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Interview zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar

Auffanglager für entrechtete Menschen: Das Displaced Person Camp in Mitterfelden von 1945 bis 1947

BPFI Ausstellung „Mitten im Feld“ Esterer Rainer Charlotte Knobloch
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Oberregierungsrat Rainer Esterer im Jahr 2015 mit der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München Oberbayern, Charlotte Knobloch, in der Dokumenationsausstellung „Mitten im Feld“ am BPFI:

Displaced Persons - so wurden nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet, die sich kriegsbedingt außerhalb ihrer Heimat aufhielten. Zumeist handelte es sich um verschleppte oder geflüchtete Zivilisten. Sie wurden oft in Camps aufgefangen. Auch in unserer Region gab es solche Einrichtungen, etwa für Waisenkinder in Prien und für Erwachsene und Familien in Ainring.

Ainring - Der 27. Januar ist Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Es gibt in der ganzen Region viele Orte, die im Zusammenhang mit dem Schreckensregime der Nationalsozialisten stehen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es speziell auch in Oberbayern dann zahlreiche Camps für so genannte Displaced Persons (DP), das waren entrechtete und entwurzelte Menschen, vor allem jüdischer Herkunft. Sie wurden in diesen Camps aufgefangen, versorgt und unterstützt, eine neue Heimat zu finden.

Solche Camps befand sich zum Beispiel für Waisenkinder in Prien und für Erwachsene und Familien im Ainringer Ortsteil Mitterfelden auf dem heutigen Gelände des Fortbildungsinstituts der Bayerischen Polizei (BPFI). Wir haben uns mit Oberregierungsrat Rainer Esterer unterhalten, der sich intensiv mit der Geschichte auseinandersetzt.

Welche Historie hat das Gelände des BPFI in Ainring-Mitterfelden, bevor die Polizei das Gelände nutzte?

Rainer Esterer: Nach der so genannten Machtergreifung durch Hitler und die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 kam sehr schnell der Bedarf nach einem geeigneten Flugplatz in der Nähe des Obersalzbergs, den Hitler schon seit Mitte der 1920er Jahre regelmäßig aufsuchte, auf. Ab dem Spätsommer 1933 bis nach dem erzwungenem Anschluss Österreich 1938 wurde das Fluggelände in Ainring-Mitterfelden auf den ehemaligen Mitterfeld-Wiesen als Regierungsflughafen durch die Mächtigen des Dritten Reichs genutzt. Danach gab es Planungen für die Errichtung eines Luftwaffenstandorts in Ainring, die allerdings, obwohl die Soldatenunterkünfte in Barackenform bereits fertig gestellt waren, wieder verworfen wurden.

Ab 1940 wurde es im Wesentlichen bis zum Zusammenbruch der Nazi-Herrschaft 1945 als Forschungsstandort durch die Deutsche Forschungsanstalt für Segelflug (DfS) für zahlreiche Projekte zu Neuentwicklungen und Verbesserungen im Bereich der Luftwaffe genutzt. Ab Ende 1945 bis Anfang 1947 wurden im Auftrag der Vereinten Nationen durch die United Nation Rehabilitation and Relief Organisation (UNRA, das ist eine Unterorganisation der VN seit 1942, Hauptsitz in Arolsen bei Kassel) zwei Lager für Displaced-Persons (= entwurzelte/ entrechtete Menschen) eingerichtet. Das waren hauptsächlich jüdische Menschen, welche das Grauen des Holocausts und der Konzentrationslager überlebt haben oder aus Osteuropa vor den Pogromen, die dort nach Kriegsende stattfanden, sich in den Schutz der amerikanischen Besatzungszone begeben haben. Alleine aus Polen sind nach dem „Massaker von Kielce“ vermutlich mehr als 200.000 Menschen Richtung Westen geflüchtet.

Was war das genau für ein Camp für Displaced Persons in Mitterfelden ?

Esterer: Auf dem Gebiet der amerikanischen Besatzungszone (Bayern und nördliche Teile Baden-Württembergs) wurden in der unmittelbaren Nachkriegszeit über 100 DP-Camps von der UNRRA eingerichtet, um die entwurzelten Menschen, die fern ihrer Heimat in den Wirrnissen dieser chaotischen Zeitphase nach dem totalen Zusammenbruch mehr oder weniger sich selbst überlassen waren, aufzufangen und in ein menschenwürdiges Dasein zurück zu führen. In Ainring wurden auf dem ehemaligen Flugfeld sogar zwei Lager eingerichtet.

