Befallen vom Eisenbahner-Gen

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Michael Prentl transportiert täglich Tausende von Menschen von und in den Großraum Rosenheim. Für den Rosenheimer, dessen Familie seit Generationen für die Bahn arbeitet, ist Lokführer der schönste Beruf der Welt.

Rosenheim - In seiner Lok ist Michael Prentl sein eigener Chef: Mit 5500 PS steuert er seine Züge durch den Chiemgau, bedient zig Knöpfe und checkt unzählige Lämpchen und Signale. Für den 25-Jährigen ist dies "mein absoluter Traumberuf".

Die Bahn. Wer diese beiden Wörter ausspricht, tut dies meist schon mit einer gewissen Genervtheit in der Stimme. Inhaltlich geht der Stoßseufzer "die Bahn" meist einher mit Pleiten, Pech und Pannen im Schienenverkehr, Fahrpreiserhöhungen, Bespitzelung eigener Mitarbeiter und Streiks.


Doch die Bahn kann eigentlich auch ganz anders. Sie kann pünktlich sein wie die sprichwörtliche Eisenbahn, sie kann ihren Kunden bereitwillig helfen und sie kann sogar eine Geldbeutel-schonende Alternative sein zum Auto.

"Bloß darüber redt ja koana!" Michael Prentl (25) will sich über die Dauer-Nörgeleien an seinem Arbeitgeber eigentlich nicht mehr aufregen. Hin und wieder tut er es dann doch, mit dem entschiedenen Hinweis, dass auch zu Lande (Straßen), zu Wasser und in der Luft Verzögerungen und Pannen vorkommen.


Der 25-jährige Rosenheimer ist genauso wie seine Eltern, seine Großeltern, Urgroßeltern, sein Bruder und sein Onkel gerne und leidenschaftlicher Mitarbeiter der Deutschen Bahn beziehungsweise deren Tochterfirmen. "Wir haben die sicherste Eisenbahn der Welt", erklärt er. Und sein Beruf sei schlicht "ein Traumberuf".

"Haben die sicherste Eisenbahn der Welt"

Prentl arbeitet mit rund 90 anderen Kollegen an der Dienststelle Rosenheim der DB Regio. "Als Rosenheimer mag ma a in Rosenheim arbeiten", findet der Fürstätter. Doch nicht nur der Beruf sei spannend, sondern auch der Umgang unter den Kollegen mache die Arbeit einzigartig: "Wia a Familie", beschreibt es Prentl.

Weil man in Deutschland erst mit 21 eine Lok führen darf, lernte Prentl nach der mittleren Reife zunächst Elektriker. Dann begann er seine Ausbildung zum "Eisenbahner im Betriebsdienst, Fachrichtung Lokführer". Sein technisches Verständnis habe ihm in der Ausbildung natürlich geholfen, bekennt er, weit entscheidender in einer Lok seien aber Charaktereigenschaften wie Verantwortungs- und Selbstbewusstsein: "Man muss sich da schon im Klaren sein, was man tut."

Auf Neu-Deutsch würde man es "multi-tasking-fähig" nennen, was von Prentl an seinem Arbeitsplatz gefordert wird. Wie viele Knöpfe und Hebel er während einer Fahrt zu drücken oder umzulegen hat? "Keine Ahnung, vui z'vui", lacht Prentl.

Sebastian Hugel ist fünf Jahre alt, kommt aus Bad Aibling und besucht das dortige Montessori-Kinderhaus. Sein Traumberuf ist Lokomotivführer. Grund: "Weil viele Wagons dranhängen, bei der Dampflok so viel Rauch rauskommt und man laut tuten kann. Super ist es auch, weil man da ganz schnell Gas geben kann und man in den Kurven trotzdem nicht rausfliegt. Und weil viele Leute mitfahren können und ich sau-viel sehen kann."

Im Führerhaus der Lok blinken zig Lämpchen, sind ebenso viele Knöpfe zu drücken. Selbsterklärend ist nur der große Hebel in der Mitte: Nach vorne "fahren", nach hinten "bremsen". Das Pedal auf dem Boden ist weder zum Gasgeben, noch zum Anhalten, sondern zur Sicherheit. Alle 30 Sekunden muss Prentl kurz den Fuß vom Pedal nehmen und damit seine Aufmerksamkeit signalisieren. Vergisst er dies, blinkt zur Erinnerung ein Lämpchen auf. Reagiert er dann immer noch nicht, bremst der Zug automatisch ab.

Natürlich gebe es hin und wieder Ereignisse, auf die er nicht vorbereitet sei, gar nicht sein könne: "Ja, manchmal sitzt ma scho da und schaut blöd". Aber zumeist seien die bewährten Krauss-Maffei-Loks zuverlässig. Was Prentl - neben der Technik und der Kraft seiner Maschinen - aber auch fasziniert: der Kontakt zu vielen Menschen. Gerade in Zeiten der Landesgartenschau muss nämlich auch ein Lokführer mehrsprachig sein: "Einmal in der Woch muaß i Englisch reden", erklärt er.

83 Tonnen Gewicht hat Michael Prentls Lok, 5500 PS sind nötig, um den 354 Tonnen schweren Zug mit 1000 Gästen darin in Bewegung zu setzen - Zahlen, die den meisten Menschen Angst machen würden. Prentl sieht es vielmehr als große Befriedigung, als Erfüllung eines Kindheitstraums: "Das ist das schönste, was ich hätte machen können."

Stefanie Zipfer (Oberbayerisches Volksblatt)

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