Weitere persönliche Geschichten unserer Leser

Corona in Bayern: Dank an Nachbarn und die positiven Seiten der Ausgangsbeschränkung

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Zahlreiche Leser haben der OVB24-Redaktion ihre persönlichen Geschichten in der Coronakrise erzählt.

Landkreis - Es ist eine Ausnahmesituation, wie sie bisher fast noch niemand erlebt hat. Doch wie geht ihr mit der aktuellen Coronakrise um? Zahlreiche Leser/-innen haben der Redaktion ihre persönlichen Erlebnisse geschildert.

Die Corona-Pandemie schränkt zunehmend den Alltag der Menschen ein und bringt das öffentliche Leben allmählich zum Erliegen. Doch wie erlebt Ihr die Coronakrise? Wir haben Euch gefragt und gebeten, uns Eure positiven oder negativen Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen zu erzählen. Zahlreiche Leser/-innen haben sich auf unseren Aufruf gemeldet:


Wir haben Eure Geschichten gesammelt

Judith aus Traunstein

Auf diesem Weg möchte ich mich mal richtig herzlich bei jemanden bedanken. Ich bin 65 Jahre alt, schwerbehindert und aufgrund von Vorerkrankungen eine Risikopatientin. Seit fünf Jahren wohne ich nun in Traunstein. Vergangenes Jahr habe ich mich von fünf mir nahestehenden Menschen, welche mir unter anderem mein Leben hier erleichtert haben, verabschieden müssen. Zudem habe ich im  November 2019 auch meine große Liebe zu Grabe tragen müssen. Meine Kinder sind viele hunderte Kilometer von mir entfernt und mein Bruder und meine Schwägerin leben in München.


Familiär und sozial gesehen, bin ich jetzt hier ganz alleine - dachte ich! Ich bin tatsächlich jeden Tag zu Tränen gerührt, was meine Nachbarn auf die Beine stellen, um mir zu helfen. Auch schon vor Corona. Angefangen von dem strengen Winter 2018/19, wo sie mich buchstäblich ausgebuddelt haben. Sie mussten eine circa 150 Quadratmeter große Fläche von Schnee befreien. Meine Nachbarn sagten damals: "Geh rein, wir machen das schon." Dazu muss ich sagen, dass ich 'nur' Mieterin bin und mein Vermieter und sein Sohn auch im Jahr 2019 gestorben sind. Deren Hilfe fehlt mir jetzt schon enorm in dem großen Garten und beim Kampf mit dem Schnee, denn das größte Areal zum Schnee räumen ist der große Gehsteig und einen Winterdienst kann ich mir nicht leisten. 

Im Herbst schnitt mir der Nachbar sogar meine große Hecke. Sie helfen mir auch beim Tragen von schweren Sachen, gehen für mich einkaufen und laden mich zu jedem Geburtstag und zum Grillen ein. Ich kann nicht genug danken, was diese Familie alles für mich macht. Jetzt in der schweren Zeit, rufen sie mich sogar an und fragen danach, wie es mir geht und ob sie Besorgungen für mich erledigen können. Wenn ich mal was Schwereres im Alleingang mache, dann werde ich liebevoll geschimpft: "Warum hast du nichts gesagt? Wir helfen dir doch." Ich kann nur sagen: "Danke Claudia, Albert und Zoe - ihr seid Nachbarn, wie man es sich nur wünschen kann! Ohne euch wäre ich total aufgeschmissen. Bleibt gesund, damit wir bald wieder zusammen lachen können!

Andreas aus Bad Reichenhall

Ich finde es eine Unverschämtheit, wenn sich Leute mir demonstrativ in den Weg stellen und verächtlich den Kopf schütteln. Ich war für meinem Bruder, mich selbst, und für meine Eltern, welche übrigens im Risikoalter sind, einkaufen. Es waren keine besonderen Artikel. Nur das Übliche eben. Alkohol, Zigaretten etc. standen z.B. nicht auf dem Zettel. Trotzdem war der Einkaufswagen für drei Haushalte logischerweise am Ende randvoll. 

Beim Anstehen an der Kasse wurde ich dann wiederholt von Passanten mit unverständlichem Blick in meinen "vollen" Einkaufswagen empfangen. Diese Passanten haben übrigens selbst nur das "Nötigste für einen Tag", maximal vier Artikel, eingekauft. Daher nun meine persönliche Meinung: Ich tätige lieber einen größeren, aber natürlich nicht übertriebenen Einkauf, der dann auch sicherlich für eine Woche halten wird, anstatt jeden Tag in den Supermarkt gehen zu müssen um nur das "Nötigste" zu kaufen. Dadurch wird nicht nur die Ansteckungsgefahr erheblich minimiert, es könnte auch die Supermarkt-Mitarbeiter entlasten. Da eventuell auch ein weiterer Tag Pause in der Woche diskutiert werden kann. 

