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Angeklagter ruhig und gefasst

Schießerei in Großkarolinenfeld: Urteil gefallen

Schießerei am Bahnhof in Großkarolinenfeld
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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz der Schießerei.

Großkarolinenfeld/Traunstein - In der Nacht auf den 26. September 2020 wurde ein junger Mann am Bahnhof in Großkarolinenfeld durch eine Schusswaffe schwer verletzt. Die Polizei konnte kurze Zeit später einen Tatverdächtigen (23) festnehmen. Der muss sich seit 13. April vor dem Landgericht Traunstein verantworten.

Das Wichtigste in Kürze:

  • In Großkarolinenfeld kam es Mitte September 2020 zu einer Schießerei.
  • Ein 20-Jährigen wurde dabei angeschossen, schwer verletzt und musste notoperiert werden.
  • Das Treffen fand offenbar geplant wegen eines Drogen-Deals statt.
  • Der Prozess um die Gewalttat startete am 13. April 2021.
  • Am 19. April soll das Urteil fallen.

Update, 14.18 Uhr - Urteil ist gefallen

Vorsitzender Richter Erich Fuchs verkündet das Urteil: „Der Angeklagte ist schuldig des versuchten Totschlags, der gefährlichen Körperverletzung, des Betrugs, der schweren räuberischen Erpressung, des unerlaubten Erwerbs von Betäubungsmitteln und des Führens einer Schusswaffe. Er wird daher zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren und sechs Monaten verurteilt. Außerdem wird die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet.“ Zuvor muss der Angeklagte jedoch erst 15 Monate im Gefängnis absitzen. Zudem hat er die Kosten des Verfahrens zu tragen.

Das Gericht geht davon aus, dass der Angeklagte den Geschädigten nicht absichtlich töten, sondern dass er sich befreien wollte. Er habe aber damit rechnen müssen, dass er den Geschädigten verletzen oder töten hätte können. Daher habe er nach Auffassung des Gerichts zumindest unter bedingtem Tötungsvorsatz gehandelt. „Entgegen seinen Erwartungen hat sich der Geschädigte auf den Angeklagten gestürzt und dabei haben sich zwei Schüsse gelöst“, so der Vorsitzende. „Wir gehen davon aus, dass er den Geschädigten schon beim ersten Schuss getroffen hat.“

Die 4.000 Euro Schadensersatz seien zwar schon ein guter Betrag, für das Gericht jedoch noch nicht ausreichend, um den Strafrahmen zu verschieben. Auch die Schuldfähigkeit sei nach Auffassung des Gerichts nicht beeinträchtigt gewesen. Ein minder schwerer Fall sei ebenfalls nicht begründet, da der Angeklagte „mit erheblicher krimineller Energie“ an die Sache herangegangen sei. „Es ist auch wichtig und notwendig, dass der Angeklagte eine Therapie macht.“ Der Angeklagte könnte so nach der Hälfte der verhängten Strafe nach dem Vorvollzug von 15 Monaten auf Bewährung frei kommen. 

Der Angeklagte folgt der Urteilsverkündung ruhig und gefasst, schüttelt bei einigen Ausführungen der Vorsitzenden Richters aber immer wieder den Kopf.

Update, 12.45 Uhr - Die Plädoyers der Verteidigung und der Nebenklagevertretung

Plädoyer Nebenklagevertretung

Die Nebenklagevertretung, die den Geschädigten vertritt, ist ebenfalls der Auffassung, dass ein bedingter Tötungsvorsatz vorgelegen habe. „Einen Affekt und eine Spontan-Tat sehe ich hier nicht. Entscheidend ist, dass er die Waffe kannte. Um die Leute zu bedrohen, hätte auch eine nicht durchgeladene Waffe gereicht.“ Hinzu sei noch die schwere räuberische Erpressung gekommen. Auch die Nebenklagevertretung geht nicht von einer verminderten Schuldfähigkeit aus. Er werde keinen konkreten Strafantrag stellen, meine aber, dass die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angebracht wäre.

