Fünf Bewohner starben

Mysteriöse Todesfälle in Seniorenresidenz: Prozess beginnt von neuem - Beschuldigte bestreiten die Vorwürfe

Untermerzbach: Prozessbeginn nach Todesfällen in Seniorenresidenz Gleusdorf
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In Untermerzbach starben fünf Bewohner einer Seniorenresidenz unter dubiosen Umständen - jetzt begann der Prozess.

In Untermerzbach starben vor mehr als drei Jahren fünf Bewohner einer Seniorenresidenz unter dubiosen Umständen. Nun muss der Prozess neu aufgerollt werden.

  • In einer Seniorenresidenz im Kreis Haßberge (Unterfranken) sollen Senioren unter dubiosen Umständen gestorben sein.
  • In Bamberg stehen die Ex-Heimleiterin, der Ex-Pflegedienstleiter sowie der damals verantwortliche Arzt vor Gericht
  • Der Prozess muss nun neu aufgerollt werden. 
Update vom 8. Januar 2020: In der Seniorenresidenz Gleusdorf im unterfränkischen Landkreis Haßberge starben vor mehreren Jahren fünf Bewohner unter dubiosen Umständen - am Mittwoch begann der Prozess gegen drei ehemalige Heimmitarbeiter von neuem. Vor dem Landgericht Bamberg verlas die Oberstaatsanwältin die Anklageschrift, die im Vergleich zum ersten, ausgesetzten Verfahren unverändert blieb.

In dem Altenheim waren zwischen 2011 und 2016 fünf Bewohner unter rätselhaften Umständen gestorben. Grund dafür sollen laut Anklage Misshandlungen und schlechte Versorgung gewesen sein. Die drei Angeklagten waren zum Zeitpunkt der Todesfälle leitende Mitarbeiter des Altenheims. Ihnen werden gemeinschaftlicher Totschlag in einem Fall und versuchter Totschlag in zwei Fällen vorgeworfen. Die Beschuldigten machten beim Prozessauftakt keine Angaben, ließen aber über ihre Verteidiger ausrichten, dass sie die Vorwürfe bestreiten.

Der Anwalt der einstigen Heimleiterin erklärte, seine Mandantin bestreite insbesondere den in der Anklage formulierten Vorwurf, sie habe aus Gleichgültigkeit gegenüber den Heimbewohnern gehandelt. Auch treffe es nicht zu, dass sich die Beschuldigten „als Herren über Leben und Tod geriert“ hätten. Die Verteidiger des früheren Pflegedienstleiters und des einstigen ärztlichen Leiters des Heims schlossen sich dieser Erklärung an.


Mysteriöse Todesfälle in Seniorenresidenz: Prozess beginnt von neuem - Anklage wegen Totschlag

Update vom 7. Januar 2020: 

Der Prozess um die rätselhaften Todesfälle in der Seniorenresidenz Gleusdorf in Unterfranken wird am Mittwochnachmittag (8.1.) neu aufgerollt. An der Anklage ändert sich nichts, wie ein Sprecher des Landgerichts Bamberg mitteilte. Der Heimleiterin, dem Pflegedienstleiter und einem Arzt in leitender Funktion werden gemeinschaftlicher Totschlag durch Unterlassen in einem Fall und versuchter Totschlag durch Unterlassen in zwei Fällen vorgeworfen.

Todesfälle in Seniorenresidenz: Prozess neu aufgerollt - Anklage wegen Totschlag

Update vom 17. Dezember 2019: 

 Der Prozess um die rätselhaften Todesfälle in der Seniorenresidenz Gleusdorf muss neu aufgerollt werden. „Mit der Verhandlung wird von neuem begonnen“, teilte das Landgericht Bamberg am Dienstag (17.12.) mit. Grund sei eine längerfristige Erkrankung eines Richters, der an dem Verfahren beteiligt ist. Die möglichen Unterbrechungsfristen seien ausgeschöpft, die Hauptverhandlung könne daher nach Ablauf dieser Fristen nicht fortgesetzt werden.

Der Prozess soll am 8. Januar neu aufgenommen werden. Fünf weitere Verhandlungstermine sind geplant. Der Heimleiterin, dem Pflegedienstleiter und einem Arzt in leitender Funktion werden gemeinschaftlicher Totschlag durch Unterlassen in einem Fall und versuchter Totschlag durch Unterlassen in zwei Fällen vorgeworfen.

