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„Nur die Angst ist geblieben“

„Putinland“ als „Mafia-Staat“: Nawalny-Vertrauter erklärt Russlands „Wahn“ – und drei Szenarien für Putins Aus

Wladimir Putin bei der Veranstaltung zu den Ukraine-Annexionen in Moskau
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Wann verlässt Wladimir Putin die Bühne? Der Oppositionelle Leonid Wolkow wünscht ihm ein „langes Leben“ – und eine Palastrevolte.

Leonid Wolkow ist Vertrauter Alexej Nawalnys – und Kenner der russischen Politik. In einem neuen Buch beleuchtet er Hintergründe des Systems Putin. IPPEN.MEDIA hat es vorab gelesen.

München – Russland. Ein teils gar nicht mal so fernes Land – zu dem wohl jeder Bewohner Europas Assoziationen und Bauchgefühle hegt. Echte Kenntnis, echtes Verständnis des größten Staates der Erde besitzen aber wohl die wenigsten Menschen in Mitteleuropa. Vielleicht war gerade deshalb der Schock so groß, als am 24. Februar Wladimir Putins Truppen in der Ukraine einfielen.

Oder auch nicht: Leonid Wolkow, bekannt geworden als Wahlkampf-Manager und Vertrauter Alexej Nawalnys, kann durchaus als Kenner des Systems Putin gelten. Aber auch er fiel Ende Februar 2022 aus allen Wolken – das beschreibt er in seinem neuen, auf Deutsch verfassten Buch „Putinland“ eindrücklich. Nebst der Entstehung und Funktion des russischen Repressions- und „Mafia-Staats“. Immerhin gleich drei Szenarien eines möglichen Ende des „Putinismus“ liefert Wolkow in seinem Werk auch.

Das ist für deutsche Leser aufschlussreich. Und eine Reise durch Hoffen und Bangen: Wolkow schreibt nicht nur aus der Sicht eines langjährigen Bewohner Russlands, sondern zweifellos aus der des Oppositionellen. Es ist eine Reise in die sich herabsenkende Dunkelheit einer Diktatur – aber auch eine Geschichte ebenso vieler böser Erwachen und Fehleinschätzungen wie kleinerer und größerer Oppositionserfolge. Fast klingt es deshalb wie ein Gebet, wenn Wolkow von der Hoffnung auf eine ganz spezifische Form Putin‘schen Scheiterns schreibt. Ob sie diesmal wahr wird, ist offen. Wolkows Buch hat Merkur.de von IPPEN.MEDIA schon vor Veröffentlichung am 4. Oktober gelesen.

„Putin ist ja kein Idiot“: Nawalny-Vertrauter Wolkow sucht nach dem Grund für den Ukraine-Krieg

Den 24. Februar erlebte Leonid Wolkow, so schreibt er, bei einer Konferenz russischer Oppositioneller in den USA. Es werde keinen Krieg geben, habe er bis dahin allen erklärt, die ihn fragten: „Putin ist ja kein Idiot!“ Gute Gründe für die Invasion habe es nicht gegeben: Wolodymyr Selenskjys Umfragewerte seien im Keller gewesen, ein öffentliches Nein der Nato zu einer Aufnahme der Ukraine wäre leicht zu erhandeln und möglicherweise der politische Todesstoß für den Putin verhassten Präsidenten gewesen, urteilt Wolkow. Der Westen habe sich wieder angenähert, Nord Stream 2 stand vor der Inbetriebnahme. Dann aber kam es anders:

In die Veranstaltung hinein platzten aufgrund der Zeitverschiebung die Nachrichten über die ersten Angriffe. „Ich stand dort auf dem Podium in diesem riesigen Saal und fühlte mich wie der letzte Idiot“, erinnert sich Wolkow. Aber, so meint er: Putin habe den größten Fehler seiner politischen Laufbahn begangen. „Rational“ möge Putin der Schritt erschienen sein – aber nur, weil dieser in einer abgeschotteten Welt lebe, in der Kreml-Narrative die öffentliche Meinung beeinflussen und geschönte Geheimdienstberichte die Maßgaben des Kreml-Chefs.

Russlands Sowjet-Nostalgie: Nawalny-Vertrauter erklärt eine Hauptgrundlage von Putins Macht

Eine Frage, die sich deutsche Beobachter zur ganz eigenen Welt des Wladimir Putin stellen, könnte auch lauten: Warum immer der Verweis auf die Sowjetunion, jenes zu seinem Ende hin heruntergewirtschafteten, repressiven Riesenreich, das Putin zumindest in seinen äußeren Grenzen so gerne wiederherstellen würde? Wolkow erklärt es aus der Sicht des gebürtigen Russen so: Mit dem Ende der Sowjetunion sei für die Russen nicht nur eine politische, sondern auch eine wirtschaftliche Lebenswelt zusammengebrochen. Zwei Phänomene, die als eines erschienen. Mit einem lauten Knall, „als Phase eines existenzbedrohenden wirtschaftlichen Chaos wie der politischen Unsicherheit.“

Leonid Wolkow ist als Erklärer gefragt - hier nach der Verleihung des Sacharow-Preises für Alexej Nawalny im Europaparlament.

