Zweites Gleis bereitet Sorgen

Dr. Markus Büchler beantwortet Fragen zum Bahnausbau in Kirchanschöring

Treffen mit Abgeordneten vom Ortsverband Salzachtal der Grünen mit Gemeinderatsmitglied Florian Tahedl
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MdL, Dr. Markus Büchler, Sprecher für Mobilität im Bayerischen Landtag von Bündnis 90./Die Grünen (rechts stehend) stellt sich am Kirchanschöringer Bahnhof den Fragen der Bürger, die ihnen hinsichtlich des Bahnausbaus auf den Nägeln brennen. Organisiert wurde das Treffen mit dem Abgeordneten vom Ortsverband Salzachtal der Grünen und dem Gemeinderatsmitglied Florian Tahedl (links neben Dr. Büchler stehend).

Kirchanschöring - Durch Kirchanschöring führt eine kleine Trasse, ein paar Dutzend Züge fahren hier am Tag vorbei. Doch nun will die Deutsche Bahn die Strecke ausbauen, um mehr Güter- und Personen-Fernverkehr durch den Ort lotsen zu können.

Die Anwohner rechnen mit starken Belastungen, fürchten um ihre Ruhe und ihre Lebensqualität und die Gemeinde um die Störung des Ortsbildes durch unpassende Brücken oder Unterführungen sowie durch meterhohe Schallschutzwände, wenn die rund hundert Jahre alte Strecke in weiten Teilen zweigleisig und elektrifiziert ist. Anlass zur Sorge bietet die Tatsache, dass die sogenannte Ausbaustrecke (ABS) 38 Mühldorf- Freilassing im Herbst 2018 als Projekt ABS 38 im Bundesverkehrswegeplan überraschenderweise vom „potenziellen Bedarf“ in den „vordringlichen Bedarf“ hochgestuft worden ist.


Weil das Vorhaben sowohl in Kirchanschöring als auch in Fridolfing hohe Wellen schlägt, lud der Ortsverband Salzachtal von Bündnis 90./Die Grünen gemeinsam mit der Fridolfinger Ökoliste zu einer gut besuchten Informationsveranstaltung auf das Bahnhofsgelände in Kirchanschöring ein, zumal die Kirchanschöringer die wohl am stärksten vom zweigleisigen Ausbau betroffene Gemeinde auf diesem Streckenabschnitt sein dürfte. Darunter waren auch die Mitglieder der Kirchanschöringer Bürger-Planungsgruppe und die der Interessengemeinschaft (IG) Bahnausbau Götzing.

Florian Tahedl vom Vorstand des Ortsverbandes hieß dazu den Sprecher der Fraktion von Bündnis 90./ Die Grünen für Mobilität im Bayerischen Landtag, MdL Dr. Markus Büchler, willkommen. Dr. Büchler informierte sich nun über den Ausbau und tauschte sich mit den Menschen vor Ort aus, nachdem er die Strecke München-Freilassing zuvor als Bahnreisender abgefahren war, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Von diesem Landtagsabgeordneten erwarteten die Teilnehmer des Treffens, in erster Linie vom Bahnausbau unmittelbar Betroffene, dass er sie bei ihrem Anliegen nach einer auch für sie optimalen Lösung beim Bahnausbau unterstützt. Denn es liegt nicht nur an der Bahn, welche Planungsvariante realisiert wird, sondern vor allem am Budget, das der Bund für diesen Ausbau freigibt.


Dr. Markus Büchler konnte dann auch kompetent erklären, was es mit dem Ausbau auf sich hat, und gab einige Tipps, wie sich die Gemeinden verhalten sollen, um zu einer zufriedenstellenden Lösung zu kommen. „Das Projekt, das mehrere Planungsphasen durchläuft, befindet sich aktuell in der Vorplanung, in der im Grunde noch nichts konkret entschieden ist“, sagte Dr. Büchler. „Daher kann man diese Vorplanung, die dann später der Öffentlichkeit vorgestellt wird, noch gut beeinflussen.“

