Unrealistische Versprechen bei Produkten

Woher stammte die Wilke-Wurst? Mehr Schein als „Leidenschaft“ 

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Regional und wertschätzend? Der Wursthersteller hat jüngst verstärkt auf Außendarstellung gesetzt.
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Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren warb mit irreführenden Versprechen bei Bio-Produkten. Doch woher kam die Wurst wirklich?

Mit vermeintlichen Bio-Waren und einer vielversprechenden Eigenmarke hat die Firma Wilke Wurstwaren in Twistetal versucht, Qualitätsprodukte zu vermarkten. Doch in der Wurst war nicht immer das, was drauf stand.

Nach dem Rückruf der zahlreichen Lebensmittel, die bei Wilke Wurstwaren in Twistetal-Berndorf hergestellt worden sein sollen, stellt sich die Frage, wie all diese unterschiedlichsten Artikel in derselben Firma produziert wurden. Vegane und vegetarische Aufschnitte und Aufstriche, Bio-Wurst und sogar islam-konforme „Halal“-Produkte waren dabei. 

Der Begriff „Halal“ ist in der EU lebensmittelrechtlich nicht geschützt. Und auch bei „vegan“ und „vegetarisch“ gibt es laut verbraucherzentrale.de keine einheitlichen Standards. Dagegen sind die Regeln bei biologisch erzeugten Lebensmitteln streng und klar. Die Wurstfirma wollte Bio-Produkte herstellen und hatte dafür nach Auskunft des Regierungspräsidiums (RP) Gießen als Überwachungsbehörde eine Bescheinigung erlangt. Die Bio-Ware, die nun vom Rückruf betroffen war, stammte laut Öko-Code aber von einem anderen Hersteller. Trotzdem trug sie im Rückruf das Identitätskennzeichen „DE EV 203 EG“ der Firma Wilke. 

Ware war wohl zugekauft

Bio-Produkte müssen einen Kontrollstellencode aufweisen. Der Code wies bei den genannten Produkten aber auf die Kontrollstelle GfRS aus Göttingen hin. Diese habe Wilke nie geprüft oder zertifiziert. „Es handelte sich um fertig verpackte und etikettierte Zukaufsware“, heißt es von dort. Doch laut dem Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit war Wilke nicht für das Umpacken, sondern nur für das Herstellen von Fleischware zugelassen. 

Das RP Gießen konnte keine weiteren Aussagen über diese Bio-Waren treffen. „Die Kontrollstelle hat entsprechende Fragen an das Unternehmen Wilke herangetragen, die von der Insolvenzverwaltung aber bislang nicht beantwortet wurden“, so ein Sprecher des RP. Die zuständige Kontrollstelle hat nach der Schließung der Fabrik die Bio-Bescheinigung ausgesetzt und der Firma gekündigt. Seit Dezember 2018 sei die Firma dort im sogenannten Kontrollverfahren gewesen. Im Januar habe es eine Testproduktion gegeben. 

Eine jährliche Kontrolle war für das vierte Quartal vorgesehen, doch dazu kam es nicht mehr, da die Firma Anfang Oktober geschlossen wurde. Über die Testphase hinaus habe es keine Folge-Produktionen von Bio-Ware gegeben. Diese hätten bei der Kontrollstelle angemeldet werden müssen.

Was steckte in der Bio-Wurst?

Öko gilt längst als Erfolgsmodell beim Verkauf von Lebensmitteln und anderen Produkten. Auf den Zug der Nachhaltigkeit wollte auch der Geschäftsführer der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren, Klaus Rohloff, aufspringen. Doch das Unternehmen verkaufte regionale Bio-Wurst, die unseren Recherchen zufolge weder so regional noch so biologisch wie angepriesen war.

Hinter dem vielversprechenden Namen „Rohloff Fleischmanufaktur“ steckte mehr Marketing als Qualität. Unter den Artikeln, die nach der Schließung der Firma aufgrund der stark gesundheitsgefährdenden Listerien in Wilke-Produkten vorsorglich zurückgerufen wurden, waren auch mit „Bio“ gekennzeichnete Wurstwaren. Salami, Kronen-Schinken, Hinterschinken, Putenbrust.

