel Stündchen bis zum Inn selbst. Ein Biberdamm ist zu sehen, ein wenig Konrad-Lorenz-Stimmung kommt auf, als eine Graugans schimpfend vor uns her schwimmt. An den Steilwänden kann man, wenn man Glück hat, den Flug balzender Eisvögel beobachten. „Das war ein Highlight. Blaue blitzende Pfeile schossen durch die Luft. Das müssen Eisvögel gewesen sein“, rekapituliert Utschig dieses Naturerlebnis vergangener Tage.

Eine Sitzbank rückt in den Blick: das Lieblingsplatzerl. Wir sind am Innspitz, wo der Leimbach in den Inn einfließt. Der Blick fällt auf die Attler Au, links von uns sieht man Wasserburg und rechts liegt das Kloster Attel. „Ist das nicht schön, fast wie an der Donau“, träumt Utschig sofort von Kindheitserinnerungen. Er ist in Neuburg an der Donau aufgewachsen. Hier sitzt er oft mit seiner Frau, beispielsweise an einem Sonntag, wenn die Berge zu überlaufen sind. Sitzen, Gedanken schweifen lassen, den Blick auf das Wasser gerichtet, „da ist man doch sofort entspannt“.

Staunen über uralte Schwarzpappeln

Zurück geht es weiter durch die Weichholzaue, in der der Biber, „soviel knabbern kann, wie er mag, wächst ja alles schnell nach“. Ein paar Fichten verändern sofort den Charakter der Natur. Wobei es in einer natürlichen Flussaue immer Fichten gab, denn der Fluss bringt den Samen aus dem Gebirge mit.

Zurück im Hartholzbereich wartet noch eine Eigenart dieser Aue. Biologen haben entdeckt, dass es hier eine beachtliche Zahl an autochthonen sprich gebietsheimischen Schwarzpappeln gibt. Sie sind nur schwer von Hybridpappeln zu unterscheiden und sehr selten in Deutschland. Sie stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Die Zerstörung der Auwälder ist ein Grund. Mächtige, beeindruckende Bäume, die bis zu 300 Jahre alt werden können verabschieden uns auf unserem Rundgang. Zu guter Letzt muss man einfach die tief gefurchte und markante Borke dieser Riesen anfassen und sofort spürt man die Schönheiten wieder, die auf dem Weg lagen. Ein wirklich besonderer Platz dieser Auwald – ein spannendes Chaos.

Die Natur ist kreativ, sagt Heinz Utschig angesichts von Bäumen wie diese vom Efeu bewachsene Eiche.

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