Plädoyer Verteidigung

Rechtsanwalt Peter Weitzdörfer beginnt sein Plädoyer mit den Worten: „Vieles von dem, was Sie hier vorgebracht haben, habe ich anfangs auch gedacht“, so der Verteidiger. „Das ist nicht nur aus rechtlicher Sicht ein schwerer Fall, sondern auch was die Beweiswirkung angeht ein problematischer Fall, weil wir hier keine klassischen Zeugenaussagen gehabt haben.“

Es gebe das Problem, dass man nur zwei unmittelbare Beteiligte habe, nämlich den Angeklagten und die mutmaßliche Drogenverkäuferin. Außerdem habe sein Mandant unter starkem Drogeneinfluss gestanden. Panzerfahrer und Kamikazeflieger hätten den Wirkstoff, unter dem sein Mandant gestanden hat, bekommen, um angstfrei Einsätze zu absolvieren. „Das ist eine Wahrheit“, so Weitzdörfer. „Der Angeklagte ist 23 Jahre alt und ein junger Erwachsener. Man geht in diesem Alter noch relativ unreif mit seinem Leben um. Und dass da eine gewisse Faszination für Waffen vorhanden ist, das weiß man. Deswegen hat man junge Leute in den Krieg geschickt, weil die Draufgänger waren.“

Der Geschädigte habe ausgesagt „der war voll drauf“. Ein anderer Zeuge habe angemerkt: Ich habe schon gemerkt, dass der Typ nicht ganz normal war.“ Das sei laut Weitzdörfer wichtig für die Schuldfähigkeit seines Mandanten. Wenn der Angeklagte danach bei der Polizei normal wirke, heiße das nicht, dass er zuvor nicht beeinträchtigt gewesen sei. „Laut Gutachter dauert es sechs bis acht Stunden, um die Substanz abzubauen.“

Im Gerangel habe sich ein Schuss gelöst. „Das ist eine fahrlässige Körperverletzung. Er hat nicht auf die Personen gezielt“, so Weitzdörfer. „Das Unglück ist, dass die Beteiligten nicht erkannt haben, dass das eine scharfe Waffe war.“ Den Vorwurf der Tötungsabsicht weist der Anwalt zurück. Sein Mandant wolle unbedingt eine Therapie und seine Drogenprobleme bekämpfen.

Das letzte Wort des Angeklagten

„Das letzte Jahr war die schlimmste Zeit meines Lebens, ich war depressiv und habe Drogen konsumiert, um wieder glücklich zu sein. Ich hatte viel Zeit, mich zu reflektieren. Ich bin noch nie nüchtern straffällig geworden, daher bitte ich um eine Chance, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen.“

Update, Montag (19. April) 11.15 Uhr - Staatsanwalt: „Haben hier auf der Anklagebank einen betäubungsmittelabhängigen Waffennarr sitzen“

Der Vorsitzende Richter Erich Fuchs teilte zu Beginn des dritten Verhandlungstages mit, dass hinsichtlich des zu zahlenden Betrages für die Drogen auch noch ein Betrug in Betracht kommen kann.

Verteidiger Peter Weitzdörfer stellte im Anschluss einen Antrag, dass die Schuldfähigkeit seines Mandanten wegen dessen Drogeneinflusses zur Tatzeit aufgehoben beziehungsweise stark vermindert war. Das Gericht wies den Antrag zurück, mit der Begründung, dass das Gutachten zur Schuldfähigkeit alle relevanten Punkte behandelt habe und die Aussagen des Gutachters glaubhaft erschienen.

Plädoyer der Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwaltschaft ist nach abgeschlossener Hauptverhandlung der Auffassung, dass sich die Sachlage, wie in der Anklageschrift dargelegt, im Wesentlichen so ereignet hat. „Im Gerangel fielen zwei Schüsse mit Tötungsabsicht“, so Staatsanwalt Wolfgang Fiedler.

Die Angaben des Geschädigten seien Glaubhaft gewesen. „Der Geschädigte hat keinen Belastungseifer an den Tag gelegt, im Gegenteil, er hat ihn sogar in einigen Punkten entlastet.“ Fiedler sei der Auffassung, dass man von einem bedingten Tötungsvorsatz ausgehen müsse. „Wir haben hier auf der Anklagebank einen betäubungsmittelabhängigen Waffennarr sitzen, der zu einem Betäubungsmittelgeschäft eine Waffe mitgebracht hat.“ Er sei davon ausgegangen, die Waffe bei dem Geschäft einzusetzen. Eine verminderte Schuldfähigkeit sei zweifelsfrei nicht gegeben. „Wir haben einen nicht geständigen Angeklagten, der erheblich vorbestraft ist“, so Fiedler.

Auch sei ein Täter-Opfer-Ausgleich zu verneinen. „Der Angeklagte war bereit, wegen eines völlig nichtigen Betrages einen Menschen zu töten.“ Die Staatsanwaltschaft fordert eine Freiheitsstrafe von acht Jahren und sechs Monaten und die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt nach einem Vorwegvollzug von zwei Jahren und sechs Monaten anzuordnen. 

