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Erstmal mehr Freiheiten ausschließlich für Geimpfte?

Erst Piks, dann Party: Söders Sonderregeln für Corona-Lockerungen – Clubs könnten bald öffnen

Söder lockt und droht: In Bayern wird es keine Impfpflicht geben, aber immer mehr Vorteile für komplett Geimpfte. Sogar die Discos sollen exklusiv für sie öffnen, in die Oper dürfen sie auch ohne Obergrenze. Genügend Impfstoff ist da. Er wird sogar schlecht.

München – Markus Söder trinkt Cola light, er trägt mitunter Schuhe, die an keinem Türsteher vorbeikämen, und er schält sich frühmorgens aus dem Bett, bevor die letzten Gäste aus der Disco trotten. Nein, man kann ihn keine Nachteule nennen, kein Feierbiest.

Club- und Barbesuche für alle zweifach Geimpften

Aber am Dienstag (13. Juli) schafft es der Ministerpräsident, mit einem Satz das Nachtleben Bayerns zu elektrisieren. „Ab Herbst“, so verkündet er unvermittelt bei einer mittäglichen Pressekonferenz in München, werde es „auf jeden Fall die Öffnung von Clubs und Nachtgastronomie“ geben für alle, die zweifach geimpft sind.

Blüht das Nachtleben in Bars und Clubs bald wieder auf? Die bayerische Staatsregierung stellt Lockerungen der Corona-Regeln im Herbst in Aussicht.

Herbst 2021, bis dahin werden es anderthalb Jahre sein, in denen Discos, Bars und Clubs zwangsgeschlossen waren, um Corona auszutrocknen. Anfangs gab’s Hoffnung, es werde nicht so lang dauern. Später folgten Tricks, sich zur Speisegastronomie umzudefinieren: Legendär der Schwabinger Club, der sich zum Fachlokal für Salzgebäck entwickelte.

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Als all das nichts half, entstanden Testzentren in Kneipen und Großraumdiscos, in Münchens hippsten Bars konnte man sich zwischen Gin-Flaschen Wattestäbchen in die Nase schieben lassen, Sperrstunde 18 Uhr. Dass es jetzt eine Öffnungsperspektive gibt, eine echte, kommt für die Branche überraschend.

Erstmals von Freiheiten nur für Geimpfte die Rede

Das Motiv ist allerdings nicht Feierfreude – sondern Impf-Strategie. Söders Ankündigung hat ja eine gewaltige Einschränkung: Feiern darf nur, wer doppelt geimpft ist, oder nachgewiesen genesen und erstgeimpft. Eine Gruppe, die er nicht nennt, sind Getestete. Von „Freiheiten“ für Geimpfte spricht er. Der Disco-Plan soll vor allem die Impfbereitschaft unter jungen Erwachsenen heben. Es ist Teil einer schon wieder nachjustierten Strategie.

Für Bayern soll es weiterhin keinen Zwang zum Piks geben, das stellt auch Söder wiederholt klar. Gleichzeitig verstärkt er die Lockmiel. Die Discos, exklusiv für Geimpfte, sind ein Teil, wenn auch juristisch nicht gewiss ist, ob das vor Gericht halten wird. Was, wenn jemand klagt, der in die Disco will, aber aus medizinischen Gründen wirklich nicht geimpft werden kann?

Geimpfte sollen nicht mehr auf Besucher-Obergrenzen angerechnet werden

Zu Söders Plan gehört auch die Zusage, ab Herbst Geimpfte nicht mehr auf die Obergrenzen von Kultur- und Sportveranstaltungen anzurechnen. Bereits in Kraft sind die Regelungen (des Bundes), die Quarantäne für sie auszusetzen. Mit Malta hat das erste Land ungeimpfte Urlauber abgewiesen. Und langsam setzen private Anbieter überall in der Welt dazu an, nur für Geimpfte zu öffnen.

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Formal: kein Zwang zum Impfen, es muss ja auch keiner in die Disco. In der Praxis: eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, politisch erwünscht. Je mehr Leute sich für den Schutz entscheiden, desto besser ist die Gesellschaft insgesamt vor Corona und seinen Mutationen geschützt.