Zuvor hatten mehrere Teilnehmer des Treffens moniert, dass vieles noch ungeklärt ist und die Belange der Betroffenen nicht berücksichtigt werden. Fakt scheint zu sein, dass künftig mehr Züge, vor allem des Güterverkehrs durch die Dörfer rollen werden, die Bahn aber noch keine Auskunft bezüglich Frequenz und Auslastungstaktung gegeben hat. Bislang gebe es nur eine Prognose von „ungefähr acht Zügen pro Stunde“, hieß es jetzt. Da die Gleise durch Gebiete mit Wohnbebauung oder peripher zu diesen verlaufen, ist es gerade den Anwohnern wichtig zu wissen, mit welchen Beeinträchtigungen zu rechnen ist. Zudem befürchten einige, dass die gesetzlichen Grenzwerte beim Lärmschutz künftig sogar noch überschritten werden.

Von großem Interesse ist daher der Lärmschutz. Die Leute wollen keine meterhohen Lärmschutzwände direkt vor ihrem Wohnzimmerfenster oder Garten, die ihnen Luft und Sonne rauben. Zudem sind die meisten Häuser entlang der Bahnlinie schon vor Jahrzehnten und lange bevor ein zweigleisiger Ausbau vor rund 30 Jahren erstmals in Gespräch kam, gebaut worden.

Manfred Schlagbauer, engagiert in der Kirchanschöringer Planungsgruppe brachte die Forderungen auf den Punkt: „Wir sind nicht gegen den Ausbau, im Gegenteil, wir befürworten ihn grundsätzlich. Am liebsten wäre uns der Bau eines Tunnels. Die Tieferlegung der Gleise wäre auch noch in Ordnung. Einer der Gründe, warum wir fordern, die Gleise tiefer zu legen, ist, dass der gemeindliche Abschnitt, an dem der bisherige Bahnübergang (an der Kreisstraße) liegt, nicht durch ein riesiges Brückenbauwerk völlig verschandelt wird.“ Durch eine Brücke, die das Dach eins durchschnittlichen Einfamilienhauses noch deutlich überrage, würde zusätzlicher Straßenverkehrslärm entstehen, der sich über den ganzen Ort ausbreite, schob ein anderer Teilnehmer nach.

Die Kirchanschöringer Planungsgruppe und die Interessensgemeinschaft Götzing haben im Auftrag ihrer Gemeinden deshalb schon Ideen entwickelt, wie die Bahngleise in tiefen Gleisgräben verschwinden könnten. Es sei möglich, die Bahnstrecke im besiedelten Ortsgebiet mehr oder weniger optisch verschwinden zu lassen. Die Planung der Bahn sehe hingegen einen weitgehend ebenerdigen Ausbau vor. Auf mehreren Kilometern würden dann auf der bewohnten Seite der Gleise meterhohe Lärmschutzwände dem Dorf einen traurigen Anblick verleihen.

Ein weiteres, vor allem auch optisches Problem wäre die Straßenbrücke über die Gleise am jetzigen Kirchanschöringer Bahnübergang. Die scheint aber vom Tisch zu sein. Denn im Zeitungsbericht der Südostbayerischen Rundschau vom 21. Juli gab der Projektleiter für den Bahnausbau München-Mühldorf-Freilassing, Klaus-Peter Zellmer bekannt, dass die drei Bahnübergänge Mauerberg, Fridolfing und Kirchanschöring „zähneknirschend belassen“ werden, weil dies vor Ort gewünscht werde. Dieser Aussage haben dann aber sowohl der Kirchanschöringer Bürgermeister Hans-Jörg Birner als auch sein Fridolfinger Amtskollege, Johann Schild, in einer öffentlichen Stellungnahme umgehend und vehement widersprochen.

Ein schienengleicher (bodengleicher) Bahnübergang sei von beiden Kommunen immer abgelehnt worden und auf keinen Fall akzeptabel, war nun erneut zu vernehmen. „Seit Monaten warten die Gemeinden auf die versprochene Prognose der Auslastung der Schiene verbunden mit den Schließzeiten der Schranken, die als Basis für eine Diskussion über die Bahnübergänge dienen soll.“ Daran habe sich bis heute auch nichts geändert, denn noch immer würden die Rathäuser auf Informationen von der Bahn warten.

