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Liebeserklärung an die "Boazn"

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Vier klassische Beispiele aus Traunstein: Freiberger, Kriegenhofer, Gerard's Geheimrat, Hundskugel (von oben links nach unten rechts. Zum Vergrößern bitte hier klicken.)

Den besten Ruf hat sie natürlich nicht, die Boazn - aber jede dafür ihren eigenen Reiz und eine eigene Geschichte. Eine Hommage an die alteingesessene Kneipe:

Kommentar von Xaver Eichstädter

"Auweh! Da trinkst Dein Bier aber lieber aus'm Flaschl" - so bekam ich es damals zu hören, als den Eltern am Wochenende noch Bescheid gesagt wurde, wo es am Abend hin geht. Man weiß ja schließlich nicht, wie es "da" um die Hygiene steht...

Es mag ja sein: Der Ruf der "Boazn" ist nicht der allerbeste, etwas zweifelhaft und angestaubt vielleicht. Aber in der leicht abwertenden Bezeichnung schwingt auch etwas Liebevolles mit: Gemütlichkeit, ein Sich-heimisch-fühlen - ein zweites Wohnzimmer. Die alteingesessene Kneipe hat durchaus ihren Reiz, ist aber nicht vergleichbar mit Traditionswirtshäusern oder billigen Bars, wie sie immer wieder aus dem Boden schießen. Die Boazn hat Charme! Und dass es anständig zugeht, dafür sorgt der Wirt hinter dem Tresen, der ein Auge auf seine Gäste hat und ein strenges Regiment führt, wenn's sein muss.

Am Tresen kommt alles zam

In meiner Boazn kommt am Tresen alles zam: Der Harfenbauer, die Sozialpädagogin, der Werbemensch... und ob dieser Typ mal wieder vorbeischaut, der behauptet, er hätte ein Überflugsverbot über Griechenland? Im Nebenraum stand mal ein Dartautomat, die verbogenen Plastikpfeile hängen aber noch immer an der Wand. Der zusammengeschossene Holzkicker hält sich dagegen wacker. Gespielt wird des Öfteren, aber ein größeres Turnier ausrichten? Nein, dazu fehlt die Motivation - lieber nach einer Runde plus Revanche wieder gemütlich zum Ratschen an die Bar. Und bevor uns die liebe Wirtin schlussendlich heimschickt, gibt's als Wegzehrung Schokoriegel und Gummischlangen.

Zeitgleich mit dem Rauchverbot 2010 wurde allerorts geschimpft, Studien sprechen immer wieder vom Kneipensterben. Zumindest bei mir in Traunstein hat sich aber so gut wie jede gehalten. Auf die Stammkundschaft scheint Verlass zu sein, auch wenn draußen geraucht werden muss.

Bloß keine Veränderungen!

Gefahr für die Umsätze droht wenn dann durch Veränderungen im "zweiten Wohnzimmer", zum Beispiel am Inventar. Dann kann es kritisch werden. Eine Anekdote meiner "Wirtin des Vertrauens": Vor etlichen Jahren war sie der Meinung, die Abstellfläche auf dem Tresen müsse erneuert werden. Gedacht, getan. Einigen Tresen-Stammgästen war das aber gar nicht recht - und boykottierten "ihre Boazn" für ein paar Wochen: "Wie kannst Du nur die alte Bar einfach austauschen?" Natürlich kehrten sie wieder zurück - aber lachen und den Kopf schütteln musste ich bei dieser Geschichte trotzdem.

Geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Traunstein - unser Volontär Xaver Eichstädter ist in der Großen Kreisstadt schon auf fast jedem Barhocker gesessen.

Seit dieser Erzählung ist einiges Wasser die Traun hinuntergeflossen, Kleingeld und Biergläser haben ihre Spuren auf dem "neuen" Tresen hinterlassen - und ich befürchte: Wenn sie jetzt wieder auf die Idee käme, einen neuen Tresen einzurichten, wäre ich wohl der Erste, der an Boykott denkt - um letztlich doch wieder reuig zurückzukommen. Denn seiner Boazn hält man die Treue! Und auf die Gummischlangen auf dem Heimweg will ich schließlich auch nicht verzichten...

Verfasst von Xaver Eichstädter (xaver.eichstaedter@ovb24.de)

Dieser Kommentar muss nicht die Ansicht der gesamten Redaktion widerspiegeln.

Quelle: rosenheim24.de

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