Leiser Abschied nach 18 Jahren

Corona verhindert die Abschiedsparty von Landrat Georg Grabner

Georg Grabner ist ab 1. Mai 2020 im Ruhestand.
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Dankbar aber nicht wehmütig verabschiedet sich Landrat Georg Grabner aus dem Landratsamt, leider ohne großes Abschiedsfest.

Berchtesgadener Land - Nach 18 Jahren geht Landrat Georg Grabner in Rente. Seinen Abschied hat er sich sicher anders vorgestellt, aber die Corona-Krise zwingt ihn, bis zum letzten Tag voll da zu sein. Gibt es trotzdem Dinge, die er vermissen wird? BGLand24.de hat nachgefragt.

18 Jahre lang war Georg Grabner der Landrat des Berchtesgadener Landes. 18 Jahre, in denen sich der Landkreis in vielen Bereichen entwickelt hat, aber auch in vielen Bereichen investiert werden musste. Dankbar aber nicht wehmütig blickt Grabner im Gespräch mit BGLand24.de zurück und gibt Einblicke in seine Amtszeit, aber auch in die Zeit danach.


Herr Grabner, was werden Sie ab 1. Mai am meisten vermissen?

Grabner: Das weiß ich ehrlich gesagt noch nicht so genau. Aber über die lange Amtszeit sind natürlich auch menschliche Verbindungen entstanden und gewachsen. Ich werde durchaus einige oder viele meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die am engsten mit mir zusammengearbeitet haben, ein bisschen vermissen.


Ich kann mir auch vorstellen, dass ich so manches schöne Vereinsjubiläum und -fest bei uns im Landkreis vermissen werde. Da bin ich immer sehr gerne hingegangen, nicht weil man dort ein Hendl und ein Mass Bier kriegt, sondern weil man einfach damit zum Ausdruck bringen kann, dass einem die Arbeit, die unsere Vereine leisten, wichtig ist.

Was haben Sie anfänglich an der Arbeit des Landrats unterschätzt?

Ich würde nicht sagen, dass ich etwas unterschätzt hätte. Aber es wird sehr schnell deutlich, dass diese Aufgabe als Landrat unglaublich vielfältig ist und sehr zeitintensiv. Aber es hat auch den Vorteil, man kann gestalten. Ich wollt nie ein Verwalter sein. Was ich vielleicht unterschätzt habe, ich will manchmal zu viel zu schnell, aber das lernt man dann auch.

Bis zum letzten Tag ist Landrat Georg Grabner (2.v.l.) aufgrund der Coronakrise gebunden. Hier bedankt er sich bei Lorenz Engljähringer (l.), Leiter Qualitätsmanagement der Molkerei Berchtesgadener Land, für die unbürokratische Hilfe bei der Bereitstellung von Schutzmaterial.

Wie hat sich der Landkreis Berchtesgadener Land in den 18 Jahren Ihrer Amtszeit entwickelt?

2002 standen wir bezüglich unserer Krankenhäuser am Abgrund. Von den Krankenkassen hieß es von heute auf morgen, wir finanzieren euch das nicht mehr und wir standen vor einer riesigen Budget-Kürzung, waren gezwungen zu reagieren. Auf eine neue Finanzierung der Krankenhäuser waren wir aber überhaupt nicht vorbereitet.

Ich bin heilfroh, dass der Kreistag insgesamt über alle Parteien hinweg damals auch hinter mir stand, dass wir uns einig waren, wir müssen Strukturen verändern, aber wir wollen die Häuser in kommunaler Trägerschaft erhalten. Ohne den Kauf des Bad Reichenhaller Krankenhauses (2004) und der Zusammenarbeit mit den Kliniken im Landkreis Traunstein (2009) würde es diese Krankenhäuser in Kommunaler Trägerschaft heute nicht mehr geben.

Das war sicher der Bereich in dem sich in den 18 Jahren am Allermeisten verändert hat. Wir hatten 2002 einen Schuldenstand von 32 Millionen Euro. Es standen große Investitionen im Bildungsbereich, im Schulbereich vor uns, da ist die Verschuldung kurzzeitig auf 43 Millionen Euro gestiegen. Durch einen harten Sparkurs haben wir die Kurve gekriegt, haben weiterhin viel investiert, in Schulen, Krankenhäuser, Infrastruktur und haben heute keine Schulden mehr. Wir haben heute 10 Millionen mehr in der Kasse, als wir Schulden haben, aber es stehen auch weitere große Investitionen an.

Wir haben uns in den letzten 18 Jahren sehr viel für den Klimaschutz engagiert. Wir haben vor vielen Jahren, als es noch kein großes öffentliches Thema war, begonnen, unsere ganzen Landkreisgebäude energetisch zu sanieren. Da sind wir bis auf das Rottmayr-Gymnasium in Laufen, das Landratsamt und die Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei in Berchtesgaden durch. Wir haben damals auch ein Klimaschutzgesetz auf den Weg gebracht, haben einen Klimaschutzmanager eingestellt. Wir haben einen Energienutzungsplan aufgestellt und dafür auch den Energiepreis der Bayerischen Staatsregierung bekommen.