Zugleich habe der Westen keinen Marschallplan geschmiedet, sondern Russland sich selbst überlassen: „Man fühlte sich, ähnlich wie die Deutschen nach ihrer Niederlage im Ersten Weltkrieg 1918, schuldlos gekränkt und ungerecht behandelt.“ Auf dieser Klaviatur spiele Putin, erklärt Wolkow in seinem Buch – in dem er die „wilden Neunziger“ als Folie des Schreckens nutzte. So wie auch am Freitag bei der groß inszenierten Annexions-Rede wieder. Der Kremlchef setze die damals kurz aufflackernde russische Demokratie und Wirtschaftschaos bewusst in eins: „Demokratie ist ein Katastrophe, Demokratie heißt Armut“. Die Behauptung von Stabilität sei hingegen Grundlage der Popularität Putins.

Putin als kleines Licht – das die letzten Grenzen überschreitet: „Wir haben uns getäuscht“

Die Zeit seit Putins Amtsantritt im Jahr 2000 beschreibt Wolkow als eine mal kontinuierlich, mal ruckartig verlaufende Bahn in die Repression. Putin, in Wolkows Worten „ein kleines Licht“, habe „teils zwanghaft“ einmal gelernte „Lektionen“ umgesetzt: Aus dem Scheitern seines charismatischen einstigen Chefs Anatoli Sobtschak bei einer St. Petersburger Bürgermeisterwahl habe er gelernt, dass Wahlen immer gefährlich seien. Also macht er politische Betätigung unmöglich.

Durch seinen, vom Fernsehen protegierten, eigenen Sprung vom No-Name zum Präsidenten wiederum, wie wichtig Medienkontrolle. Also brachte Putin das TV auf Linie. Der Funktionsweise und den Grenzen der Propaganda-Maschinerie widmet Wolkow ein eigenes Kapitel. Mit der Austrocknung der Steuerquellen russischen Regionen habe Putin zudem den föderalen Charakter des russischen politischen Systems gebrochen.

Über IPPEN.MEDIA

Das IPPEN.MEDIA-Netzwerk ist einer der größten Online-Publisher Deutschlands. An den Standorten Berlin, Hamburg/Bremen, München, Frankfurt, Köln, Stuttgart und Wien recherchieren und publizieren Journalistinnen und Journalisten unserer Zentralredaktion für mehr als 50 Nachrichtenangebote. Dazu zählen unter anderem Marken wie Münchner Merkur, Frankfurter Rundschau und BuzzFeed Deutschland. Unsere Nachrichten, Interviews, Analysen und Kommentare erreichen mehr als 5 Millionen Menschen täglich in Deutschland.

Der Großteil davon, so Wolkow passierte bereits vor dem Jahr 2004. Und dennoch erlebte er nach eigenen Angaben noch 2007 eine böse Überraschung: Die Amtsrochade des damals als liberal geltenden Dmitri Medwedew und Putins, die Putin zurück ins Präsidentenamt führte. Weitere unerwartete Schläge sollten folgen. Sogar noch nach Wahlmanipulationen, mutmaßlichen Scheinverfahren gegen Nawalnys Team, Geheimdienst-Morden und zunehmend harten Strafen für Demonstranten (für die Wolkow übrigens Belarus als Testlabor sieht und Putin als „kleinen Bruder Alexander Lukaschenkos“):

Gemeint ist die Vergiftung Nawalnys 2018. „Wir hatten angenommen, dass Putin streng trennen würde zwischen der Welt der politischen Bühne, in der man sich wenigstens zum Schein an die Gesetze hält und der verborgenen Welt der Geheimdienste und Agenten, für die eigene Regeln gelten.“ „Wir haben uns getäuscht“, konstatiert Wolkow.

Putins Russland als „Mafia-Staat“: Eine fragile Symbiose rund um den Kreml?

Rückblickend ordnet er den Anschlag mit dem Nervengift Nowitschok als einen im doppelten Sinne logischen Zwischenschritt vor dem Ukraine-Krieg ein. Einerseits habe Putin vor der Invasion jede „fünfte Kolonne“ aus dem Land eliminieren wollen. Andererseits sei mit dieser Grenzüberschreitung auch der Krieg „unausweichlich“ geworden. Er sei sich „sicher“, dass es im Kreml auch Gedanken gab, die mancherorts erstarkende Oppositionsbewegung „in legale Strukturen einzubinden“. Doch Putin habe anders entschieden. Und sei mit „Siebenmeilenstiefeln“ dem Totalitarismus entgegen marschiert.