Eins für nur sich kurze Zeit aufhaltende und eins für längerfristig anwesende Menschen. In diesen Lagern, die übrigens unter die Selbstverwaltung der Insassen gestellt wurden, wurde nach Kräften versucht, den Menschen in allen erdenklichen Bereichen Hilfe zu Gute kommen zu lassen. Diese umfasste neben medizinischer Versorgung auch teilweise psychologische Betreuung, schulische Ausbildung für die Kinder und Fortbildungen sowie Sprachkurse für die Erwachsenen. In Ainring wurden sogar zwei jüdische Fußballvereine gegründet. Aber man darf sich die Gesamtsituation in diesen Lagern dennoch nicht allzu romantisch vorstellen. Die beiden Lager in Ainring bestanden bis Anfang 1947. Wie ich den Archiven des U.S. National Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. und der UNRRA anhand der dortigen Namenslisten entnehmen konnte, ist der Großteil der jüdischen Lagerinsassen aus Ainring über den Umweg Lager Lechfeld hauptsächlich nach Palästina, in die USA und nach Kanada emigriert. Insgesamt waren vermutlich über 3.000 Menschen im DP-Camp in Ainring.


Was ist Ihnen bekannt über die Children‘s Center in der Umgebung, speziell in Prien und Bayerisch Gmain?

Esterer: Mir ist anhand der Pläne bekannt, dass sich im südöstlichen Oberbayern eine Vielzahl an weiteren Lagern befunden haben. Es gab, wie oben beschrieben aufgrund der Flüchtlinge aus Osteuropa einen gesteigerten Bedarf an Lagerkapazitäten, um die vielen Menschen einigermaßen würdig unterzubringen. So wurden in Prien am Chiemsee und in Bayerisch Gmain Einrichtungen für die speziellen Bedürfnisse der zahlreichen Waisenkinder eingerichtet. Allerdings verfüge ich nicht über eine detailliertere Kenntnis der dortigen Umstände.


Sie haben immer noch Verbindungen zu Menschen in Israel, die in DC in Ainring geboren wurden. Welche Kontakte sind das?

Esterer: Während der etwa zweijährigen Existenzdauer der beiden DP-Camps wurden in Ainring viele Kinder in den jüdischen Familien geboren. Mein Freund Yacov Fenigshtein aus Tel-Aviv ist einer davon. Seine Eltern stammten aus Warschau und haben die dortige Verfolgung durch die Deutschen überlebt. Sie sind, wie viele andere auch, im Zuge der Judenverfolgungen in Polen in das DP-Camp nach Ainring geflüchtet. Nach der Lagerzeit in Ainring wanderte die Familie nach Palästina aus. Yacov hat dann dort Karriere in der freien Wirtschaft und an der Universität gemacht.

In einem landesweiten Aufruf 2015 in Israel, den er veranlasst hat, haben sich 17 Menschen gemeldet, die in Ainring geboren wurden. Yacov und seine Frau Rivka haben vier Kinder und mittlerweile 13 Enkel. Wir stehen über die sozialen Medien in regelmäßiger, fast täglicher Verbindung und wir haben uns, nachdem er 2013 das erste Mal seinen Geburtsort besucht hat, persönlich in Hallstatt getroffen. Coronabedingt konnten leider weitere geplante Besuche bis dato nicht stattfinden.

Warum engagieren Sie sich so in der Sache, woher haben Sie Ihre ganzen Fachkenntnisse? Sie haben auch schon den ein oder anderen Vortrag gehalten und machen Führungen in der Ausstellung „Mitten im Feld“ beim BPFI ... 

