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Die kleinsten Nutztiere der Welt

Das große Krabbeln: Warum in Oberbergkirchen Millionen Schwarzer Soldatenfliegen ausgebrütet werden

Wolfgang Westermeier (links) präsentiert eine Kiste voller Larven der Schwarzen Soldatenfliege, während Thomas Kühn eine kleine Eiablage zeigt. Dahinter befinden sich die 30-Grad-Klimaräume für die Larven-Mast.
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Wolfgang Westermeier (links) präsentiert eine Kiste voller Larven der Schwarzen Soldatenfliege, während Thomas Kühn eine kleine Eiablage zeigt. Dahinter befinden sich die 30-Grad-Klimaräume für die Larven-Mast.

Im ehemaligen Ferkelmastbetrieb von Konrad Breiteneicher in Ranerding können pro Woche fünf Kilogramm Eier der ursprünglich aus Südamerika stammenden Schwarzen Soldatenfliege zu Millionen Junglarven ausgebrütet werden. Genug für 25 Partnerbetriebe zur weiteren Mast.

Oberbergkirchen – Im Landkreis Mühldorf könnten sich die rund 650.000 Nutztiere bald um ein Vielfaches erhöhen. Denn zu Schwein, Rind und Co. gesellt sich aktuell die Schwarze Soldatenfliege. Deren Larven schicken sich an, den hiesigen hofeigenen Kreislauf in Millionenstärke zu erobern und für proteinreiches Futter zu sorgen. Innerhalb von wenigen Tagen wachsen sie um das 250-Fache an und dienen als hochwertiges Futter.

Im 1000 Quadratmeter großen ehemaligen Ferkelmastbetrieb des Nebenerwerbslandwirts Konrad Breiteneicher in Ranerding geht seit Kurzem der Wurm ab: Hier hat das Bergkirchener Unternehmen Farminsect innerhalb von drei Monaten die erste kommerzielle Insektenlarvenproduktion an den Start gebracht.

Über eine Million Euro Fördermittel

Hier können pro Woche fünf Kilogramm Eier des ursprünglich aus Südamerika stammenden Insekts zu Millionen Junglarven ausgebrütet werden. Genug für 25 Partnerbetriebe zur weiteren Mast. Wozu das Ganze? „Mithilfe von regionalen Reststoffen wie Weizenkleie, Molke oder Grasschnitt können Landwirte die Junglarven innerhalb von wenigen Tagen um das 250-Fache anfüttern, die dabei niederwertige Proteine gut verwerten können.

Dann dienen sie entweder als hochwertiges Lebendfutter in der Nutztierhaltung oder werden zur Weiterverwertung als Pellets für eine angeschlossene Industrie abgegeben“, erklärt Start-up-Gründer Thomas Kühn.

CO2-sparende Futtermittel

Zusammen mit seinem Kollegen Wolfgang Westermeier war der Elektrotechnikingenieur und Betriebswirt vor Jahren angetreten, CO2-sparende Lösungen für die Futtermittelproduktion zu finden. Die TU München stellte den beiden im Einsatz gegen die Klimakrise Laborräume und Ausrüstung zur Verfügung. Über eine Million Euro in die Anlagen plus biologische Forschung haben sie mithilfe von Fördermitteln von EU und Bayern ihre Idee gesteckt.

Bei der Fischzucht rannte das Start-up offene Türen ein. Die Landwirte ziehen nach. Die aktuelle Situation um gestiegene Futtermittelpreise und blockierte Lieferketten spielt in die Karten: Nicht nur, dass – so betont Biologe und Agrarwissenschaftler Westermeier – Lebendfütterung besser für die Tiere sei. Man könne sie nun nachhaltig quasi direkt auf dem eigenen Hof produzieren: Einmal füttern, dann nach sieben Tagen ernten, so einfach gehe das, ist sich Kühn sicher.

Fliegenlarven als Superfood

„Die Larven sind aufgrund ihres hochwertigen Aminosäurenprofils um einiges hochwertiger als Fischmehl“, ergänzt Westermeier. Unterm Strich könnten sich die Bauern so rund 30 Prozent im Vergleich zum konventionellen Futter sparen. Derzeit zählen deutschlandweit fünf Landwirte mit eigens dafür aufgebauten voll automatisierten Anlagen zu je einer halben bis zu einer Million Euro Kosten auf den Höfen zu den Farminsect-Kunden; bald kommen sieben weitere hinzu.

„Anders als bei Insekten als Teil der menschlichen Ernährung, ist die Akzeptanz als Tierfutter gegeben“, betont Kühn. Seitdem im September 2021 die EU verarbeitete Insekten als Futtermittel genehmigt hat, scheint die Entwicklung rasch voranzuschreiten. In fünf Jahren wollen Westermeier und Kühn das Fischmehl als Futtermittel gänzlich durch ihre Larven oder Pellets ersetzt haben. „Man muss sich schließlich Ziele setzen“, so Kühn mit einem Augenzwinkern.

Abgesehen von den 13 Wärmekammern, die den Larven mit 30 Grad gehörig einheizen und gutes Gedeihen garantieren, konnten sich die Gäste vor Ort anschaulich über die Produktion informieren: Vom Fliegengehege mit den Eiablagen, die als Muster in kleinem Maßstab zu sehen waren (die großen über mehrere Quadratmeter befinden sich im Obergeschoss) bis hin zur Fütterung mittels automatisierter Futterküche und hochmoderner Robotik, abgeschaut von der Automobilindustrie.

Kommune und Landkreis mit im Boot

Als einen „sehr schönen großen Schritt“ angesichts hoher Transportkosten und angespannter Lieferkettensituation lobte Ilse Preisinger-Sontag den Betrieb, der sehr gut in den innovativen Landkreis passe. „Im Sinne eines ökologischen Landwirtschaftskreises ergeben sich neue Wege für unsere Landwirte“, betont die stellvertretende Landrätin, die anstelle von Max Heimerl die Betriebsbesichtigung übernommen hat.

Gestochen wurden übrigens weder sie noch die anderen Gäste im Zuge der Anlagenbesichtigung, besitzt doch die Schwarze Soldatenfliege, die nicht in diesen Breiten daheim ist, weder Stachel noch Kauwerkzeug. Als Krankheitsüberträger muss man sie also nicht fürchten – für den Fall, dass der eine oder andere larven- mästende Landwirt mal ein paar Puppen übersehen und Fliegen in die Freiheit abgeben sollte.

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