Sogar die Seen schwitzen

OVB
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Kontrastprogramm zu den überfüllten Badestränden, an denen sich Handtuch an Handtuch reiht: Am Höglinger Baggersee bei Bruckmühl - auch "Höglinger Riviera" genannt - ist im schattenfreien Glutofen noch viel Platz für Sonnenanbeter.

Landkreis - 30 Grad noch am Spätnachmittag gegen 17.30 Uhr - auch gestern hatte die Hitze die Region fest im Griff. Sogar die Seen schwitzen: So sinkt der Chiemsee-Pegel täglich um ein bis zwei Zentimeter.

Erfreulich: Viele haben sich gut auf die Temperaturen eingestellt. Badeunfälle, Kreislaufprobleme oder Sonnenstiche halten sich in Grenzen. Indessen sind Landwirte und Waldbauern in Sorge.


Der Andrang in den Schwimmbädern ist enorm, an den Badeseen reiht sich Handtuch an Handtuch, vor den Eisdielen bilden sich lange Schlangen: Jede Abkühlung ist willkommen.

Auswirkungen der Hitze sind derzeit überall festzustellen. "Zwischen ein und zwei Zentimeter sinkt der Wasserspiegel des Chiemsees aktuell jeden Tag", erklärt etwa Herbert Hauk, Betriebsleiter der Chiemsee-Schifffahrt. "Ein sehr hoher Wert, jedoch dem Wetter entsprechend." Sorgen ums Bayerische Meer macht er sich dennoch nicht: "Wir hatten noch vor einiger Zeit Hochwasser." Der Pegel sei aktuell auf einem Mittelwert angekommen. "Die Fahrgäste können also problemlos weiterhin auf den Schiffen den kühlen Fahrtwind genießen."


Auch bei Rekordhitze trocknen die Seen nicht so schnell aus. Beim Menschen geht das viel schneller. Wer zu wenig trinkt, sich zu viel zumutet oder zu viel in der Sonne ist, riskiert Gesundheit oder Leben. "In unserer Notaufnahme ist derzeit mehr los", bestätigt Elisabeth Siebeneicher von den Romed-Kliniken in Rosenheim. "Allerdings halten sich die Einlieferungen aufgrund von Flüssigkeitsmangel, gemessen an den aktuellen Temperature, im Rahmen."

Auch Kindern und Jugendlichen fällt bei der tropischen Hitze das Lernen schwer - hitzefrei gibt es trotzdem kaum noch. Schon seit Jahren gibt das Kultusministerium die Empfehlung aus, die Hitzefrei-Option "äußerst zurückhaltend" einzusetzen - und die meisten Rektoren in Stadt und Landkreis Rosenheim halten sich dran.

Hintergrund: die steigende Zahl der Ganztagsschulen. "Seit wir Ganztagesklassen haben, ist das Thema Hitzefrei für uns so gut wie erledigt", heißt es in Rosenheim, Kolbermoor und Heufeld. Wo früher ein bis zwei Stunden ausgefallen sind, kommen jetzt bis zu fünf zusammen, wenn die Schüler um 11 Uhr nach Hause geschickt werden und der Nachmittagsunterricht entfällt - was besonders im neuen G8-Modell zu Engpässen wegen dem versäumten Stoff führen kann. Zudem gibt es immer mehr berufstätige Eltern, die sich darauf verlassen, dass ihre Söhne und Töchter erst im Laufe des Nachmittags heimkommen.

So kann es reichlich ungemütlich werden in den heimischen Gymnasien, Real- oder Grundschulen - vor allem, wenn die Klassenzimmer zur Sonnenseite hin ausgerichtet sind. So mancher Lehrer verlegt den Unterricht deshalb in einen kühlen Kellerraum oder ins Freie unter einen schattenspendenden Baum.

Bäume, die Mensch und Tier vor der Sonne schützen, brauchen aber auch selbst Schutz. Die Lage in den heimischen Wäldern ist kritisch. "Wir haben Angst vor Waldbränden", erklärt Josef Spann, Landeschef der bayerischen Waldbauern, der auch Vorsitzender der Waldbesitzervereinigung Rosenheim/Bad Aibling ist. "Laub und Nadeln trocknen sehr schnell aus. Sie entzünden sich leichter als man vermutet." Spann appelliert an die Bevölkerung: "Jede gleichgültig weggeworfene Glasflasche kann derzeit ein Feuer auslösen. Wir hoffen stark auf die Vernunft der Wanderer."

Und noch eine Problematik erkennt der Vorsitzende: "Das Klima erinnert im Moment mehr an die Regionen Toskana oder Südtirol. Dafür sind die heimischen Pflanzen nicht geeignet." "Wenn die Temperaturen noch drei bis vier Wochen so bleiben, werden wir die ersten Bäume hitzebedingt sterben sehen."

Angst um ihre Pflanzen hat auch die Landwirtschaft, die ebenfalls stark von der anhaltenden Hitze betroffen ist. "Die Trockenheit macht dem Getreide zu schaffen", vermeldet etwa der Präsident des Bayerischen Bauernverbands, Gerd Sonnleitner. "Hält das heiße Wetter an, so ist regional mit erheblichen Ertragsausfällen zu rechnen."

So sehnen viele Menschen im Landkreis den nächsten Regenschauer herbei. Bis dahin heißt es jedoch weiterhin: schwitzen, trinken und sich vor zu viel Sonne schützen.

Robert Feiner/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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