Es wird einem erst im Rückblick bewusst, was da alles entstanden ist. Im Tagesgeschäft, da arbeitet man, hat die nächsten Ziele und nimmt sich das nächste vor und im Rückblick denkst du dir dann, dass das alles so gelungen ist. Da bin ich unserem Kreistag über alle Fraktions- und Parteigrenzen hinweg sehr dankbar, dass wir die Dinge in großer Einmütigkeit, mit großen Mehrheiten und ganz oft auch einstimmig so beschließen und auf den Weg bringen konnten.

Welche Probleme mussten Sie außerdem lösen?

Das war die Bewältigung der Katastrophenfälle. Wir hatten in meiner Amtszeit zweimal einen Waldbrand am Thumsee, zweimal Hochwasser, den Einsturz der Eishalle, was natürlich das prägendste und das schlimmste Ereignis war, das man sich überhaupt vorstellen kann. Dann hatten wir letztes Jahr die Schneekatastrophe, dann haben wir jetzt den Corona-Katastrophenfall und natürlich auch 2015 die ganze Flüchtlingssituation, die uns da beinahe überrollt hätte. Was ja gerade bei uns ein Thema war, weil die bei uns alle über die Grenze kamen, bei uns erfasst werden mussten, die Interviews geführt werden mussten, bis sie dann später weiter verteilt werden konnten.

Welche lustigen/kuriosen/bedeutenden Situationen aus Ihrer Amtszeit werden Sie nie vergessen?

Bedeutende Sachen sind immer, wenn man ein Projekt wieder fertigstellt und dann Einweihung feiert. Ich denke da zum Beispiel an die Einweihung des Schülerforschungszentrums Berchtesgaden mit Ministerpräsident Horst Seehofer. Alles was bleibende Werte schafft, das bleibt auch in Erinnerung.

Ich denke da zurück an die Entscheidung des IOC damals, als wir uns mit München um Olympische Spiele beworben haben. Da waren wir komplett frustriert über die Entscheidung des IOC. Ich wollte eigentlich gar nicht mehr zur anschließenden Feier gehen. Ein Sportjournalist hat mich dann überredet und es war die Feier des Jahrhunderts. Am nächsten Tag am Flughafen haben wir die Koreaner gesehen. Wir waren alle lustig und gut drauf und die waren alle so todernst.

Und ich denke auch gerne an die Wirtschaftsempfänge, die ich ja ins Leben gerufen habe. Wo wir interessante Referenten hatten, lustige, unterhaltsame, aber auch nachdenkliche und vor allen Dingen auch die Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern danach, die oft bis tief in die Nacht gedauert haben.

Was wird Ihnen im Ruhestand gar nicht fehlen?

Auf die besonderen Herausforderungen durch Katastrophenfälle könnte jeder verzichten. Aber es hilft nichts, die stellen sich, da wirst du nicht gefragt, da hast du zu funktionieren. Da bin ich immer wieder unendlich dankbar und stolz auf unsere Hilfs- und Rettungsorganisationen und auch auf unsere Führungsgruppe Katastrophenschutz, das funktioniert, da kann man sich darauf verlassen und das ist ganz toll.

Was ich vielleicht auch nicht so sehr vermissen werde, das sind oft allzulange Arbeitstage oder Wochenenden und vielleicht auch so manch unguten Zeitgenossen, der mir nicht abgeht. Was mir auch nicht abgeht, das sind Menschen und das sind immer einzelne, Gott sei Dank, die etwas behaupten ohne dass sie sich in der Sache informiert haben. Da wird Stimmung und Meinung gemacht, Unwahrheiten verbreitet oder auch Eigeninteressen auf Kosten der Allgemeinheit verfolgt. Solche Dinge gehen mir sicher auch nicht ab.

Der Katastrophenfall begleitet Sie noch bis zu Ihrem letzten Arbeitstag. Wie wird der Abschied mit Corona aussehen?

Was mich ehrlich gesagt schon schmerzt, ist die Tatsache, dass ich mich nicht gebührend bei meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verabschieden kann und mich nicht bedanken kann. 18 Jahre sind doch eine lange Zeit. Man kann als Chef die besten Ideen haben, wenn die Mitarbeiter sie nicht mittragen, umsetzen, dann kann man das vergessen und ich bin stolz auf diese Mannschaft.

Das hätte ich gerne noch mit einem kleinen Abschiedsfest zum Ausdruck gebracht. Alles war bestellt und musste storniert werden, aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Wir werden das sobald es geht nachholen.

Was treibt Georg Grabner im Ruhestand? Wird es ein Un-Ruhestand?

Ich werde meinen Ruhestand nicht im Schaukelstuhl verbringen. Ich habe mir einiges vorgenommen, ohne dass es in Stress ausarten soll. Ich werde es genießen, dass man nicht mehr der Knecht vom Terminkalender ist, sondern auch wieder frei entscheiden kann. In Haus und Garten hat man immer was zu tun. Ich freue mich, wenn ich wieder meine Wanderungen und Bergtouren machen kann, wenn ich wieder mehr Sport machen kann.

Außerdem bin ich kulturell sehr vielseitig interessiert und ich möchte das Angebot aus unserer Salzburger Nachbarschaft mit der Universität 55plus nutzen und mich für Geschichte einschreiben, damit man noch etwas für den Geist tun kann, damit man nicht einrostet. Außerdem werde ich mich in der Hospizbewegung engagieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

cz

Quelle: BGland24.de

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