Esterer: Ich wurde als ohnehin geschichtsbegeistertes Kind sehr von Menschen geprägt, die selber die Nazi-Zeit und ihre Schrecknisse hautnah erlebt haben. Allen voran meine sehr gebildete und kluge Großmutter, die nicht genug vor den „braunen Rattenfängern“ und „Massenmördern“ warnen konnte. Es ist ihr Vermächtnis, dass ich nun versuche, einen bescheidenen Beitrag dafür zu leisten, aktiv Antisemitismus zu bekämpfen und durch Aufklärung über die spezifische Ainringer Ortsgeschichte zu verhindern, dass sich die Ereignisse der Nazi-Diktatur jemals wiederholen.


Das BPFI arbeitet diesen Teil der Vergangenheit sehr gewissenhaft in der Ausstellung „Mitten im Feld“ auf. Was ist dort zu sehen?

Esterer: Die ortsbezogene Dokumentation behandelt hauptsächlich den Zeitraum von 1933 bis 1945 auf dem ehemaligen Flugareal in Ainring und umfasst zusätzlich die unmittelbare Nachkriegszeit, wie etwa die DP-Camps, bis zur Zeit der Währungsreform 1949, als im neu entstandenen Freistaat Bayern mit sehr bescheidenen Mitteln auf dem ehemaligen Gelände des Regierungsflughafens die Bayerische Grenzpolizei-Schule eingerichtet wurde. Das gesamte Wissen wurde schon in den 1970er Jahren von Herrn Fred Müller-Romminger in bewundernswerter Arbeit zusammengetragen, archiviert und fachmännisch aufbereitet. Es ist Müller-Rommingers absolutes Verdienst frühzeitig mit den Zeitzeugen, die beispielsweise bei der Deutschen Forschungsanstalt für Segelflug beschäftigt waren, Gespräche zu führen und diese zu dokumentieren und daneben eine Vielzahl an Unterlagen, Dokumenten und Fotos zu sichern.

Ohne diese vorausschauende Leistung würden wir heute nichts von der Nazi-Vergangenheit Mitterfeldens wissen. Neben diesen technischen Aspekten und der Faktenvermittlung ist es dem Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei aber auch extrem wichtig Aufklärung über das perfide System der Nazis zu bieten. Mir ist in der Menschheitsgeschichte kein Beispiel bekannt, dass jemals zuvor ein Staat als Staatsziel die vollständige Vernichtung aller Juden angestrebt hat und dies auch in die Tat umsetzte. Man muss sich das einmal vor Augen halten, der Staat wurde hier zum Massenmörder!


Wer und wie kann diese Ausstellung besucht werden, welche herausragenden Gäste waren schon dort, wie lange gibt es sie schon?

Esterer: Die Ausstellung „Mitten im Feld“ wurde im Rahmen eines Dreierbündnisses unter fachlicher Federführung von Herrn Fred Müller-Romminger mit der Gemeinde Ainring, vertreten durch den damaligen Bürgermeister Hans Eschlberger, sowie dem Präsidium der Bayerischen Bereitschaftspolizei bereits 2007 am Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei eingerichtet. Sie befindet sich in den Räumlichkeiten des Wirtschaftsgebäudes des ehemaligen Regierungsflughafens, quasi am Originalschauplatz. Wenn die Pandemie ihr Ende finden wird, werden die geführten Besuche in der Ausstellung sicherlich wieder von jedermann, nach entsprechender Voranmeldung, besucht werden können. Hocherfreut war ich über den Besuch von Frau Dr. Charlotte Knobloch, aber auch andere prominente Personen, zum Beispiel aus der Politik, waren schon hier. Neben unserer Bayerischen Landwirtschaftsministerin Frau Michaela Kaniber war auch die jetzige Staatssekretärin im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Frau Dr. Bärbel Kofler, damals noch als Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, gerne gesehener Gast. Auch hochrangige Polizeibeamte aus aller Herren Länder und Forschende waren bereits hier.

Als besonders herausragenden Vertreter möchte ich hier Herrn Harald Sandner aus Coburg benennen. Herr Sandner hat in jüngster Vergangenheit neben „Hitler- das letzte Jahr“ ein Aufsehen erregendes Monumentalwerk, das so genannte „Itinerar“, nach über zwanzigjähriger Forschungsarbeit, veröffentlicht. Einen sehr interessanten Besuch erhielt ich auch von dem bekannten Buchautor Johannes K. Soyener, der wegen Recherchen zu seinem Krimi „Toteissee“, den er im Zuge der tausendjährigen Gründungsfeier der Stadt Rosenheim geschrieben hat, in unsere Ausstellung kam. Wir hatten damals gemeinsam mit der Wasserschutzpolizei in Prien einen Zusatztank für amerikanische Kampfflieger aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Chiemsee geborgen, der sich in der Ausstellung befindet, was damals durch die Presse ging und Herrn Soyer auf uns aufmerksam machte.