Erstmeldung:

In der Nacht von Freitag auf Samstag, 26. September 2020, kam es im Bereich des Bahnhofs in Großkarolinenfeld zu einer brutalen Gewalttat. Ein damals 20-jähriger Mann erlitt dabei eine schwere Schussverletzung und musste noch in der Nacht notoperiert werden. Er befand sich zeitweise in Lebensgefahr. Die Staatsanwaltschaft Traunstein hat Anklage wegen versuchten Totschlags und unerlaubten Waffenbesitzes gegen den 23-jährigen Tatverdächtigen, der kurze Zeit nach der Tat festgenommen wurde, erhoben. Der sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Am Montag, 19. April um 9 Uhr findet der dritte Prozesstag statt. Dann sollen die Plädoyers gehalten werden und ein Urteil fallen.

Treffen wegen Rauschgiftdeal

Laut Anklageschrift soll sich der Angeklagte am 26. September 2020 gegen 3.15 Uhr mit einer Frau, die in Begleitung des späteren Geschädigten und weiteren jungen Männern am Bahnhofsplatz in Großkarolinenfeld getroffen haben, um ein zuvor über den Messenger-Dienst von Facebook vereinbartes Betäubungsmittelgeschäft abzuwickeln. Der Angeklagte und die Frau sollen zuvor vereinbart haben, dass ihm fünf Gramm Marihuana und fünf Ecstasy Tabletten zum Preis von 260 Euro übergeben werden sollen. Dabei soll der Angeklagte eine Waffe mitgeführt haben, um diese gegebenenfalls einsetzen zu können, sollte es Probleme bei der Übergabe der Betäubungsmittel geben.

Bei der Übergabe soll es dann zu einem zunächst verbal geführten Streit zwischen den Beteiligten gekommen sein. Die verbale Auseinandersetzung soll schließlich in ein Gerangel zwischen dem Geschädigten und dem Angeklagten übergegangen sein, das darin gipfelte, dass der Angeschuldigte in Tötungsvorsatz den Abzug der Schusswaffe betätigt haben soll. „Ich hab mir dann gedacht ‚oh, jetzt wird’s brenzlig‘ und bin dann auf ihn zu und wollte ihn entwaffnen. Dann hat er mir in den Bauch geschossen“, sagte der Geschädigte am ersten Verhandlungstag aus.

Um festzustellen, in welchem Zustand sich der Angeklagte bei der Vernehmung befunden hat, wurde am zweiten Verhandliungstag die auf Video aufgenommene polizeiliche Vernehmung des Angeklagten vor Gericht vorgespielt. „Ich hätte niemals gedacht, dass das so eskaliert oder so ausartet, deswegen bin ich sehr schockiert, ich stehe auch unter Drogeneinfluss“, hört man den Angeklagten in dem Video sagen. Und weiter: „Wenn das Ganze vorbei ist, könnten Sie dann mal kurz nachfragen, wie es demjenigen geht?“

Laut des psychiatrischen Gutachtens habe der Angeklagte bereits eine lange Drogenvergangenheit samt Therapie hinter sich. Auch während der Tat habe er unter Drogeneinfluss gestanden. Der Sachverständige Dr. Josef Eberl schätzt ihn in der Zusammenschau der Informationen aber trotz des Drogeneinflusses als voll schuldfähig ein. Eine Therapiemaßnahme im Rahmen des Maßregelvollzugs halte er für gerechtfertigt. 

Jugendlicher wird am 26. September in Großkarolinenfeld niedergeschossen

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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens. © jz
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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens. © jz
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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens. © jz
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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens. © jz
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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens. © jz
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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens. © jz
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Der Bahnhof in Großkarolinenfeld war Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens. © jz

Bahnhof sei beliebter Treffpunkt für Jugendliche gewesen

Anwohner zeigten sich am Tag darauf im Gespräch mit rosenheim24.de von dem Vorfall nur wenig überrascht. Der Bahnhof sei in letzter Zeit ein beliebter Treffpunkt für Jugendliche gewesen. Viele von ihnen hätten nach Meinung eines Nachbarn das Potential, in die Kriminalität abzurutschen.

Großkarolinenfelds Erster Bürgermeister Bernd Fessler sieht das jedoch anders. Wie er im Gespräch mit rosenheim24.de sagte, sei der Bahnhof in seiner Gemeinde nie groß aufgefallen. „Die Anwohner, der Wirt und auch die Polizei berichten alle, dass der Bahnhof nie Treffpunkt für zwielichtige Gestalten gewesen sei“, so Fessler.

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