In den Impfzentren bleibt der Impfstoff liegen

Aktuell ist aus allen Impfzentren des Landes zu hören, dass die Nachfrage stagniert. Das hängt zum Teil am komplizierten Rhythmus von Erst- und Zweitimpfungen, das staute sich zu Wellen auf. Zum Zweiten liegt es an der Skepsis gegenüber dem Vakzin von Astrazeneca – in Bayerns Impfzentren liegen aktuell 293.000 ungenutzte Dosen davon, die ersten laufen im Juli ab. Zum Dritten sind die Entschlossenen jetzt fast alle gepiekst, es folgt also das zähere Werben um die Unentschlossenen.

In der Staatsregierung hat man erkannt, mehr Register ziehen zu müssen. Deswegen mahnt Söder also: „Ein Teil glaubt, das Ganze sei vorbei.“ Das sagt er aber schon lange. Neu ist nun: Er strukturiert das Impfen um. Die Pflicht zu Terminvergabe fällt weg, alles wird spontan. Statt bei Hausarzt, Betriebsarzt und Zentrum soll es die Spritzen künftig auch von mobilen Teams geben. Vor Supermärkten und in Einkaufszentren sollen sie stehen, vor oder in Wirtshäusern, sogar Fastfood-Lokale nennt Söder, dazu Bäder, Jugendzentren, Moscheen, sogar Angebote für ganze Sportvereine.

Impfungen für Jugendliche auch ohne Stiko-Empfehlung

Künftig soll es „Familientage“ geben, an denen Eltern und Kinder (ab 12) nach ärztlicher Beratung eine Dosis bekommen – und das auch vor einer offiziellen Empfehlung der ständigen Impfkommission, auf die Politiker von Union und SPD seit Wochen vergeblich dringen. In München-Riem startet das schon am Nachmittag des 15. Juli.

Eine extremere Variante gäbe es noch: Impflinge erkaufen. In den USA winken Lotteriegewinne für Geimpfte, in Griechenland 150 Euro für jüngere Menschen. Söder lehnt das ab. „Nicht die Currywurst, das Glas Bier oder 100 Euro sind der Anreiz“, spottet er, sondern die Aussicht auf ein normales Leben.

Ab Herbst könnten Coronatests kostenpflichtig werden

Wo Zuckerbrot, wo Peitsche? Einen Peitschenknall hat die Staatsregierung in Reserve. Es ist der Plan, künftig Corona-Tests kostenpflichtig zu machen. „Das Testen kosten enorme Summen“, lässt Söder beiläufig vor den Kameras fallen, „testen wir endlos weiter?“

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Wenn im Herbst jeder ein Impfangebot habe, werde man das überdenken. Das dürfte heißen: Wer Symptome hat, darf sich jederzeit kostenfrei testen lassen. Wer sich nicht impfen lassen wollte und einen aktuellen Testnachweis braucht, muss bezahlen, es dürfte so um 20, 30 Euro gehen.

CSU-Abgeordnete lehnen Grünen-Antrag mit Söder-Idee ab

In der Landespolitik ist das erwartungsgemäß umstritten. Die AfD spricht von „Impf-Apartheid“ und faktischem Zwang, „sich zum Versuchskaninchen für neuartige Impfstoffe erniedrigen“ zu lassen. Die Grünen hingegen stellen sich hinter die Strategie, das Nachtleben für Geimpfte wieder aufzumachen. „Wo Einschränkungen von Freiheit und Grundrechten nicht mehr verhältnismäßig sind, wird ihre Rückgabe schlicht rechtlich und moralisch zur Pflicht“, sagt ihr Fraktionschef Ludwig Hartmann. Das gelte selbstverständlich auch für Club-Besuche, vor allem mit Impfung.

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Er hatte übrigens, eine kuriose Randnotiz der Disco-Sache, just an diesem Tag im Landtag den Antrag gestellt, eine Öffnungsperspektive fürs Nachtleben zu entwickeln, Geimpfte, Genesene, Getestete. Die CSU-Abgeordneten, die noch nicht wussten, dass Söder fast genau das plant, lehnten den Antrag ab.

Rubriklistenbild: © Sophia Kembowski/dpa

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