In dem Altenheim im unterfränkischen Untermerzbach (Landkreis Haßberge) waren vor mehr als drei Jahren fünf Bewohner unter rätselhaften Umständen gestorben. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, ob der Grund dafür Misshandlungen oder eine schlechte Versorgung gewesen sein könnten. Den teils hochbetagten Bewohnern wurde nach Überzeugung der Anklage die erforderliche medizinische Versorgung vorenthalten.

Todesfälle in Seniorenresidenz: Was geschah hinter den Mauern von Schloss Gleusdorf? 

Update vom 17. Juli 2019, 15.30 Uhr:

Am ersten Prozesstag um rätselhafte Todesfälle in der Seniorenresidenz Gleusdorf hat der ehemalige Pflegedienstleiter über seinen Anwalt die Vorwürfe bestreiten lassen. Die beiden anderen Angeklagten machten keine Angaben. Der Heimleiterin, dem Pflegedienstleiter und einem Arzt in leitender Funktion werden vor dem Landgericht Bamberg gemeinschaftlicher Totschlag durch Unterlassen in einem Fall und versuchter Totschlag durch Unterlassen in zwei Fällen vorgeworfen.

Der Verteidiger der ehemaligen Heimleiterin zog die Glaubwürdigkeit von drei als Zeugen gegen seine Mandantin vernommenen früheren Mitarbeiterinnen des Heims in Zweifel. Weil diesen von der 59-Jährigen gekündigt worden sei, sei nicht auszuschließen, dass sich die Mitarbeiterinnen mit ihren Aussagen bei ihrer damaligen Chefin revanchieren wollten. Der Anwalt beantragte daher, die Akten der aus den Kündigungen resultierenden Arbeitsgerichtsprozessen in das Verfahren einzuführen.

Untermerzbach: Mysteriöse Todesfälle in Seniorenresidenz - medizinische Versorgung vorenthalten?

In dem Altenheim im unterfränkischen Untermerzbach (Landkreis Haßberge) waren vor mehr als drei Jahren fünf Bewohner unter dubiosen Umständen gestorben. Die Staatsanwaltschaft ermittelte, ob der Grund dafür Misshandlungen oder eine schlechte Versorgung gewesen sein könnten. Den teils hochbetagten Bewohnern wurde nach Überzeugung der Anklage die erforderliche medizinische Versorgung vorenthalten. Auch seien sie nicht in ein Krankenhaus verlegt worden. Dies habe in einem Fall den Tod eines Heimbewohners und in zwei weiteren Fällen erhebliche gesundheitliche Beeinträchtigungen zur Folge gehabt. Die Angeklagten hätten sich wie „Herren über Leben und Tod“ verhalten.

Dem ehemaligen Pflegedienstleiter wird auch vorsätzliche Körperverletzung zur Last gelegt. Einem Heimbewohner, der die Nachtruhe nicht einhielt, soll der 49-Jährige mit den Worten „Halt die Fresse und schlaf!“ einen Faustschlag ins Gesicht verpasst haben. Der für das Heim arbeitende Arzt soll falsche Todesbescheinigungen ausgestellt haben. Er wurde deshalb auch wegen Falschbeurkundung angeklagt.

Erstmeldung: Mysteriöse Todesfälle in der „Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf“

In der „Seniorenresidenz Schloss Gleusdorf“ im unterfränkischen Untermerzbach (Kreis Haßberge) sollen Senioren gestorben sein, weil ihnen bewusst ein Arzt verweigert worden sei - so der Verdacht der Staatsanwaltschaft Bamberg. Mitte November wurden deshalb Pflegedienstleiter und Geschäftsführerin des Heims verhaftet. Staatsanwaltschaft und Kripo ermittelten aber schon seit Mai gegen das Heim. Der Verdacht lautete auf Misshandlungen von Bewohnern und Austausch von Medikamenten.

WAS WIR WISSEN

Über die VORWÜRFE: Die Arbeitsgemeinschaft der Pflegekassenverbände schickte am 30. August eine E-Mail an die Heimaufsicht beim Landratsamt Haßberge. Mit dieser erhielt die direkt für das Heim zuständige Behörde nach eigenen Angaben zum ersten Mal Hinweise über Misshandlungen. Das Gesundheitsministerium in München - als oberste Aufsichtsbehörde - erfuhr gar erst Mitte Oktober davon, dass in dem Heim mutmaßlich Senioren misshandelt werden - und zwar durch einen Zeitungsbericht.

