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Depression und Existenzängste

„Auch die Seele nimmt immensen Schaden“: Priener Psychologe über die unsichtbaren Folgen der Corona-Pandemie

„Cave-Syndrome“: Rund eineinhalb Jahre der Isolation haben Spuren bei vielen Menschen hinterlassen. (Symbolbild)
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Rund eineinhalb Jahre der Isolation haben Spuren bei vielen Menschen hinterlassen. (Symbolbild)

Corona befällt den Körper, aber es schädigt auch die Seele: Über Existenzangst, Depressionen und auch Grund für Optimismus sprachen die OVB-Heimatzeitungen mit Dr. Michael Marwitz, Leitender Psychologe - Psychosomatik und Psychotherapie in der Schön-Klinik Roseneck in Prien.

Corona befällt, so scheint es, nicht nur den Körper, sondern auch die Seele. Stichwort Long Covid.

Dr. Michael Marwitz: Da gibt es Befunde, die man gut objektivieren und belegen kann, wie beispielsweise Röntgenaufnahme der Lunge oder neurologische Spätfolgen. Aber da gibt es auch problematische psychische Verarbeitungsmuster, die in letzter Konsequenz in eine psychische Störung einmünden können.

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Jeder Mensch hat seine individuellen Schwachpunkte, und auch davon hängt ab, wie schwer jemand erkrankt und welche Symptome er ausbildet. So können sich hypochondrische Ängste ausbilden oder körperliche Beschwerden, die sich von dem abkoppeln, was sich durch organmedizinische Diagnostik objektiv nachweisen lassen.

Dr. Michael Marwitz

Stellt Corona für Sie etwas Neues dar?

Marwitz: Ja, weil es so komplex, vielschichtig, global ist und sich gewissermaßen in Fluggeschwindigkeit ausgebreitet hat. Pandemien und Seuchen gab es schon immer. Aber für die Zeit nach dem 2. Weltkrieg ist das ein neues Phänomen, zumindest für die großen Industrienationen. Die Folgen sind noch gar nicht absehbar. Die Zahl der Jugendliche mit psychischen Erkrankungen hat wohl stark zugenommen. Wir reden da nicht nur von Lerndefiziten, wir reden auch von Vereinsamung, von Depressionen, Verlusten an Freundschaften und dem zumindest zeitweiligen Abbau sozial-kommunikativer Fertigkeiten.

Zahlen die jungen Menschen einen besonders hohen Preis?

Marwitz: Es gibt sicher eine Zunahme von sozialen Ängste und anderen Angststörungen, die es ohne die Pandemie nicht geben hätte. Das wird uns die nächsten Wochen und Monate noch sehr beschäftigen. Bei vielen Jugendlichen wird das schnell wieder vergehen, die können sich arrangieren und die entstandenen Defizite rasch wieder einholen.

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Manche von ihnen können vielleicht auch einen Vorteil aus dieser langen Zeit ziehen, in der sie Verantwortung übernehmen mussten und auf diese Weise eine Reifung erfahren haben. Auf der anderen Seite gibt es aber viele Kinder und Jugendliche, die mit der Bewältigung der Belastungen überfordert waren. Vielleicht auch, weil bestehende Probleme durch Corona verstärkt wurden.

Viele lassen Corona gerade in ausgelassenen Partys hinter sich.

Marwitz: Das ist auch nachvollziehbar, da bricht sich was Bahn. Die Polizisten, die nicht selten den Kopf hinhalten müssen, tun mir wirklich leid. Da entlädt sich gerade einiges. Aber das sind letztlich Phänomene, die es schon vorher gegeben hat. Jetzt zeigen sie sich jedoch intensiver. Das wird sich hoffentlich bald wieder einpendeln. Jetzt aber ist das wie ein Staudamm, der bricht. Diesen jungen Menschen hat man erzwungenermaßen sehr viel abverlangt, obwohl sie selbst relativ selten bedroht waren, beziehungsweise sind.

Was entscheidet, wie man mit den psychischen Herausforderungen zurecht kommt?

Marwitz: Das hängt auch davon ab, wie viele Ressourcen er oder sie hat. Wer ein finanzielles Polster bilden konnte, wer im Beruf nicht auf Kurzarbeit gesetzt oder sogar seinen Arbeitsplatz verloren hat, wer im Grünen wohnt, kommt sicherlich deutlich besser durch als Familien, die  in einem sozialen Brennpunkt wohnen, vielleicht mit Homeschooling überfordert sind, schon deswegen, weil ihnen die Technik dazu nicht zur Verfügung steht. Auch da hat es die Menschen sehr unterschiedlich getroffen. Da gibt es Existenzen, die vernichtet wurden, Projekte, die gescheitert sind, und Hoffnungen, die geplatzt sind.

Steht das dicke Ende noch bevor?

