Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Inntal-Gemeinden auf verlorenem Posten?

Absage an den Wildbarren: Brenner-Nordzulauf-Pläne von Minister Wissing stoßen auf Widerstand

Nadelöhr im Inntal: Auf Höhe von Kirnstein soll die Verknüpfungsstelle Niederaudorf entstehen.
+
Zusammenführung am Nadelöhr: Die Verknüpfungsstelle Niederaudorf soll an der engsten Stelle des Inntals entstehen.

Stehen die Inntalgemeinden auf verlorenem Posten? Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP) bevorzugt beim Brenner-Nordzulauf eine Planung, die den Wünschen der Menschen in Flintsbach und Oberaudorf widerspricht. Es regt sich Widerstand.

Stefan Lederwascher kann sich für Technik durchaus begeistern. Öfter schon besuchte der Bürgermeister von Flintsbach die Baustelle des Brennerbasistunnels und ließ sich beeindrucken von der Höhlenfahrt bei Franzensfeste. „Da wirst du demütig“, sagt Lederwascher, „diese Riesenkavernen - wir sind da mit dem Reisebus reingefahren und haben drinnen sogar gewendet.“

Die Demut beim Betrachten der Ingenieurskunst hat noch eine andere Eigenschaft in Stefan Lederwascher geweckt: Neugier. Lederwascher würde zu gerne wissen, was die Ingenieure bei diesem Jahrhundertprojekt Basistunnel noch alles zuwege bringen. Zum Beispiel auch eine unterirdische Verknüpfung im Wildbarren für den Nordzulauf der Schienenstrecke? Obwohl die Bahn lediglich eine oberirdische Trasse prüfen will? So wie es der Wunsch auch des Bundesverkehrsministeriums ist?

„Die Bahn wollte ja auch nicht den Inn unterqueren“, sagt Lederwascher. „Und jetzt macht sie‘s. So werden wir uns also nicht abspeisen lassen.“ Schließlich gehe es um die Menschen und die Natur dort, sagt der Gemeindechef. Warum also gerade an der engsten Stelle des Inntals noch einen Verkehrsstrang durch die Landschaft pflügen?

Die Zeichen stehen im Inntal also auch eine Woche nach Bekanntwerden einer Studie zur unterirdischen Verknüpfung im Wildbarren auf Widerstand. Zu viel Aufwand an Zeit und Geld für ein viel zu unsicheres Projekt: So blickt die Bahn auf das Projekt einer unterirdischen Verknüpfungsstelle im Inntal.

Bahn führt seit jeher das „Begegnungsverbot“ als Gegengrund an

Schon lange zuvor hatten die Planer des Konzerns vor allem ein juristisches Hindernis angeführt: Das „Begegnungsverbot“, also die Regelung, dass keine zwei Gleise in einem Tunnel verlaufen dürfen, mache eine Zusammenführung im Berg unmöglich.

Fast wortgleich schließt sich das Bundesverkehrsministerium dieser Sicht an: Sehr großer Aufwand, „komplexe tunnelspezifische Fragestellungen“, keine Garantie für einen erfolgreichen Abschluss, so lauten die Argumente auf eine Anfrage der OVB-Heimatzeitungen. Eine Sprecherin antwortet für Verkehrsminister Wissing:  „Eine vertiefte Planung unterirdischer Verknüpfungsstellen wäre nicht wirtschaftlich und insbesondere in Anbetracht des Risikos der Genehmigungsfähigkeit nicht zielführend.“

Ministerium und Bahn wollen nur noch oberirdisch planen

Daraus folgt die Konzentration auf die Planung über Tage. Die „Vorhabenträgerin“, die Bahn also, werde nun „Möglichkeiten einer Optimierung der Lage der oberirdischen Verknüpfungsstellen im Raum Ostermünchen und Niederaudorf unter der Berücksichtigung der Schutzgüter Mensch, Tiere, Pflanzen einschließlich der in Anspruch genommenen Flächen vertieft prüfen, um eine umweltverträgliche Planung für die betroffenen Regionen zu garantieren“. So heißt es seitens des Verkehrsministeriums.

Die Menschen am Schauplatz des Projekts hingegen: Sie registrieren zwar die Skepsis der Experten vom Zentrum für Schienenverkehrsforschung, sie sehen aber grundsätzlich auch und vor allem die Möglichkeit für eine Umsetzung. Zum Beispiel Matthias Bernhardt, Bürgermeister von Oberaudorf.

