Corona-Odyssee im Gesundheitsamt

Kein Quarantäne-Bescheid, dafür unglaubliche Vorwürfe: Die Corona-Odyssee einer Reichenhaller Familie

Fahrudin Cehic mit dem positiven Corona-Test seiner Frau
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Fahrudin Cehic mit dem positiven Corona-Test seiner Frau vom 31. Dezember, erst am 11. Januar landete der offizielle Quarantäne-Bescheid im E-Mail-Postfach der Familie Cehic

Regelrecht im Stich gelassen fühlt sich eine Familie in Bad Reichenhall vom Staatlichen Gesundheitsamt. Nach einem positiven Corona-Test der Ehefrau gehen auch Ehemann und Kinder in Selbstisolation, es folgen ein Feiertag und ein Wochenende, in denen weder der Hausarzt, noch das Gesundheitsamt erreichbar sind.

Bad Reichenhall - Als am fünften Tag das Amt wieder arbeitet, ist die Überraschung groß, denn obwohl das Gesundheitsamt die Tests beim Arbeitgeber der Ehefrau, einem Seniorenheim, in Auftrag gegeben hatte liegen dem Amt noch keine Ergebnisse vor, „sie können ruhig rausgehen“, und dann soll der unglaubliche Vorwurf gefallen sein, „dass auch schon andere versucht hätten sich selbst in einen Quarantäne-Urlaub zu schicken“. Zu diesem Zeitpunkt hat die Ehefrau bereits Fieber, Husten und hat keinen Geruchs- und Geschmackssinn mehr. In einer Stellungnahme sagt ein Sprecher des Gesundheitsamtes nun gegenüber BGLand24, „leider waren sowohl die E-Mail-Adresse als auch die Telefonnummer falsch, daher konnte die Quarantäneanordnung nur auf dem Postweg versandt werden“.


Die Odyssee begann am 31. Dezember 2020, als Frau Cehic die Nachricht erhielt, dass ihr Corona-Test vom 28. Dezember 2020 positiv ist, sie wurde bei ihrem Arbeitgeber, einem Seniorenheim im Auftrag des Landratsamtes getestet. Fahrudin Cehic und seine Frau arbeiten beide in stationären Einrichtungen, „uns war sofort klar, dass sich meine Frau trotz kompletter Schutzausrüstung nur in der Arbeit in einem Seniorenheim angesteckt haben kann“. Seit Wochen sei die ganze Station unter Quarantäne gewesen, insgesamt 17 Bewohner und drei weitere Mitarbeiter seien infiziert gewesen.

Als Erstes entscheidet das Ehepaar selbst, dass sie und die zwei Kinder (15, 18) in Quarantäne gehen. Eine Aufforderung zur Isolation vom Gesundheitsamt gab es nicht, das zuständige Gesundheitsamt ist am Nachmittag des Silvestertages nicht mehr erreichbar. Auch eine Meldung per Mail klappt nicht, „es kommt eine Fehlermeldung zurück, das Postfach ist überfüllt“.


Auch der Hausarzt der Familie ist nicht mehr in der Ordination. „Deswegen informiere ich zumindest meinen Arbeitgeber, meine Frau tut das auch“.

Tag 2: „Bitte warten“

Am Neujahrstag versucht Cehic erneut, Hilfe und weitere Informationen vom Hausarzt oder vom Gesundheitsamt zu erhalten, „ich dachte, das Corona-Virus kennt keine Feiertage“. Das Virus mit Sicherheit nicht, Gesundheitsamt („Sie erreichen uns außerhalb unserer Geschäftszeiten“) und Hausarzt natürlich schon, beim Bereitschaftsdienst erfährt Cehic, er solle bis zum Montag warten und dann erneut beim Hausarzt anrufen. Das wären dann weitere vier Tage der Ungewissheit, „aber der Hausarzt würde auch eine Bescheinigung vom Gesundheitsamt brauchen, denn eine Krankschreibung gebe es bei einer freiwilligen Quarantäne nicht“.

Das Gesundheitsamt stellt bei seinen Recherchen allerdings fest, dass sehr wohl am 1. Januar versucht wurde mit Familie Cehic Kontakt aufzunehmen, „und zwar anhand der auf dem Befund von der Familie Cehic angegeben Kontaktdaten. Leider sind sowohl die E-Mail-Adresse, als auch die Telefonnummer falsch, aus diesem Grund kann die Allgemeinverfügung zur Quarantäneanordnung nicht per Mail versendet werden“. Es sei alleine der postalische Weg übrig geblieben, der Bescheid sei daher noch am selben Tag mit der Post abgesandt worden, allerdings bei Familie Cehic offensichtlich nicht angekommen.

Tag 3: Test in Bayrisch Gmain

Nicht wissend was das Amt unternommen hat beschließen Vater und Kinder sich am Samstag, den 2. Januar, im Corona-Testzentrum in Bayrisch Gmain testen zu lassen.

Tag 4: Vater und Kinder negativ

Am nächsten Tag, Sonntag, kommt, das Ergebnis der drei Tests per E-Mail: „Meine Kinder und ich sind alle negativ, wir sind erleichtert“. Die Freude hält nur kurz an, denn ab Sonntag verschlechtert sich der Zustand der Ehefrau, zum Ausfall der Geruchs- und Geschmacksnerven kommen jetzt noch Schnupfen, Husten und Fieber.

