Nach Flucht aus der US Army

Allein gegen die stärkste Armee der Welt: So geht es Deserteur André Shepherd in Achenmühle

Zuhause im Chiemgau: André Shepherd in Achenmühle.
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Zuhause im Chiemgau: André Shepherd in Achenmühle.

André Shepherd, heute 43, ist ein bekannter Mann. Eine Galionsfigur von Menschenrechtsgruppen und Friedensaktivisten. Ein Mann, allein gegen die stärkste Armee der Welt. Das schrieben die Zeitungen über ihn, den Deserteur aus der US-Armee, der vom Chiemgau aus um Asyl in Deutschland kämpft.

Achenmühle –„Aaach“, seufzt André Shepherd, und zum ersten Mal seit Beginn des Gesprächs in einer großzügigen Wohnung in Achenmühle verschwindet das Lächeln von seinem Gesicht. „Auf der einen Seite geht es mir gut. Auf der anderen Seite zehrt es.“

Keine Seite hat ihre Ziele erreicht

Viele Jahre nach Shepherds Desertion kann man sagen, dass keine Seite ihre Ziele erreicht hat: nicht die US-Armee, die Flucht von ihrer Fahne nicht vergeben kann. Und auch nicht André Shepherd, der doch damit was Größeres im Sinn gehabt hat, wie er sagt: „Ich dachte, dass ich was tun könnte gegen den Krieg.“ Immerhin: Es droht ihm keine Abschiebung, mithin auch keine Strafe mehr. Und das ist schon was.

Ein Leben voller Brüche

Shepherds Weg war voller Brüche. Geboren wurde er in Cleveland, Ohio. Sein Studium brach er ab, eine Zeitlang lebte er auf der Straße. Dann meldete er sich bei der Armee. Eine Gelegenheit, Struktur ins Leben zu bringen und vor allem Geld zu verdienen. 2004 war das, „ich dachte, es wäre einfach eine Arbeit“. Der Job brachte ihn nach kurzer Zeit in den Irak. Dort hatten die USA und ihre Verbündeten zwar den Diktator Saddam Hussein und seine Armee vom Schlachtfeld gefegt, nun aber waren sie drauf und dran, den Frieden zu verlieren. Shepherd wurde einer Mechaniker-Einheit zugeteilt und wartete Apache-Kampfhubschrauber.

Er muss tüchtig gewesen sein, denn erreichte den Dienstgrad eines „Specialist“, vergleichbar vielleicht mit einem Stabsgefreiten der Bundeswehr, höher geht’s nicht bei den Mannschaften. Er sei durchaus stolz gewesen, Soldat gewesen zu sein, sagt er.

Ein Apache-Kampfhubschrauber der US-Armee beim Einsatz im Irak. Für die Wartung der Maschinen war André Shepherd zuständig.

Gesund zurück aus dem Irak

Neun Monate war er im Irak, blieb unversehrt, dann ging’s wieder nach Deutschland. Dann kam der 9. April 2007. Er hatte eben seinen erneuten Marschbefehl in den Irak erhalten, wollte aber nicht mehr mitmachen bei diesem Krieg, den er als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ kennengelernt hatte. Und weil er erlebt habe, wie die irakische Bevölkerung auch nach dem Krieg weiter litt, schlimmer als zuvor. „Wir haben es vergeigt“, sagt er.

Freunde gewähren Unterschlupf

Also ging er. „Ein schwerer Tag“, sagt er heute. Weil ihn Zweifel und Sorgen umtrieben. Einen Weg zurück, das wusste er, würde es für ihn nicht mehr geben. Er verließ den Block, der ihm als Unterkunft diente, steuerte auf das Tor zu. Niemand hielt ihn auf. Draußen wartete ein Wagen, mit Freunden aus dem Chiemgau, die er bei Wochenend-Trips im Voralpenland kennengelernt hatte. Sie nahmen ihn mit, gewährten im Unterschlupf, 19 Monate, bis zur Eingabe seines Asylbegehrens. Shepherd nahm seinen Kampf auf: Um den Verbleib in Deutschland, um Aufmerksamkeit für das, was er die Verlogenheit der Politik nennt. Am 4. April 2011, wurde sein Asylantrag abgelehnt. Shepherd klagte dagegen, schließlich ging es vor den Europäischen Gerichtshof.

Dort erkannten die Richter in einem Musterverfahren für die Länder der Union zwar an, dass man auch als Mechaniker guten Grund für eine Desertion haben könne. Aber nur, wenn man ohne die Fahnenflucht mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Mittäter bei Kriegsverbrechen geworden wäre. Muss man selber schießen, um zum Täter zu werden? Funktioniert eine Kriegsmaschinerie, wenn sie nicht gewartet wird?

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Seit vier Jahren geht nichts voran

Sein Rechtsanwalt bereite gerade den nächsten Schritt vor, sagt Shepherd. Es gehe nichts voran, sagt er, nicht in seinem Verfahren, und auch die Politik ändere sich nicht. Shepherd spricht von „vielen Enttäuschungen“, aber auch davon, wie wichtig es sei, weiterzumachen. „Es geht uns auch um ein politisches Signal“, sagt der Anwalt, Reinhard Marx aus Frankfurt. Aber – mit dem Berufungsantrag beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof geht nichts voran.

Seine Flucht hat die Welt nicht verbessert. Jedenfalls nicht so, wie er sich das vorgestellt haben mag. Es treibt ihn um, das Versagen der Staatslenker. Seit die Zweifel am Krieg der USA im Irak in ihm keimten, habe er sich informiert, mit Menschen gesprochen, viele Bücher und unzählige Zeitungsartikel gelesen, sagt er. Und tatsächlich springt er kundig und gewandt durch die Weltlage, von der Lage im Irak zu der im Jemen und in Syrien, von dort aus nach Libyen. Nur in dem, was er als eine Mission ansieht, da geht nichts voran. Es ist ein Patt.

Viele positive Reaktionen der Menschen in der Region

In Achenmühle wie zuvor in Grassau seien die Menschen ihm gegenüber positiv eingestellt. „Die meisten finden mutig, was ich getan habe.“ Wir sitzen allein im großen Wohnzimmer. Die Wohnung ist fast spartanisch eingerichtet, den meisten Platz nehmen die Spielküche und ein Spielzeug-Kaufladen seiner kleinen Tochter ein. Es ist, als sei er vorbereitet, mit leichtem Gepäck zu reisen, wenn es die Lage notwendig macht.

Guter Job als Netzwerk-Ingenieur

Er ist, was man „gut integriert“ nennt. Er hat Familie, einen guten Job als Netzwerk-Ingenieur bei einer einheimischen Firma; er trainiert in einem Rosenheimer Fitnessstudio, will irgendwann Skifahren lernen. „Ich bin hier stärker zu Hause, als ich es in den USA jemals war“, sagt er. Seine Eltern fehlen ihm. Ob er sie noch mal wiedersehen wird? Zu alt, zu gebrechlich seien sie zum Flug über den Atlantik. Möglich sei ein Treffen allenfalls in Kanada, sozusagen auf neutralem Grund. Sobald die Corona-Beschränkungen gelockert werden, will er sich auf den Weg machen. Könnte sein, dass Shepherd dort Kameraden aus dem Irakkrieg trifft. Hunderte von Deserteuren, so schätzt man, sind im Norden des Kontinents untergetaucht. Im Chiemgau gibt es noch immer nur einen.

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