Hans Armstorfer merkte jetzt an, dass die Götzinger Achen stets als Gegenargument für das Tieferlegen der Gleise angeführt werde. Armstorfer meinte aber, dass mittels einer Düker- und Rückstaulösung auch bei einem 50-jährlichen Hochwasserereignis (HQ50) noch ein uneingeschränkter Bahnbetrieb möglich sei. Daher bat er dies näher zu prüfen.

Eine Tieferlegung der Gleise wäre nach Berechnungen der Bahn indes aber schier unglaublich teuer. Wie der Sprecher der Interessengemeinschaft (IG) Bahnausbau Götzing, Markus Kraus, sagte, wäre die Bahn bereit, die Gleise tiefer zu legen, wenn die Gemeinden die entsprechenden Mehrkosten übernehmen würden. „Die Versprechungen, miteinander zu planen, fordern wir jetzt ein, damit unsere Belange auch Berücksichtigung finden.“

Für andere Orte wie Stuttgart, mit seinem teuren Hauptbahnhofsbau, oder Berlin, mit seinem noch viel teureren Flughafenneubau, bringe der Bund locker Milliarden auf, während für diesen Streckenausbau, der zu den höchstprioritären in der ganzen Republik zähle, nur das absolut Notwendigste übrigbleibe, sagte Kraus. „Die Aussagen der Bahn, dass man die Vorgaben des Immissionsschutzgesetzes (BImSchG) einhält, sind nur ein Alibi, da die Grenzwerte zum Beispiel beim Lärmschutz in keinster Weise für eine ausreichende Lebensqualität der Anwohner sorgen. Es gibt hier ein grundsätzliches strukturelles Problem beim Ausbau der Infrastruktur: Der Mensch als Anwohner ist nur ein ungeliebter Kostenfaktor bei der Planung und Durchführung und daran muss sich unbedingt etwas ändern.“

Dr. Büchler betonte, dass die Deutsche Bahn so plant, wie es ihrem Planungsauftrag entspricht, den sie vom Bund übertragen bekommt.“ Sie könne nicht einfach so planen, wie es ihr selbst am besten gefalle. „Ich will mich aber dafür einsetzen, dass Kirchanschöring und Fridolfing (Götzing) eine gute Lösung erhalten“, versprach Büchler. Bei der Aussage von Bahn-Projektleiter Klaus-Peter Zellmer, dass die drei Bahnübergänge Mauerberg, Fridolfing und Kirchanschöring „zähneknirschend belassen“ werden, weil dies vor Ort gewünscht werde, handele es sich wohl nur um ein Missverständnis, vermutete Büchler. Zum Lärmschutz ließ er wissen, dass Elektrozüge dann sehr viel leiser seien, als die bisher auf dieser Strecke eingesetzten. Die Höhe der Lärmschutzwände und deren Abstand zur Gleisachse sei auch abhängig von der Streckengeschwindigkeit. Man unterscheide Zuggeschwindigkeiten von unter und von über 160 Stundenkilometern.

„Doppelt so viele Züge, bedeuten also nicht automatisch auch doppelt so viel Lärm. Ein durch Lärm befürchteter Werteverlust der Immobilie könne durch einen deutlich besseren öffentlichen Personen-Nahverkehr wieder ausgeglichen werden. Dr. Büchler empfahl den Kirchanschöringer und Fridolfinger Bürgern mit der Bahn, mit Zellmer im Gespräch zu bleiben und ihn in eine Gemeinderatssitzung einzuladen. „Das sollte möglichst umgehend erfolgen.“ Auch der Freistaat habe ein Interesse, den öffentlichen Personen-Nahverkehr attraktiv zu halten. Daher könne es nicht schaden, die für die Region im Landtag zuständigen Abgeordneten oder die beim Freistaat zuständigen Abteilungsleiter in den Ministerien mit ins Boot zu holen.

Abschließend hob er hervor, dass der Finanzaufwand für den Straßenbau im Land nach wie vor sehr hoch ist, während die Bürger beim Schienenausbau die minimalistische Variante in Kauf zu nehmen hätten.

caa

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