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100. Jahrestag des ungelösten Mordfalls

„Cold Case“ Hinterkaifeck: Sechs Leichen, acht Ermittler und eine Spur zum Wendelstein

Diese Mord-Ermittler aus München hatten sich nach Hinterkaifeck aufgemacht, um das Verbrechen aufzuklären. Der Zweite von Rechts stehend ist Georg Reingruber. Er war 1922 der Ermittlungsleiter.
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Diese Mord-Ermittler aus München hatten sich nach Hinterkaifeck aufgemacht, um das Verbrechen aufzuklären. Der Zweite von Rechts stehend ist Georg Reingruber. Er war 1922 der Ermittlungsleiter.

Hinterkaifeck ist wohl der berühmt-berüchtigste cold case Bayerns. Am 31. März 2022 jährt sich die Mordnacht, in der sechs Menschen starben, zum 100. Mal. Eine der Spuren auf der Tätersuche führte bis zum Wendelstein und in die Gendarmerie Brannenburg.

Waidhofen – Der Autor Peter Leuschner drückt die Klinke der schmiedeeisernen Tür und betritt den kleinen Friedhof von Waidhofen. An der Steinmauer steht ein schwarzer Obelisk mit Inschrift. „Gottloser Mörderhand“, so heißt es dort, „fiel am 31. März 1922 die Familie Gabriel-Gruber von Hinterkaifeck zum Opfer.“ Und dann werden die Namen aufgezählt.

Kaum zwei Kilometer Luftlinie entfernt von der Mordstelle wird bis heute das Grab der sechs Toten vom Einödhof im Donaumoos zwischen Neuburg und Schrobenhausen vom Gartenbauverein gehegt und gepflegt, weiß der Gemeindegärtner. Ein kurzer Ratsch. Erst vor einigen Jahren ist der Ortspfarrer urplötzlich im Gottesdienst umgefallen – tot. Jetzt predigt hier ein indischer Priester. „Der kann Kirche schnell machen, in einer Dreiviertelstund’ ist die Gaudi um“, sagt der Gärtner und lacht.

Autor Peter Leuschner steht an der Stelle, wo sich einst der Einödhof befunden hat. Im Hintergrund ist das Dorf Gröbern zu sehen.

Peter Leuschner kannte den verstorbenen Pfarrer, Auch mit ihm hat er öfters über die Toten von Hinterkaifeck gesprochen. Der ehemalige „tz“- Journalist hat das, was man zur Tat wissen kann, in seinen Büchern akribisch aufgeschrieben. Beim Deutschen Wetterdienst ließ er sogar die Witterungsverhältnisse an jenen Tagen rekonstruieren („hat 50 Mark gekostet“).

Opfer waren grauenhaft zugerichtet

Gefunden wurden die Leichen erst am Montag, 3. April 1922 – als der Schlosser Albert Hofner nach der Reparatur eines Motors auf dem Hof Landwirte im nahen Gröbern informierte, dass er in Hinterkaifeck fünf Stunden lang niemanden gesehen habe. Seltsam, dämmerte es da dem Ortsbauernführer Lorenz Schlittenbauer, in der Samstagsschule hatte die kleine Cäzilia, sieben Jahre alt und (wie sich dann herausstellte) eines der Mordopfer, auch schon unentschuldigt gefehlt. Und niemand hatte die Grubers am Sonntag in der Kirche gesehen. Also eilten die drei Landwirte, Lorenz Schlittenbauer nahm auch noch seinen Sohn mit, zum Einödhof. Sie fanden sechs grauenhaft zugerichtete Leichen.

Als dann die Münchner Kripo den Fall übernahm, stellte sich nach und nach heraus, wie verzwickt der Fall war. Ein Raubmord, wie er vielleicht für die karge, arme Zeit nicht ganz untypisch war – das war die erste Vermutung des Chefermittlers Georg Reingruber, 55. Zwar wurden in einem Schrank mehrere Hände voll Münzen gefunden, darunter 1880 Mark in Gold. Aber das mochte der Mörder übersehen haben. Papiergeld jedenfalls war – bis auf fünf Mark – keines auf dem Hof.

