Kommentar zum WM-Mord-Prozess

Morgen fällt endlich das Urteil!

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Genau aus dieser Perspektive hatte unser Reporter Xaver Eichstädter den Angeklagten im Blick. Jeden langen Prozesstag aufs Neue.

Traunstein - Nach fast drei Monaten fällt am Freitag das Urteil gegen Christoph R. - "endlich", meint Xaver Eichstädter: Er war an jedem Prozesstag dabei und wirft einen Blick zurück. Ein Kommentar:

Es war jeden Prozesstag aufs Neue ein irgendwie seltsamer Anblick: Links und rechts breite Polizisten und in der Mitte dieses "Bürscherl". Blond, pausbäckig, schüchterner Blick und gerade mal 1,71 Meter groß. So kam er immer wieder in den Gerichtssaal geschlurft. Am Anfang schüttelten viele nur den Kopf: "Der soll das gemacht haben?" Ja, er hat es gemacht - das bezweifelt niemand: An die 30 Messerstiche auf einen Reichenhaller Rentner. Er starb. Zwölf Messerstiche auf eine 17-Jährige. Heute ist sie auf dem linken Auge blind.

Wollte er eine Show abziehen?

Hinweis:

Wir berichten morgen wieder aktuell aus dem Gerichtssaal und verkünden das Urteil, sobald es gesprochen ist.

Am morgigen Freitag wird Christoph R. verurteilt - endlich! Die Tage auf der Reporterbank im Traunsteiner Landgericht waren für mich einerseits spannend und interessant, andererseits waren sie auch schlicht und einfach grausam. War es eine Show, die der Ex-Soldat uns bieten wollte? Jeder andere Angeklagte legt wert auf seine Persönlichkeitsrechte - Christoph R. pfeift drauf. Seine Fotos und Videos konnten wir unverpixelt veröffentlichen. Dass ein Angeklagter die Aussage verweigert ist sein gutes Recht und kommt immer wieder vor - Christoph R. aber inszenierte seine Verschwiegenheit förmlich, wollte sich cool und erhaben geben.

16 Prozesstage werden es schließlich gewesen sein, bis er verurteilt ist. Zwei davon werde ich nie vergessen: Als der Gerichtsmediziner berichten musste, wie oft das Kampfmesser in die Körper der Opfer eindrang - in welche Stellen, wie tief, wie oft, wie fest. Schrecklich, allein die Worte zu hören. Die Bilder im Kopf konnte man dabei leider nicht ausschalten. Auf andere Weise unvergesslich war der Auftritt von Sarah F. Diese junge Frau war so stark im Gerichtssaal, berichtete geduldig vom schlimmsten Moment ihres Lebens - doch als sie ihrem Peiniger in die Augen blicken musste, schien die Zeit in Traunstein still zu stehen. Nach fünf Sekunden brach die junge Frau in Tränen aus, brachen Zuschauer im Gericht in Tränen aus.

Es hilft nichts: Christoph R. ist alles andere als reif

Unser Volontär Xaver Eichstädter begleitete den Prozess gegen Christoph R. von Anfang an.

Welche Strafe hat Christoph R. verdient? Man muss sich tatsächlich zusammenreißen, um bei dieser Frage klare Gedanken fassen zu können. Aber auch wenn die Taten noch so bestialisch waren: Im Juli 2014 war Christoph R. 20 Jahre alt. Er gilt damit als Heranwachsender - das Gericht musste sich daher mit der Frage beschäftigen, ob er schon erwachsen ist oder eher noch einem Jugendlichen gleicht. Zwei psychologische Gutachter, die Jugendgerichtshilfe und die Staatsanwaltschaft sehen in Christoph R. einen Jugendlichen. Auch wenn man diesem Bengel lieber ein Jahr zu viel als zu wenig im Gefängnis wünscht: Sie haben recht. Mit einem wirklich erwachsenen Menschen, der klare Lebensziele verfolgt und tatsächlich "ausgereift" ist, hatten wir es nie zu tun.

Als das Gericht Videos vom Angeklagten und seinen Kameraden auf der Stube zeigte, nur wenige Tage nach der Tat, fühlte ich mich eher an meinen Ausflug ins Landschulheim erinnert - erwachsene Männer waren darauf nicht zu sehen. Die Schwere der Tat, die geballte Brutalität macht Christoph R. (leider) nicht reifer - und allein um seine Reife geht es schließlich bei der Frage, ob nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht geurteilt wird.

Kein glücklicher Auftritt der Bundeswehr

"Alt genug um mit der Waffe in der Hand das Land zu verteidigen, aber jung genug für Jugendstrafrecht?" Auch diesen Spruch hörte man im Zusammenhang mit dem WM-Mord-Prozess oft. Doch allein die Tatsache, dass Christoph R. Soldat war, kann für das Gericht keinen Ausschlag geben. Auch das macht ihn nicht erwachsener. Viel mehr spricht es gegen seinen früheren Arbeitgeber: Die Bundeswehr hat durch den Prozess einen weiteren Imageverlust zu ertragen. Ganz abgesehen davon, dass ein Ex-Soldat auf der Anklagebank saß - seine früheren, ranggleichen Kameraden haben sich vor dem Richter alles andere als mit Ruhm bekleckert: Kaum ganze Sätze, mehr Nuscheln als klare Worte, Erinnerungslücken und Widersprüche wohin man schaut.

Perspektive hat Christoph R. nun so oder so keine

Welches Urteil wird am Freitag gefällt? Das Gericht wird sich wohl an die Empfehlungen der Gutachter halten und Christoph R. nach Jugendstrafrecht verurteilen. Alles andere wäre eine Überraschung. 15 Jahre sieht das Gesetz bei Bluttaten wie diesen höchstens vor. Ich schätze, dass sich das Urteil sehr nah an dieses Maximum heranwagen wird. Wenn Christoph R.s Haft beendet ist, ist er Mitte 30. Gut möglich, dass dann die Sicherungsverwahrung auf ihn wartet. Die Perspektiven eines jeden anderen 21-Jährigen sehen anders aus: Dass sich Christoph R. sein Leben wahrscheinlich bis auf alle Tage völlig verbaut hat, geschieht ihm zurecht.

Schon nächste Woche jährt sich die WM-Nacht. Auch seit Prozessbeginn sind bereits knappe drei Monate vergangen. Gut, dass dieses Kapitel nun beendet werden kann. Ich wünsche Sarah F. und allen Angehörigen der Opfer weiterhin viel Kraft. Doch eines wissen auch sie ganz genau: Christoph R. hat seine Taten weder gestanden, noch hat er sich dafür entschuldigt.

Verfasst von Xaver Eichstädter (xaver.eichstaedter@ovb24.de)

Quelle: rosenheim24.de

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