Plädoyers im Mordprozess um brutale Bluttat in Prien

Hamidullah M.: "Mir ist bis heute nicht klar, wie das passieren konnte!"

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Mit einem Bauchgurt wurde der Angeklagte am Montag in den Gerichtssaal gebracht. So können auch seine Arme fixiert werden. Während der Verhandlung muss der Angeklagte den Gurt nicht tragen.
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Traunstein/Prien - Der Prozess um die tödlichen Messerstiche vor einem Priener Supermarkt nähert sich dem Ende: Am Montag haben Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung ihre Plädoyers gehalten!

UPDATE, 11.30 Uhr - Plädoyer Verteidigung:

Der Verteidiger von Hamidullah M., Rechtsanwalt Harald Baumgärtl, geht in seinem Plädoyer auf die Biografie des Angeklagten ein. Demnach sei der Beschuldigte von klein auf mit Tod, Blut und Gewalt konfrontiert worden. Dies rechtfertige natürlich nicht die Tat, man solle aber alle Punkte beachten. 

Baumgärtl geht auch darauf ein, dass sich der Angeklagte an die Tat nicht erinnern könne. Es sei zu würdigen, dass er sich vor Gericht nicht zu der Sache äußern wollte. Die weitere Bewertung der Frage, welche Sanktion ausgesprochen werde, liege im Motiv. „Aus Sicht der Verteidigung ist das Motiv nicht so eindeutig wie es die Staatsanwaltschaft und Nebenklagevertretung sehen. Man kann natürlich sagen, er hat sich bedrängt gefühlt, deswegen wird das hier schon einen religiösen Hintergrund haben“, so Baumgärtl. 

In der Hauptverhandlung sei dann aber mehrfach ausgesagt worden, dass das Opfer eben nicht missionarisch tätig gewesen sei. Das spreche neben anderen Gründen wie das Trinken von Alkohol, das Besuchen von Bordellen und das Nehmen von Drogen gegen einen religiösen Hintergrund. „Aus meiner Sicht bleibt das Motiv im Großen und Ganzen offen.“ Die Frage, dass ein anderer Glaube der Grund gewesen sein muss, sei nicht so eindeutig zu beantworten, so dass niedere Beweggründe nicht unbedingt gegeben sein müssen. Zur Heimtücke äußerte sich Baumgärtl dahingehend, dass dem Angeklagten sicherlich klar gewesen sei, dass sein Handeln zum Tod des Opfers führen könne. Das Opfer sei bei der Tat arglos gewesen und von hinten angegriffen worden.

"Der Zustand des Angeklagten war schon besorgniserregend, so dass man sich schon fragen muss, was in ihm zum Tatzeitpunkt vorging." Laut Aussage der Gutachter müsse man aber von einer vollen Schuldfähigkeit ausgehen. Die besondere Schwere der Schuld sei für Baumgärtl gesondert zu bewerten. Aus seiner Sicht liegen die Voraussetzungen dafür nicht vor. Es liege nur ein Mordmerkmal vor und die außergewöhnliche Lebenssituation spreche dafür, dass keine besondere Schwere der Schuld vorliege.

Das letzte Wort des Angeklagten: „Ich schließe mich den Anführungen meines Anwaltes an. Ich möchte mich bei den Hinterbliebenen dafür entschuldigen, was passiert ist. Mir ist bis heute nicht klar, was in meinem Kopf dazu geführt hat, dass ich so blockiert war, dass das passieren konnte."

Das Urteil wird am 9. Februar um 10 Uhr verkündet!

UPDATE, 10.45 Uhr - Plädoyers Nebenklage

Rechtsanwältin Stephanie Vogt aus Karlsruhe, die Bruder und Schwester des Opfers als Nebenkläger vertritt, schießt sich in ihrem Plädoyer den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an. „Dass diese Tat heimtückisch war, davon gehen wahrscheinlich alle Verfahrensbeteiligten aus.“ 

Für sie sei es wichtig zu betonen, dass man über das Motiv nicht spekulieren dürfe. Man müsse sich darauf beschränken, was er selber als Grund für die Tat angegeben habe. Das sei gewesen, dass das Opfer ihn angesprochen habe, ob er konvertieren wolle. Die vom Beschuldigten angegebene Amnesie zur Tatzeit halte die Rechtsanwältin, wie auch schon der Staatsanwalt, für nicht glaubwürdig. „Aus meiner Sicht hat er hier vielfach versucht die Schuld auf Farimah zu verschieben.“ 

