Arzt "kündigt" seiner Patientin

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Landkreis - Weil eine OVB-Leserin in einem Leserbrief die Forderungen der Hausärzte nach höheren Honoraren kritisiert hat, muss sie sich jetzt einen neuen Hausarzt suchen. Die ganze Geschichte:

"Schade, dass Sie mich so missverstehen", schreibt der Allgemeinarzt nach Angaben der Chiemgauerin seiner langjährigen Patientin in einem handschriftlich verfassten Brief auf ihren Leserbrief. Und fordert sie auf, sich einen "neuen Hausarzt Ihres Vertrauens in Ihrer Nähe" zu suchen. "Hoffentlich wird es nicht zur Regel, dass Patienten nur dann behandelt werden, wenn ihre Meinung zur ärztlichen Standespolitik dem Arzt genehm ist", ärgert sich die Betroffene.


In ihrem Leserbrief hatte die Frau die Art des Protestes der Hausärzte kritisiert. An einem Aktionstag wollten die Ärzte ihre Patienten verstärkt zu Spezialisten schicken und alle Untersuchungen anordnen, die eine Diagnose möglich machen, um auf die Rolle der Hausärzte als kostensparende "Lotsen" im Gesundheitssystem hinzuweisen. Die damit verbundenen höheren Kosten sollten auf die Bedeutung eines funktionierenden Hausarztsystems aufmerksam machen.

Die Leserbriefschreiberin empfand diese Vorgehensweise als "Erpressung" und fragte sich, wie es danach mit dem Vertrauen der Patienten in ihren Hausarzt weitergehen soll ("Meines ist jetzt schon beschädigt"). Dass ihr eigener Arzt sie deshalb nicht mehr weiter behandeln wolle, bedauert sie: "Es war nicht als persönlicher Angriff gemeint". Schließlich habe sie sogar den Hausarztvertrag unterschrieben, der sie an die Praxis ihrer Wahl binde und die Lotsenfunktion des Mediziners anerkenne - "wenn das kein Vertrauensbeweis ist!"


Dass Patienten den Hausarzt wechseln, kommt vor, dass Ärzte den Patienten die Tür weisen, ist jedoch selten der Fall, betont auch Dr. Bernhard Kofler, Vorstand des Bezirkes Oberbayern im Bayerischen Hausärzteverband. Er weist darauf hin, dass bei der juristischen Beurteilung des ungewöhnlichen Falles differenziert werden muss - zwischen fortlaufender Behandlung beim Hausarzt und einer Notfallversorgung. Einen Patienten mit akuten gesundheitlichen Problemen dürfe kein Arzt abweisen. Das verbiete schon der hippokratische Eid. Doch stelle ein Hausarzt fest, dass ein Patient ihm nicht das notwendige Vertrauen entgegenbringe, könne er durchaus zum Wechsel auffordern.

Die überwiegende Mehrzahl der Patienten hat nach Erfahrungen von Kofler durchaus Verständnis für die Proteste der Hausärzte gegen den Honorarverfall, der auch dafür verantwortlich gemacht wird, dass der Berufsstand veraltert und viele junge Allgemeinmediziner ins Ausland abwandern. Kofler wirbt außerdem für Verständnis, dass die standespolitischen Probleme nicht mehr so wie früher vor den Praxistüren halt machen. "Es setzt sich die Ansicht durch, dass auch wir Ärzte über gesundheitspolitische Themen, die schließlich auch die Patientenversorgung betreffen, aus unserer Sicht heraus informieren müssen."

Der Hausarzt der Leserbriefschreiberin hat nach ihren Angaben wiederholt das Gespräch mit ihr über standespolitische Themen gesucht, ihr Fachzeitschriften zum Lesen mitgegeben, habe sie sogar aufgefordert, an einer Demonstration in München teilzunehmen. Die Patientin betont, sie sei durchaus gesprächsbereit gewesen, habe jedoch mit ihrer kritischen Einstellung zu den Hausarztprotesten nicht hinter dem Berg gehalten. Schließlich habe sie als gesetzliche Betreuerin Einblicke in die Thematik, ist sie überzeugt. Sie sieht die Gefahr, dass bei den aktuellen Diskussionen die sozial schwächeren Kassenpatienten nicht ausreichend berücksichtigt werden. Sie seien die wahren Opfer der Gesundheitspolitik.

Die Patientin hat nach der "Kündigung" nicht noch einmal das Gespräch mit ihrem früheren Hausarzt gesucht, sondern mittlerweile einen neuen gefunden. "Das ist bei uns angesichts der komfortablen Versorgungssituation kein Problem. Doch wie wäre es mir ergangen, wenn ich beispielsweise im Bayerischen Wald wohnen würde?", fragt sie sich.

duc/Oberbayerisches Volksblatt

Quelle: rosenheim24.de

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