Steffi aus Oberbayern

Ich wollte mal eine kleine Lanze brechen, für uns - welche die Notbetreuung der Kinder von den sogenannten systemrelevanten Berufen aufrecht erhalten. Es steht außer Frage, dass dem medizinischen Personal, Menschen in jeglicher Versorgung usw. der größte Dank sowie Respekt gebührt und denen noch eine große Herausforderung bevor steht. Es geht auch nicht um Lob, sondern einfach auch um die Wahrnehmung dafür. Die kleinen Rädchen bringen auch ihren Teil dazu bei. Zudem sind wir auch mehr "der Gefahr ausgesetzt", uns und unseren engen Umkreis anzustecken. 

Wir betreuen Kinder, Jugendliche und Menschen mit Behinderungen, deren Eltern an vorderster Front sind und vielleicht täglich mit dem Virus in Kontakt treten können und werden. Diesen dann nach Hause bringen und möglicherweise den Kindern weitergeben. Diese gelten ja oft als stille Überträger und falls dies der Fall ist, könnten sie diesen auch in die Einrichtungen zu uns tragen.  Dass wir den nötigen Abstand in unserer Arbeit nicht gewährleisten, dürfte bewusst sein. Wir tragen dazu bei, dass die betreffenden Eltern für uns alle täglich ihr Möglichstes tun und diese nicht auch noch im Einsatz fehlen.

Franziska aus Traunreut

Ich bin auch eine von den "Unverzichtbaren" in dieser schweren Zeit. Ich arbeite im Einzelhandel und wir geben jeden Tag unser Bestmögliches, um alles im Geschäft für unsere Kunden zur Verfügung zu haben. Ständig gibt es diese Fragen um Klopapier, Hefe und Co. - es ist ja eigentlich schon selbsterklärend. Aber wir müssen unseren Kunden dennoch freundlich klar machen, dass es aktuell nicht so funktioniert, wie man es gern hätte. Schade ist aber, dass die (zusätzlich) gewissen hygienischen Maßnahmen und Vorkehrungen oft nur belächelt und als "Schmarrn" oder "ist das denn wirklich nötig" beschimpft werden. 

Auch wir, das Team, haben Familie und Freunde zuhause, die gleichen Sorgen wie ihr alle und auch wir wissen nicht, wie es weitergeht in naher Zukunft und was uns alle noch erwartet. Es kann leider jeden treffen beziehungsweise jeder kann das Virus weitergeben. "Hoits zam und Abstand, is hoid moi grod so. Leidls huifts zam in der schweren Zeit und lossts eich ned eia Lacha nehma, auch wenn es oft schwer ist. Bleibts gsund und bleibts dahoam."

Tanja aus dem Landkreis Rosenheim

Die Coronakrise erlebe ich, wie derzeit viele andere auch, in der vollen Bandbreite. Das heißt, dass ich mein Geschäft, eine Mensa im Gymnasium, aufgrund der Schulschließungen erst mal zumachen musste. Meine Tochter besucht die 5. Klasse eines Gymnasiums, was tägliches "Online-Schooling" auf den Plan ruft. Mein Mann, der sich jetzt erst mal einen Teil seines Jahresurlaubes genommen hat, weiß nicht, ob er ab Montag Kurzarbeit machen muss oder ob sich das mit dem Arbeiten im Moment ganz erledigt hat. 

Ich bin derzeit etwas zweigeteilt, was meine Meinungsfindung angeht. Zum einen erschreckt mich das ganze Szenario (ich habe erst vor Kurzem, ohne zu wissen, was passieren würde, das Buch "Augen der Dunkelheit" gelesen) weil niemand weiß, ob die Maßnahme hilft, wie lange es dauert und wie das ganze dann endet. Vor dem Virus an sich habe ich nicht wirklich Angst, bei den steigenden Fallzahlen wird mir aber doch etwas mulmig zumute und ich werde nervös. Es sollen ja auch Todesfälle auftreten, die eben nicht zur Risikogruppe gehören. Das heißt, bis eben ging mich mit meinen 46 Jahren das ganze ja nur bedingt etwas an. Aber jetzt könnte es auch für mich eng werden, oder gar für meine kleine zehnjährige Tochter. 