Marwitz: Nein, nicht das dicke Ende, aber ich gehe davon aus, dass einige Folgen lange nachwirken werden. Die Pandemie stellte die Menschen mit Kontaktbeschränkungen, unklaren Perspektiven, dem Warten auf Impfstoff, der wachsenden Unzufriedenheit mit der Politik vor vielschichtige Herausforderungen. Das mündet bei manchem in Depressionen und Verbitterung und kann sich auch politisch niederschlagen. Vordergründig tritt Entspannung ein. Vielleicht sind wir in einem halben Jahr durch. Dann aber wird es noch einiges an Aufbauarbeit benötigen.

Werden wir uns an die Pandemie als geschichtlichen Einschnitt erinnern?

Marwitz: Es kommt darauf an, was auf die Zukunft noch für uns bereit hält. Was, wenn das erst der Beginn einer Katastrophenserie ist – denken Sie an den Klimawandel oder die politische unklare Situation mit einem erstarkenden China, mit dem der Ost-West-Konflikt, der  von neuem Fahrt aufnimmt, oder Migrationsbewegungen, die durch den Klimawandel ausgelöst werden. Wenn die Zeiten schwierig werden, dann wird Corona als erster Vorbote der apokalyptischen Reiter in Erinnerung bleiben. Wenn sich alles zum Positiven wendet, dann wird es eine einschneidende Erfahrung sein, wie vielleicht ein Kometeneinschlag.

Risse laufen durch die Gesellschaft. Eine Folge von Corona?

Marwitz: Ich glaube, Corona war eher ein Katalysator, es hat die Situation nicht selber geschaffen, aber es hat die Spannungen verstärkt und Gräben deutlich gemacht, die schon da waren.

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Im Internet heizt sich die Atmosphäre dann noch mehr auf. Oder täuscht das?

Marwitz: Im Internet gibt es Foren, die insgesamt wie ein Katalysator wirken. In Zeiten von Corona heizt sich das auf, aber auch das gab es vorher schon. Ich finde schnell eine Community, die meiner Meinung ist, ich finde Bestätigung, auch wenn ich immer radikalere Gedanken äußere. Und – ich kann alles äußern, weil die Soziale Kontrolle in der Anonymität des Netzes nicht mehr gegeben ist.

Und dann gibt es da die Algorithmen, die dafür sorgen, dass ich nur noch Gedanken und Vorschläge erhalten, die meiner eigenen Sichtweise entsprechen. So bildet sich eine Blase, und das ist natürlich um so wohltuender, je absurder meine Überzeugungen sind. Corona hat die persönlichen Kontakte reduziert, dadurch hielten sich die Menschen noch mehr im Netz auf.

Am Stammtisch bremsten einen früher die Spezl womöglich auch stärker ein…

Marwitz: Ein schöner Vergleich, das sollte man soziopsychologisch untersuchen. Der Stammtisch als Institution - da muss ich dazu gehören, das ist ein geschlossener Kreis, die Leute, die da sitzen, sitzen da über längere Zeit, haben aber auch sonst Kontakte. Kurz: Der Stammtisch ist eine gewachsene Institution.

Das ist im Internet anders. Da ist ja oft gar nicht klar, wer kommuniziert da überhaupt, man kennt die Menschen ja gar nicht. Das Internet befördert die persönliche Radikalisierung, bis einer aus der Community hervortritt und zur Tat schreitet. Der Stammtisch ist, genau betrachtet, eine Einrichtung mit einer vergleichsweise weitaus größeren regulativen Funktion.

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Wenn einer, sagen wir: ein Künstler, als an sich sanfter Mensch auf einmal wüste Parolen verbreitet und den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach „entsorgt“ wünscht: Was ist da passiert?

Marwitz: Als Psychotherapeut muss ich sagen, dass das gar nicht zur Person zu passen scheint. Der Wandel dürfte eher plötzlich eingetreten sein, eine Radikalisierung, durch persönliche Krisen und Verluste bedingt sein könnte. Musiker konnten für über ein Jahr nicht auftreten…

Sind Künstler in einer besonderen Situation?

Marwitz: Ich denke, dass es sie extrem hart getroffen hat. Gerade kleinere, die kein finanzielles Polster haben, da ging es in Richtung Existenzvernichtung. Musiker leben zudem vom Kontakt mit dem Publikum, das ist nicht nur etwas Materielles. Ganz elementare Bedürfnisse sind massiv bedroht. Es sammelt sich eine Menge Frust und Ärger, dass sich das Luft macht, finde ich nachvollziehbar. Wenn auch nicht in wüsten Beschimpfungen und Verschwörungstheorien.

Corona und seine Langstrecken-Folgen…

Marwitz: Vielleicht auch was Gutes. Ein gewisser Lerneffekt könnte eintreten, wie öfter nach schweren Krisen. Ich meine, das Grundgesetz wäre vielleicht auch nicht so umsichtig entworfen worden, hätten die Menschen nicht die furchtbare Erfahrung des Nationalsozialismus gemacht.

Sie sind Optimist.

Marwitz: Das sollte man sein, wenn man als Psychotherapeut arbeitet.

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