Dass sein Motiv besonders verachtenswert ist, sehe die Nebenklage ebenfalls so. „Selbstverständlich ist es erlaubt, den Glauben zu wechseln und selbstverständlich ist es als Teil der Religionsfreiheit erlaubt, andere auf ihren Glauben anzusprechen“, so Vogt. „Jemandem sein Lebensrecht aus Glaubensgründen abzusprechen, steht auf unterster Stufe.“ 

Der Angeklagte habe in einem Gespräch über den IS gesagt, man müsse andere Religionen akzeptieren, weswegen die Anwältin nicht davon ausgehe, dass er radikalisiert und so tief in seinem Glauben verhaftet sei, dass er das Unrecht seiner Tat nicht habe erkennen können. „Alles was ihm Spaß gemacht hat, das hat er getan, auch wenn es im muslimischen Glauben verboten war. Er hat Alkohol getrunken, Drogen genommen und Prostituierte besucht. Er hat darüber entschieden, ob Farimah leben darf. Er hat sich zum Schafrichter aufgespielt“, was als besonders niedrig anzusehen sei. 

„Wenn er nach Afghanistan zurückkehrt, dann kann er sich dort mit der Tat brüsten und wird dort von Gleichgesinnten als Held gefeiert“, so Vogt. Dies sei laut Anwältin daraus zu schließen, weil er die Tat sehr öffentlichkeitswirksam durchführte. „Er hat gesagt, dass er sich nach der Tat leichter fühlt, das kann aus meiner Sicht nur daher kommen, dass er sich mit der Tat wohl fühlt, sich dadurch vielleicht Pluspunkte im Paradies verspricht und sich in einem Heimatland mit der Tat brüsten kann.“ 

Die Nebenklagevertreterin beantragt für den Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe und ebenfalls, die besondere Schwere der Schuld festzustellen. Außerdem bedankte sie sich im Namen ihrer Mandanten bei allen Helfern, die versuchten, die Tat zu verhindern.

Rechtsanwältin Ute Staudacher aus Karlsruhe, die die Kinder des Opfers vertritt, schließt sich ihren Vorrednern an. Sie sieht Schuld und Motiv als erwiesen an. "Er stach erbarmungslos und unerbittlich zu." Das sei ein Mordmerkmal, kein Tötungsdelikt mehr. „Das Opfer hatte keine Chance mehr.“ Auch die niederen Beweggründe sieht Staudacher gegeben. „Er hat sich zum Richter über Leben und Tod aufgeschwungen.“ 

Seine Tat habe auch keinen fanatischen Hintergrund gehabt. „Religion zählte nur, so lange sie von Vorteil war“, so die Nebenklagevertreterin. Unzurechnungsfähigkeit sei auch auszuschließen. Staudacher beantragte ebenfalls die besondere Schwere der Schuld festzustellen und fordert wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen lebenslange Haft für den Angeklagten.

UPDATE, 9.50 Uhr - Plädoyer Staatsanwaltschaft

Die Sicherheitsvorkehrungen für die Besucher, die wieder zahlreich in den Gerichtssaal gekommen sind, sind am Tage der Plädoyers nicht mehr so scharf wie an den vorangegangenen Verhandlungstagen. Der Angeklagte wird aber nach wie vor mit Bauchgurt, Arm- und Fußfesseln in den Saal geführt

Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner trägt nun sein Plädoyer vor, dem der Angeklagte ruhig und mit gesenktem Blick folgt: "Aus Sicht der Staatsanwaltschaft hat die Beweisaufnahme die Bestätigung aller Anklagepunkte erbracht. Der Angeklagte hat das Opfer einer Hinrichtung gleich mit zahlreichen Messerstichen getötet." Das Mordmerkmal der Heimtücke sei erfüllt, da er das Opfer völlig überraschend und von hinten angegriffen habe. Die Erinnerungslücke, die der Beschuldigte in der Hauptverhandlung angegeben habe, sei nicht nachvollziehbar und durch die Beweisaufnahme nicht belegt. 