Auf der anderen Seite muss ich allerdings sagen, dass sich die Ausgangsbeschränkung nach so kurzer Zeit schon auf unser Familienleben ausgewirkt hat. Und zwar wirklich positiv. Vormittags wird Schule gemacht und danach hat die Familie den ganzen Tag füreinander Zeit. Es wird gemalt, gebastelt, gekocht, gebacken, gelacht, gesungen, gespielt und gekuschelt. Meine Tochter treibt normalerweise intensiv Sport (5x die Woche), inzwischen ist das Kind aber komplett "entschleunigt". Natürlich soll das hier bitte kein Dauerzustand werden, aber jeder von uns sollte versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Wie mein geliebter Opa, der uns im letzten Sommer mit 99 Jahren verlassen hat, sagte: "Selten ein Schaden, wo nicht ein Nutzen dabei ist. Man muss sich nur darauf einstellen können." In diesem Sinne: "Gott schütze unsere Heimat! Und bleibt gesund!"

Robert aus Oberbayern

Meine Kollegen und ich arbeiten in einen Baumarkt. Nachdem vor einigen Tagen Ministerpräsident Söder bekannt gab, dass auch Baumärkte schließen müssen, ging die wahre Hölle los. Mütter mit bis zu drei Kleinkindern als erste Risikogruppe sowie ältere Mitmenschen also zweite Risikogruppe, stürmten den Baumarkt wegen ein paar Pflanzen und Blumenerde. Ohne Sicherheitsabstand und ohne Rücksicht auf die anderen Mitmenschen, wie Mitarbeiter und Kassenkräfte, liefen sie durch das Geschäft. 

Ich muss wirklich an dem gesunden Menschenverstand zweifeln. "Leute, ist es euch wert, wegen eines Rasenstechers oder ein paar Schrauben andere Menschen zu gefährden?" Nun haben wir geschlossen und räumen das Schlachtfeld in Zweiergruppen, mit dem nötigen Abstand, auf. Wir bestücken die Regale neu und verarbeiten die bestellten Lieferungen, welche täglich eintreffen. Und was soll ich sagen? Etliche Mitmenschen fahren immer noch wie selbstverständlich auf den Parkplatz und wollen in den Baumarkt gehen. Geht's noch? Bitte schaltet das Hirn ein. 

Die nächsten persönlichen Geschichten werden am Dienstag, 31. März, in einem neuen Artikel veröffentlicht 

Weitere Geschichten unserer Leser, Reportagen und Service-Artikel zum Coronavirus findet Ihr in unserem großen Wegweiser durch die Berichterstattung

Wie erlebt Ihr die Coronakrise? Erzählt uns Eure Geschichte

Erzählt uns, was Euch bewegt und schickt eine Mail an termine@ovb24.de (Kennwort: "Corona" im Betreff). Die OVB24-Redaktion freut sich über Eure Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen. 

Natürlich könnt Ihr uns auch mitteilen, was Euch sorgt und ängstigt in diesen Tagen und gerne auch, was Euch in dieser Zeit Freude macht. Bitte sendet uns neben Euren Zeilen, Fotos oder Videos auch unbedingt Euren kompletten Namen und Euren Wohnort.

Wir wollen unsere Reichweite aber auch nutzen, um Menschen miteinander zu verbinden und zur Nachbarschaftshilfe aufrufen. Deswegen haben wir sechs Facebook-Gruppen ins Leben gerufen: #rosenheim24 / #chiemgauhältzusammen / #innsalzachhältzusammen / #bglandhältzusammen / #wasserburghältzusammen / #mangfallhältzusammen

Coronavirus im Freistaat Bayern

Das Coronavirus breitet sich rasant aus. Im Freistaat Bayern hat das Virus 133 Todesfälle (Stand: Montag, 30. März, 13 Uhr) gefordert. Auch in den Landkreisen Rosenheim, Traunstein, Mühldorf und Altötting gibt es bereits mehrere Todesfälle. Restaurants bleiben geschlossen, ausgenommen ist die Lieferung und Ausgabe von Speisen für zu Hause. 

Zudem hat Ministerpräsident Markus Söder, die am Freitag, 20. März, beschlossene weitreichende Ausgangsbeschränkung in Bayern, am Montag, 30. März verlängert. Die Maßnahmen gelten nun bis mindestens Sonntag, 19. April. Das Verlassen der eigenen Wohnung ist also nur bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt. Dazu zählen unter anderem der Weg zur Arbeit, notwendige Einkäufe, Arzt- und Apothekenbesuche, Hilfe für andere, Besuche von Lebenspartnern, aber auch Sport und Bewegung an der frischen Luft - dies aber nur alleine oder mit den Personen, mit denen man zusammenlebt.

Bleibt gesund! #wirhaltenzusammen

jg

Quelle: rosenheim24.de

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