„Das Gutachten hat ja eben nicht bestätigt, was die Bahn immer wieder gesagt hatte, nämlich dass es nicht geht“, sagt Bernhardt. „Es hat vielmehr die Möglichkeit eines Tunnels offengehalten.“ Bernhardt sieht darin einen „positiven Ausgang“.

Auffällig schnelle Reaktion auf Studie

Dass das Ministerium einem solchen Statement des DZFS eine solche Reaktion in solcher Geschwindigkeit folgen lasse, sei nicht nachvollziehbar. „Diese Entscheidung ist sehr abrupt. Wir sind weiterhin der Meinung, dass man die Möglichkeit einer Verknüpfungsstelle im Berg ersteinmal genauer beleuchten muss“, sagt Bernhardt. Im Kreise der betroffenen Bürgermeister des Inntals sowie der Unteren Schranne in Tirol werde man das weitere Vorgehen besprechen.

Gemeinsam mit den betroffenen Gemeinden und der Interessensgemeinschaft Inntal 2040 hält auch die Rosenheimer CSU-Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig an einer unterirdischen Verknüpfungsstelle fest. „Wir sind uns einig, dass diese Lösung längst nicht ad acta gelegt werden kann, wie vom Bundesverkehrsminister vorgesehen“, sagte Ludwig nach einem ersten Gedankenaustausch in Flintsbach. „Wir interpretieren das Gutachten des Deutschen Zentrums für Schienenverkehrsforschung auch anders als das Bundesverkehrsministerium.“

Eigene Untersuchung: Hoffen auf die Bayerische Staatsregierung

Die zentralen Botschaften lauteten: Eine unterirdische Lösung sei aufwendig, teuer und zeitraubend, aber möglich. „Wir haben deshalb keinen Grund, eine unterirdische Verknüpfungsstelle fallen zu lassen - im Gegenteil: Unser Ziel ist es, die technische Machbarkeit auf eigene Initiative nachzuweisen.“ Dazu werde man zeitnah Gespräche mit Experten führen. Ludwig sagte, sie hoffe auf die Unterstützung der Bayerischen Staatsregierung.

Martin Hagen, Chef der FDP-Fraktion im Landtag, hegt ebenfalls Sympathie für die Tunnellösung: „Wir stehen einer Verlegung ins Wildbarrenmassiv weiterhin offen gegenüber.“ Man solle jedoch keine falschen Hoffnungen schüren: Die Studie zeige die Probleme einer Tunnellösung auf.

Die Staatsregierung steht wegen eines anderen Aspekts des Brenner-Nordzulaufs bereits länger in Kontakt mit Volker Wissing. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) schickte Ende Januar einen Brief an den Verkehrsminister. Sein Vorschlag: eine drastische Erhöhung der LKW-Maut, um den Verkehrsdruck auf den Brenner zu verringern und damit den Streit über die Blockabfertigung beizulegen.

Für die Antwort auf Söders Vorstoß lässt sich der FDP-Minister offenbar weitaus mehr Zeit als für seine Entgegnung auf die DZFS-Studie.  Man könne bestätigen, dass der Brief eingegangen sei, heißt es aus dem Verkehrsministerium. „Eine Bewertung steht noch aus.“

Was die Bahn für den Schlussabschnitt im Landkreis Rosenheim vorhat

Die Planung der Bahn sieht die „Verknüpfungsstelle Niederaudorf-BAB“ auf Höhe von Kirnstein vor. Diese Zusammenführung von Neu- und Bestandsgleis liegt direkt neben der Autobahn A93. Dafür wird die Bahn die Gleise der bestehenden Strecke im Bereich Niederaudorf bis Fischbach auf etwa fünf Kilometern Länge in Richtung der Autobahn verlegen.

Die Bahnhöfe in Oberaudorf und Flintsbach bleiben an ihrem heutigen Standort. In der Phase der Vorplanung untersucht das Planungsteam zudem eine alternative Ausbildung der Verknüpfungsstelle in gebündelter Lage mit der Bestandsstrecke.

Nach der Verknüpfungsstelle taucht die neue Strecke in einer Wanne ab. Nördlich von Niederaudorf beginnt der 13 Kilometer lange Tunnel Laiming. Die Strecke unterquert die Gemeinde Oberaudorf und die deutsch-österreichische Grenze bei Kiefersfelden. Auf österreichischem Staatsgebiet führt der Tunnel unterirdisch an Kufstein vorbei und kommt vor der Verknüpfungsstelle Schaftenau wieder an die Oberfläche.

Kommentare