Über die REAKTION DER BEHÖRDEN: Prüfer der Heimaufsicht des Landratsamts fuhren zwei Tage nach der E-Mail, am 1. September, nach Untermerzbach und überprüften die Einrichtung. „Dabei konnten keine Hinweise auf Misshandlungen der Heimbewohner festgestellt werden“, heißt es vom Landratsamt. Am 16. November, am 6. Dezember und am 12. Januar 2017 sei „Gleusdorf“ erneut überprüft worden. „Vereinzelt“ seien dabei „wiederholte Mängel“ festgestellt und „entsprechende Anordnungen“ erlassen worden. Aber: Es handelte sich „nicht um Mängel, die eine konkrete Gefahr für Leib und Leben der Bewohner darstellten“.

Über die BISHERIGEN ERMITTLUNGEN: Die Staatsanwaltschaft prüft insgesamt fünf ungeklärte Todesfälle. In einem Fall - ein alter Mann stürzte, über mehrere Tage sei trotz sich „drastisch verschlechternden“ Zustands kein Arzt gerufen worden, der Bewohner starb, mutmaßlich deshalb - waren die Beweise so stark, dass sie als Grundlage für den Haftbefehl ausreichten. Mitte Dezember wurde die Leiche einer vor drei Jahren gestorbenen Frau exhumiert, um der Todesursache auf den Grund zu gehen. Zudem scheint vor allem die Geschäftsführerin für die Vorfälle verantwortlich gewesen zu sein. Der ebenfalls verhaftete Pflegedienstleiter wurde im Januar aus der Haft entlassen, weil das Landgericht Bamberg bei ihm keinen dringenden Tatverdacht mehr sah - sie hingegen blieb in Haft.

Über KONSEQUENZEN aus den Vorfällen: Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) will in Reaktion auf den Fall Gleusdorf die Kommunikation zwischen den Behörden verbessern - wohl vor allem zwischen Staatsanwaltschaft und Heimaufsicht. Auf dpa-Anfrage erklärte sie, sie werde mit Innen- und Justizministerium in Kontakt treten, um „einen engen Informationsaustausch anzuregen“. Für die Heimaufsicht will Huml eine Gesetzesnovelle erarbeiten. Hauptaufgabe der Heimaufsichten sei nach aktueller Gesetzeslage die „Beratung“ von Heimen. „Hier wäre es denkbar, im Gesetzestext festzuschreiben, dass eine Beratung bei erstmaliger Feststellung des Mangels erfolgt, aber bei wiederholter Feststellung eine Anordnung erfolgen muss“ - sprich: die Heimaufsichten müssten, wenn sie einen Mangel wiederholt feststellen, auch Maßnahmen folgen lassen.

WAS WIR NICHT WISSEN

Gab es womöglich gar keine MISSHANDLUNGEN IN DEM HEIM? Möglicherweise. Vielleicht haben die Prüfer sie aber auch schlicht nicht mitbekommen. Eine Prüfung sei immer eine „Momentaufnahme“ - „wenn durch kriminelle Energie Straftaten in der Vergangenheit durchgeführt wurden“, könne die Heimaufsicht das nicht rückwirkend ermitteln, erklärt das Landratsamt. Dieselbe Position vertritt auch der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK), der für den „Pflege-TÜV“ - die im Internet zugängliche Bewertung von Heimen - zuständig ist. In dem Heim seien „manifeste pflegerische Defizite“ festgestellt worden. Aber: „Zu (...) Maßnahmen, um kriminelle Handlungen aufzudecken, ist der MDK nicht befugt.“

WAS SPRICHT FÜR MISSHANDLUNGEN? Das entschlossene Handeln der Staatsanwaltschaft. Als im November Zeugen den Ermittlern erstmals davon berichteten, dass in dem Heim auch Menschen zu Tode gekommen seien, weil ihnen ein Arzt verweigert worden war, nahmen sie die beiden Verantwortlichen in Haft. Das ist der Deutschen Stiftung Patientenschutz zufolge sehr ungewöhnlich. Ein eindeutiger Beleg für Misshandlungen ist es aber nicht. In der Regel blieben Verantwortliche bei Vorwürfen gegen Seniorenheime bis zur Gerichtsverhandlung auf freiem Fuß, sagt Stiftungs-Vorsitzender Eugen Brysch. Zudem: Der Haftbefehl gegen beide lautete auf (vorsätzlichen) Totschlag durch Unterlassen - nicht nur auf unterlassene Hilfeleistung.

dpa

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