Tag 5: Ehefrau hat Ergebnis, Gesundheitsamt noch nicht

Am Montag, 4. Januar, Tag 5 nach dem Erhalt des positiven Corona-Tests für die Ehefrau schafft der Ehemann es endlich jemanden zumindest telefonisch im Gesundheitsamt zu erreichen, doch die Antwort fällt anders aus als erwartet. Denn, das Amt habe kein Testergebnis vorliegen, obwohl der Test durch das Gesundheitsamt Berchtesgadener Land selbst organisiert und durchgeführt wurde. Es folgt ein unglaublicher Vorwurf, ein Mitarbeiter soll gesagt haben: „Es haben schon mehr Leute versucht, sich ohne Infektion einen Quarantäne-Urlaub zu sichern. Solange wir nichts vorliegen haben, können Sie ganz normal raus, bis wir Sie anrufen“. Fahrudin Cehic ist fassungslos, „keiner fragt, wie es uns geht, während wir freiwillig in Quarantäne sind, sagt uns das Amt, wir, also auch meine Frau, sollen ruhig rausgehen“. Die offizielle Quarantäneanordnung ist allerdings für die Eheleute wichtig, denn ohne diese Anordnung können sie keinen Lohnausfall geltend machen.

Tag 6: Kein Anruf und keine Mail

Auch am Dienstag, 5. Januar, gibt es keine Nachrichten, also keinen Anruf und keine Mail aus dem Gesundheitsamt, „wir versuchen immer wieder, jemanden telefonisch zu erreichen, zumindest kann man sich während der Quarantäne nicht über Langeweile beklagen, das Gesundheitsamt zu erreichen, scheint ein Ganztagsjob zu sein“.

Tag 8: Mitarbeiter unfreundlich und überfordert?

Über eine andere Durchwahl des Gesundheitsamtes erreicht Fahrudin Cehic am 7. Januar endlich einen Mitarbeiter, doch dieser soll unfreundlich und überfordert gewesen sein, „er meinte nur, wir sollen eine E-Mail schreiben, obwohl wir das schon mehrmals gemacht hatten und seit sieben Tagen auf eine Quarantäne-Anordnung für meine Frau warteten“. Einen Rückruf noch am selben Tag könne er nicht versprechen, „wieder interessiert es den Mitarbeiter nicht einmal, wie es uns geht und ob wir versorgt sind. Langsam frage ich mich, ist die Pandemie denn schon vorbei, interessiert es wirklich niemanden mehr, die das Corona-Virus weiterverbreitet wird?“

Noch am selben Tag geht der Familienvater persönlich zum Landratsamt, der Empfang versucht ihn zuerst abzuwimmeln, „kein Eintritt, bitte telefonisch einen Termin vereinbaren“. Nach einer langen Diskussion mit dem Mitarbeiter am Eingang ging dieser mit den ausgehändigten Tests und kam nach circa einer halben Stunde wieder. Der positive Test meiner Frau sei zwar da, aber wegen einer Systemumstellung könne das Gesundheitsamt derzeit nichts machen. „Der Mitarbeiter gab mir einen vorläufigen handschriftlichen Notizzettel mit der Quarantäneanordnung und Stempel“.

Mit diesem Zettel wurde die Familie von Fahrudin Cehic in Quarantäne geschickt, bisher hat niemand gefragt, wie es der Patientin eigentlich geht.

Tag 10: Noch immer keine offizielle Quarantäne

Samstag, 9. Januar, der 10. Tag nachdem Frau Cehic von ihrem positiven Testergebnis erfahren hatte, „und wir haben noch immer keine Mail mit der offiziellen Quarantäneanordnung bekommen. Ohne den Mitarbeitern etwas unterstellen zu wollen, kann ich mir nicht vorstellen, was an so einer Anordnung so lange dauert. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Wir werden weder angerufen, noch bei meinen Anrufen nach unserem Gesundheitszustand oder Symptomen befragt“.

Der Frau gehe es jetzt immer noch schlecht, sie habe immer noch Lungenschmerzen, sie brauche keine notärztliche Hilfe, aber liege wie bei einer schweren Grippe im Bett, das habe sich so schleichend entwickelt. Sie wurde am 28. Dezember getestet, offiziell dürfte sie ab Dienstag, 12. Januar, wieder raus und auch wieder in die Arbeit, weil dann die 14 Tage seit dem 28. Dezember vorbei sind, dass sie immer noch schwer krank im Bett liegt interessiert das Gesundheitsamt wieder einmal nicht.

„Wir bedauern“

Das Gesundheitsamt fasst in seiner Stellungnahme gegenüber BGLand24 zusammen, „dass in diesem speziellen Fall zeitgleich mehrere Faktoren wie zum Beispiel falsche oder fehlende Kontaktdaten, eine Systemumstellung und die Feiertage zu den geschilderten Problemen geführt haben, die wir sehr bedauern.“

Am Dienstag dieser Woche habe es telefonisch ein „konstruktives Telefongespräch“ mit Herrn Cehic gegeben, in dem der Fall und alle offenen Fragen ausführlich hätten geklärt werden können. Tatsächlich hat Familie Cehic am 11. Januar zum ersten Mal eine Mail mit dem Quarantäne-Bescheid erhalten, das Mail liegt der Redaktion vor. Darin wird auch festgehalten, dass die häusliche Quarantäne auch nicht für freiwillige Corona-Tests verlassen werden darf.

hud

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