Die Ausstellung ist vom IFZ wissenschaftlich begleitet worden, warum und wie? Es gibt über das IFZ auch eine Zusammenarbeit mit der Dokumentation am Obersalzberg mit dem BPFI, in welcher Form? 

Esterer: Die Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte ist für uns ein zentral wichtiges Anliegen. Wir haben ständigen Kontakt über unsere Seminare, die regelmäßig die Führungen auf dem Obersalzberg besuchen und darüber hinaus einen sehr freundschaftlich geprägten fachlichen Austausch bis hin zur Führungsetage des IfZ, die uns immer wieder bei unseren Tagungen mit Fachbeiträgen unterstützt. Aus meiner Sicht ist es gerade heute sehr wichtig, dass durch Geschichtskenntnisse ein Beitrag dazu geleistet wird, dass innerhalb der Polizei feinfühlige Antennen zur Erkennung rechtsradikaler, dem Nazi-Gedankengut nahe stehender Bestrebungen entwickelt werden. Nach meinem Verständnis muss der Rechtsstaat frühzeitig und entschlossen gegen jegliche Form von Radikalismus, Rassismus und insbesondere von Antisemitismus vorgehen können.

Was die Ausstellung „Mitten im Feld“ belangt, so hätten wir ohne die wissenschaftliche Expertise und die hilfreichen Tipps der Fachleute von der Dokumentationsstelle auf dem Obersalzberg wahrscheinlich schwer damit getan, uns so objektiv an das Thema Nationalsozialismus im Berchtesgadener Land mit unserer Ausstellung heranzutrauen.  


In der Fortbildung der Polizei spielt das Thema Nationalsozialismus, Holocaust und so weiter auch eine Rolle. Warum und speziell in welchen Unterrichten? 

Esterer: Die Geschichtskenntnisse liefern einen wesentlichen Beitrag im Verständnis von aktuellen Vorgängen im Zusammenhang mit extremistisch geprägten Gruppierungen und Personen. Im Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei beschränken wir uns allerdings nicht nur auf die Vermittlung von Geschichtswissen oder Entstehungshintergründen in Bezug auf das Dritte Reich, sondern auch auf die anderen Bereiche. Denken Sie hierbei an Formen des Extremismus, der sich in religiöse Deckmäntel hüllt, wie beispielsweise den Islamismus und natürlich auch den Linksextremismus. Die Unterrichte hierzu finden in den unterschiedlichsten Seminaren für die Spezialisten der Kriminalpolizei und des Staatsschutzes statt.


Frau Knobloch und bis zu seinem Tod auch Max Mannheimer waren mehrfach am BPFI, warum? 

Esterer: Es gibt eine lange Tradition an unserem Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei, herausragende Persönlichkeiten zu den verschiedensten Veranstaltungen und Diskussionsrunden einzuladen. Benennen möchte ich hier nur die seit 20 Jahren regelmäßig stattfindenden „Ainringer Ostertage“. Das ist eine internationale Veranstaltung zu aktuellen gesellschaftlichen und sicherheitsrelevanten Themen und mit Teilnehmenden aus über 20 Ländern. Der Dialog mit diesen Persönlichkeiten der aktuellen Zeitgeschichte ist für den unvoreingenommenen Blick einer demokratisch tief verwurzelten Polizei auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Entwicklungen und Strömungen entscheidend wichtig. Frau Dr. Knobloch und Herr Max Mannheimer haben es bei ihren Besuchen immer wieder geschafft, mit ihren Lebenserfahrungen, Statements und klugen Ratschlägen die Teilnehmenden zu inspirieren. Erfreulicherweise streben auch diese Personen von sich aus den Kontakt und proaktiven Austausch mit der Bayerischen Polizei an und kommen immer wieder gerne zu uns nach Ainring.

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