Dr. Mößner sieht den Grund für die Tat in der Tatsache, dass die Frau zum Christentum konvertiert sei und ihn nach eigenen Angaben selber vom Übertritt zum Christentum hätte überzeugen wollen. Weitere Tötungsmotive wie beispielsweise Frust über seinen Ablehnungsbescheid hält der Staatsanwalt zwar für denkbar, dies sei jedoch Spekulation. "Die Tötung eines Menschen ist objektiv besonders verachtenswert und als Tötungsmotiv auf unterster Stufe stehend", so Mößner. "Die Religionsfreiheit ist in Deutschland ein besonderes Gut und im Grundgesetz verankert

Zum krassesten Verstoß gegen die Religionsfreiheit zähle laut Staatsanwalt, einem anderen Menschen die Daseinsberechtigung abzusprechen, nur weil er einem anderen Glauben angehöre. Der Angeklagte sei auch nicht derart streng religiös gewesen, dass unser Denken über Religionsfreiheit nicht zu ihm durchgedrungen sei. "Er hat Alkohol getrunken, Drogen konsumiert, hat eine Freundin gehabt und hat Bordelle besucht." Über einen langen Zeitraum von dreieinhalb Jahren sei er vom Opfer nur fünf mal angesprochen worden. Zur Tatzeit haben auch keinerlei Einschränkungen vorgelegen, weswegen er voll schuldfähig gewesen ist. 

"Zwar war der Tatentschluss spontan, auf der anderen Seite habe der Angeklagte dem psychiatrischen Gutachter berichtet, dass er schon länger den Tötungsgedanken hatte." Dass Hamidullah auch noch eine Zigarette geraucht hatte und auf das Opfer wartete, machte für den Staatsanwalt einen sehr durchdachten und beherrschten Eindruck. "Er wollte sein Opfer möglichst öffentlichkeitswirksam töten", so Mößner. 

Er halte den Angeklagten jedoch nicht für sehr religiös, sondern halte das für einen Vorwand. Somit sei das Mordmerkmal der niederen Beweggründe erfüllt. Er fordert für den Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen. Außerdem beantragte er die besondere Schwere der Schuld anzuerkennen.

Der Vorbericht:

Dass Hamidullah M. es getan hat, bezweifelt wohl niemand mehr: Mit einem großen Messer (Klingenlänge 20 Zentimeter) soll er sich am 29. April 2017 vor einem Priener Supermarkt von hinten seiner Landsfrau Farimah S. genähert und zugestochen haben. Immer wieder. Zuerst in den Hals, dann, als sie schon am Boden lag, weiter in den Bauch und in die Brust. Zwei ihrer Söhne, fünf und elf Jahre alt, mussten zusehen. "Er hatte den puren Hass in den Augen", so ein Augenzeuge. Die 39-Jährige verblutete auf dem Weg ins Krankenhaus. 

Fordert die Staatsanwaltschaft lebenslänglich?

Mordprozess von Prien:

- 1. Tag: Angeklagter und Augenzeugen sprechen

- 2. Tag: Die älteren Söhne des Opfers sagen aus

Welche Strafe dem Afghanen droht, wird er heute erahnen können: Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung werden ab 9 Uhr vor dem Traunsteiner Landgericht ihre Plädoyers halten. Hamidullah M. ist wegen Mordes angeklagt, heimtückisch und aus niederen Beweggründen soll er gehandelt haben, so die Staatsanwaltschaft. Im Raum steht also eine lebenslange Freiheitsstrafe von mindestens 15 Jahren. 

Rechts der Angeklagte, links sein Verteidiger Harald Baumgärtl.

Hat der damals 29-Jährige die Frau umgebracht, weil sie zum Christentum konvertierte? Vor allem diese Frage beschäftigte das Gericht an den ersten beiden Prozesstagen. Von Zeugen wurde der Angeklagte zwar als gläubig beschrieben, doch all zu genau nahm er es dabei wohl nicht: Der Muslim trank Alkohol, nahm Drogen, ging in die Disco. 

Angeklagter leugnet die Tat nicht

Hamidullah M. wollte sich vor Gericht an die Tat nicht mehr erinnern - doch geleugnet hat er das Blutbad vor dem Supermarkt auch nicht. Fest steht zwar, dass nach der Tat etwas Alkohol und THC im Blut des Afghanen festgestellt wurden, aber nach Ansicht eines Gutachters eindeutig zu wenig, dass er nicht schuldfähig wäre. Das Urteil wird für Freitag erwartet.

Der Prozess vor dem Landgericht in Traunstein wird um 9 Uhr fortgesetzt, chiemgau24.de berichtet aktuell aus dem Gerichtssaal.

Fotos aus dem Archiv

Bilder vom Tatort am Lidl-Supermarkt

xe

Quelle: chiemgau24.de

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