100.000 Mark Belohnung - wild brodelnde Gerüchteküche

In den Tagen nach dem Auffinden der Leichen wabern Gerüchte durch die Gegend – angefeuert wohl auch durch eine einzigartig hohe Belohnung: 100 000 Mark hatte der Neuburger Staatsanwalt eine Woche nach der Tat – bezeichnenderweise ist auf dem Flugblatt von Raubmord die Rede – „für die Ergreifung der Täter“ ausgelobt. Schon am 7. April gibt es einen ersten Tatverdacht. Reingruber vernimmt am Krankenbett einer Münchner Klinik den 44-jährigen Dienstknecht Josef Betz aus Kösching bei Ingolstadt, der einen gewissen „Peter“ schwer belastet – der habe ihm gegenüber mehrmals gesagt, er wolle Goldgeld bei denen von Hinterkaifeck holen. Dass die Bauern auf der Einöde relativ wohlhabend waren, war in der Gegend bekannt, sagt Autor Leuschner. „Die haben von der Viehwirtschaft gelebt, hatten Kühe und Schweine.“ Die Fahndung nach dem ominösen „Peter“ nimmt schnell Fahrt auf – schon nach einer Woche kann die Schutzmannschaft in Mindelheim die Festnahme des Gesuchten melden. Allerdings: Er hat ein unumstößliches Alibi.

Anfangs gingen die Ermittler von einem Raubmord aus. Sie setzten eine hohe Belohnung aus.

So geht es Reingruber in der Folgezeit öfter. Autor Peter Leuschner hat die vielen vergeblichen Ermittlungsansätze der Polizei sozusagen auf Schritt und Tritt nachgezeichnet. Mal sollen vier „Selbstschutzleute“ – marodierende Soldaten, die nach einem Einsatz für rechtsradikale Freikorps in Oberschlesien 1921 nicht mehr zurück ins Leben gefunden hatten – die Täter gewesen sein. Kurze Zeit fällt der Verdacht auch auf Karl Gabriel, erster Ehemann der ermordeten Landwirtstochter Viktoria. Es heißt, er sei im Ersten Weltkrieg gefallen – oder doch nicht? Gabriel hätte Grund zur Rachsucht gehabt, schließlich hatte sich seine Frau mit ihrem Vater, dem gleichfalls ermordeten Karl Gabriel, auf ein inzestöses Verhältnis eingelassen. Gruber saß deswegen ab 1915, verurteilt vom Landgericht Neuburg wegen „Blutschande“, sogar ein Jahr lang im Zuchthaus. Auch danach soll das Verhältnis der beiden angedauert haben – obwohl sich Viktoria Gruber seit Ende 1918 auch mit ihrem Nachbarn, dem Ortsbauernführer Lorenz Schlittenbauer, eingelassen hatte.

Wir erinnern uns: Das war der Mann, der mit anderen die Tat entdeckte. Oder tat er damals nur so und wusste genau, was er im Hof vorfinden würde?

Reingruber forscht damals zunächst nach dem Verbleib des Karl Gabriel. Doch das Zentralnachweis-Amt für Kriegsverluste und Kriegsgräber erbringt den Nachweis, dass Karl Gabriel tatsächlich schon im Dezember 1914 in Nordfrankreich gefallen war.

Die Spurensuche auf dem Wendelstein

Einige Wochen nach der Tat führt die Mördersuche sogar hoch auf den Wendelstein – ein Emil Graf hatte der Münchner Polizei berichtet, er habe auf einer Wandertour einen mysteriösen Fremden kennengelernt, der ihm verdächtig vorkam. Der Name: „Daubery“ oder so ähnlich. Die Gendarmerie Bayrischzell musste auf Geheiß der Münchner Kripo die Übernachtungsbücher im Ort durchsehen: aber kein Daubery. Nachdem wegen Schneefällen ein Aufstieg zum Wendelstein zunächst nicht möglich war, meldete die Gendarmerie Brannenburg drei Tage später, dass sich tatsächlich ein Josef Dury aus Ratingen bei Düsseldorf ins Gipfelbuch eingetragen habe. Nach vier Wochen war der Mann zweifelsfrei identifiziert – aber mit dem Mord hatte er nichts zu tun.

So ging es über Jahre: Gerüchte, Spekulationen, Verdächtigungen. Peter Leuschner hält nichts für ausgeschlossen, wenngleich er sich nicht festlegen will. „Der Fall bleibt ungelöst – das war mir schon beim Schreiben meiner Bücher klar.“ Doch ein Raubmord, das steht heute ziemlich fest, war es wohl nicht. Vieles deutet eher auf eine Beziehungstat, in deren Zentrum die ermordete Viktoria Gruber, verwitwete Gabriel, stehen könnte. Hat das etwas mit der „Blutschande“ zu tun? Hat vielleicht ihr Nachbar Lorenz Schlittenbauer etwas mit der Tat zu tun? Er galt immerhin als Vater des kleinen Josef, der im Kinderwagen erschlagen worden war.

Unsere dreiteilige Artikel-Serie zum Mordfall Hinterkaifeck:

Teil 1 - Auf der Jagd auf dem Sechsfach-Mörder vom Einödhof

Teil 2 - 6 Leichen, 8 Ermittler und eine Spur zum Wendelstein

Teil 3 - Die mysteriöse Rolle der Bauerntochter (ab 1.4.2022 online)

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