Erhellend, in jedem Falle spannend, ist auch Wolkows Blick auf die Funktionsweise des Systems Putin: Vom „Mafia-Staat“ schreibt er - und will das gar nicht als wertend verstanden wissen. Der „Pate“ im Staat sei Putin. Um ihn herum gebe es „Lieutenants“ mit jeweils eigenem Aufgabenbereich. Vom Verteidigungsminister Sergej Schoigu bis zum Gazprom-Chef Alexej Miller. All diese seien in Symbiosen eingebunden. So finanziere etwa der Milliardär Oleg Deripaska den Luxus von Außenminister Sergej Lawrow. Doch sobald nicht mehr alle von Putin profitierten und nicht unter Druck Putins alle voneinander, müsse das System zusammenbrechen. „Eine Mafia ist nicht unsterblich“, meint Wolkow. Ein Beispiel sieht er im gescheiterten Teil-Rückzug des kasachischen Despoten Nursultan Nasarbajew.

Genau auf der Fragilität dieses Machtkonstrukts ruht nun eine Hoffnung Wolkows. Eine andere auf einer unsichtbaren Masse kritisch eingestellter Russen: Hinter jedem, der trotz großer Gefahren protestiere, stehe eine exponentielle Zahl stummer Sympathisanten. Trotz großer Risiken habe es noch 2022 ebenso viel Protest gegeben, wie vor Jahren in beinahe „gefahrlosen“ Zeiten. Ein drittes Standbein seines Optimismus ist Russlands Verankerung in Europa: Meinungsumfragen zeigten, dass Putins Hetze gegen die USA verfange, schreibt Wolkow. Die Sympathie etwa für Produkte aus Europa sei aber nicht totzukriegen. Es gebe ein Zugehörigkeitsgefühl und ein durch Reisen gewonnenes eigenes Bild des Kontinents. Asien hingegen, auf das Putin Russland erklärtermaßen ausrichten will, sei „kulturell“ für die meisten Russen „terra incognita“.

Putins Aus: Wolkow sieht drei Szenarien – und hofft auf ein „langes Leben“ Putins

Und dennoch klingt Wolkows Ausblick auf ein Ende der Ära Putin tatsächlich ein wenig nach dem Stoßgebet, nicht wieder falsch zu liegen: „Ich möchte gerne daran glauben – und das wäre nur gerecht –, dass der Preis für seine Irrtümer, die sein Realitätsverlust verschuldet hat, der Zusammenbruch des Putinismus sein wird.“

Drei Szenarien sieht Wolkow dafür. Zunächst ein „biologisches“ Ende durch Putins Tod – wobei der Oppositionelle auch angesichts der robusten Gesundheit einiger Verwandter Putins an eine schwere Erkrankung nicht glaubt. Mehr noch: Wolkow hofft, dass es dazu nicht kommt. Folge könne ein Status Putins als unvollendeter Held oder „Mythos“ sein, warnt er. Allein eine Rückgabe der Krim könne zur politischen Unmöglichkeit werden. Besser sei ein Sturz des Präsidenten: Putin werde der Menschheit dann als „Hitler des 21. Jahrhunderts im Gedächtnis bleiben“. Das werde Russlands Wandel erleichtern, „durch eine Entnazifizierung, wenn man so will“.

Nein, wir dürfen Putin nicht den Tod wünschen, im Gegenteil! Wir müssen ihm ein langes Leben wünschen, ein sehr langes, damit er noch in diesem Leben für seine Untaten zur Rechenschaft gezogen wird.

Leonid Wolkow, „Putinland“

Wünschenswerter wären ein Palastrevolte, oder aber ein Volksaufstand, schreibt Wolkow. Ein Aufstand könne erfahrungsgemäß auch aus kleinen Funken entstehen; das sei aber schwer einzuschätzen. Die größte Hoffnung setzt der Exil-Oppositionelle auf eine Art internen Mafia-Krieg im Kreml: Die massiven Sanktionen hätten die „Elite in Verwirrung gestürzt“, meint er, ihre Möglichkeiten zur Selbstbereicherung beschnitten. „Wenn Putin seinen Gefolgsleuten nicht mehr garantieren kann, dass sie ungestört stehlen können, werden sie ihrerseits aufhören, Garanten für den Erhalt seiner Macht zu sein“. Von den drei Grundpfeilern Putins Macht, „Loyalität, wechselseitiger Nutzen und Angst“, sei nur noch die Angst geblieben.

Sollte Putin fallen, werde jedenfalls ein Machtvakuum entstehen, mutmaßt Wolkow. Ein „Krieg jeder gegen jeden, in dem nur einer überleben wird“.; eine Nachfolgeregelung kenne das System Putin nicht. Dann müsse die hinter den Kulissen erstarkte Zivilgesellschaft zur Stelle sein. Ein „schmerzhaftes“ Erwachen vieler von der Propaganda Verblendeter würde folgen, meint Wolkow. Ob und wann das Aus für „Putinland“ tatsächlich kommt, bleibt indes abzuwarten. Viele Menschen dürften darauf hoffen, dass sich Alexej Nawalnys Vertrauter diesmal nicht irrt.

Florian Naumann

Das Buch: „Putinland. Der imperiale Wahn, die russische Opposition und die Verblendung des Westens“ erscheint am 4. Oktober im Verlag Droemer HC, 22,- Euro. 

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