Durfte „Bio“ auf den Produkten stehen?

Auf der Internetseite eines Wilke-Kunden fanden wir ein Verkaufsprospekt mit solchen Produkten der Wilke-Eigenmarke „Rohloff Fleischmanufaktur“ – ausgezeichnet mit dem sechseckigen deutschen Bio-Siegel, das das Unternehmen nach Aussagen des Regierungspräsidiums (RP) Gießen als zuständige Behörde nicht hätte verwenden dürfen.

Die Firma hatte sich zwar für eine Öko-Bescheinigung einer „geplanten Einstiegs- und Testproduktion unterstellt“. Um das Bio-Siegel verwenden zu dürfen, hätte sie dies aber bei der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) anzeigen müssen. „Dies ist nach Aussagen der BLE nicht erfolgt“, sagte ein RP-Sprecher.

War die Wurstfabrik als Hersteller für Bio-Ware anerkannt?

Der Twistetaler Wursthersteller hatte Ende des vergangenen Jahres ein Verfahren gestartet, um eine Bio-Zertifizierung zu erlangen. Im Januar dieses Jahres hatte es dort eine Testproduktion gegeben, teilte das RP auf Nachfrage mit.

Wilke hatte demnach die Auflage erhalten, jede Folgeproduktion bei der zuständigen Kontrollstelle anzumelden.

„Nach den Aussagen der Kontrollstelle erfolgte keine Meldung einer Folgeproduktion durch das Unternehmen Wilke“, so das RP. Trotzdem hat Wilke seitdem Bio-Produkte vermarktet.

Woher stammten dann die Bio-Artikel?

Die Rückruf-Liste eines Kunden von Wilke gibt Aufschluss darüber, dass es sich dabei um geschnittene Wurstprodukte mit einer Haltbarkeit von höchstens 35 Tagen handelte. Diese konnten somit nicht aus der Testproduktion im Januar stammen, was das RP zunächst im Austausch mit unserer Zeitung als Option betrachtete. Wer diese Produkte tatsächlich hergestellt hat, darüber konnte das Regierungspräsidium keine Aussage treffen.

„Die Kontrollstelle hat entsprechende Fragen an das Unternehmen Wilke herangetragen, die von der Insolvenzverwaltung aber bislang nicht beantwortet wurden“, schreibt der stellvertretende RP-Pressesprecher Thorsten Haas auf unsere Nachfrage hin.

Die vermeintlichen Bio-Waren weisen die Nummer der Kontrollstelle Gesellschaft für Ressourcenschutz (GfRS) in Göttingen auf, bei der die Firma Wilke nicht im Ökokontrollverfahren gewesen ist. Auf Nachfrage hieß es dort: „Bei den Produkten handelt es sich um fertig verpackte und etikettierte Zukaufsware aus einem von uns zertifizierten Unternehmen.“

Diese zugekaufte Ware muss die Firma Wilke mit eigenen Etiketten versehen haben – nach Aussagen eines ihrer Kunden mit „Rohloff Fleischmanufaktur – Qualität aus dem Waldecker Land“.

Durfte Wilke diese zugekaufte Bio-Wurst neu verpacken und etikettieren?

Wilke war demnach nicht der Hersteller der Bio-Wurst und dennoch trug die Ware erstens den Namen der Eigenmarke und zweitens das Identitätskennzeichen der Firma Wilke, das Aufschluss über den Erzeuger geben soll. Denn vom Rückruf betroffen waren ausschließlich Produkte mit dem Identitätskennzeichen „DE EV 203 EG“, also alle Erzeugnisse der Firma Wilke Waldecker Fleisch- und Wurstwaren.

Aber: „Es ist nur der Hersteller der Fleischerzeugnisse oder der Umpackbetrieb berechtigt, das Identitätskennzeichen anzubringen“, heißt es vonseiten des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL). In dem Fall war Wilke weder noch: Ansgar Weiß, Pressereferent des BVL, erklärte, dass die Firma Wilke nicht für das Umpacken zugelassen gewesen sei, sondern nur für die Herstellung von Fleischerzeugnissen.

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