Quitten - Was ist dran an den pelzigen Dingern?

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Birnen-Quitten sehen Birnen zum Verwechseln ähnlich - wenn die pelzige Haut nicht wäre.

Würzburg - Es war eine Entdeckung. Und geschah 1999 am Würzburger Hexenbruch: Zum ersten Mal sah Marius Wittur einen Quittenbaum.

Was ist dran an der Quitte?

Für viele Obstliebhaber gehört die Quitte zu den feinsten Früchten des Obstgartens. Quitten, über die Wohnung Geschätzt war die Quitte schon im Altertum und wurde nachweislich erstmals vor ca. 6.000 Jahren von den Babyloniern kultiviert. Quitten sind reich an Kalium (prima bei Müdigkeit oder Schwächegefühlen), Vitamin C (mehr als Äpfel) und Ballaststoffen.

Der gelernte Baumpfleger mit seinen 26 Jahren war längst ein erfahrener Park- und Obstbaumkenner, dem keine hiesige Art mehr unbekannt schien. Und nun das: eine unbekannte Spezies! „Wenn’s einen Baum gibt, gibt’s hier sicher noch mehr davon“, dachte er. Und hielt von da an Ausschau nach ihnen. Und in der Tat: Es gab sie, oftmals allerdings in wucherndem Gesträuch versteckt. Eine Entdeckung war es in der Tat. Denn fast überall in Deutschland war der einst weit verbreitete Quittenbaum aus Garten und Landschaft verschwunden. Die Fachwelt war desinteressiert: Baumschulen hatten, wenn überhaupt, ein, zwei Sorten im Angebot; und die Obstkundler, die Pomologen, verzeichneten nur fünf Sorten. Hier aber, im fränkischen Weinland, gab es noch Quittenbäume, manchmal in Gärten, da und dort im öffentlichen Raum und vor allem im Wildwuchs entlang des Mains, besonders um das Weinstädtchen Volkach herum.

Wahre Quittenleidenschaft

Rezept für Quitten-Konfekt:

In spanisch- und portugiesisch-sprachigen Ländern ist Quittenbrot (Dulce) eine beliebte Wintersüßigkeit. Dazu bereitet man ein Quittenmus: 750 g Quitten weich kochen, durchpassieren, 1:1 mit Gelierzucker 2 Minuten aufkochen. Diese Masse streicht man dann ca. 1 cm dick auf ein Backblech, lässt sie ein paar Tage trocknen (Ofendörrung geht schneller, ist aber überflüssig) und schneidet sie in kleine schokoladenstückgroße Rauten, die man zuletzt in Zimt-Zucker wendet. Das ungewöhnliche Konfekt hält einige Wochen ohne Konservierung.

Die Quitte hatte Marius Wittur derart gepackt, dass er beschloss, nach Unterfranken zu ziehen, wo er 2003 in Untereisenheim heimisch wurde. In ihrer Freizeit, also am Wochenende, reisten, radelten und wanderten Marius und seine Gefährtin Leonie Wright durch die Region, suchten, bestimmten und kartografierten Quittenbäume. Was aber Marius Wittur immer mehr fesselte, war die Entdeckung, dass es hier eine Vielzahl von unbekannten Sorten der Gattung Cydonia gab.

Nun ging das Forschen erst richtig los. Hilfreich dabei waren die Quittenkundlerin und Autorin Monika Schirmer, die Veitshöchheimer Landesanstalt für Wein- und Gartenbau, aber auch - vor allem bei den autochthonen lokalen Sorten - die alten Leute, die diese Bäume einst bewirtschaftet hatten. Zu einer Fundgrube wurden dabei die längst aufgegebenen, nördlich orientierten Hanggrundstücke am Prallufer des Mains bei Astheim, einem Ortsteil von Volkach. Wittur und Wright beschlossen, diese Sortenvielfalt zu retten. Und sie begannen, Flächen zu pachten bzw. zu kaufen. Dann verjüngten sie die Bäume, gaben ihnen wieder Licht und Luft. Eine harte Arbeit war das, körperlich hart, aber auch hart hinsichtlich der Arbeitsbedingungen bei Wind und Wetter, bei Schnee und Eis. Dabei reifte eine neue Idee: Wir gründen ein Unterfränkisches Rekultivierungsprojekt alter Quittensorten. Das war 2003.

 

Das Quittenrettungsprojekt

Quitte als Heilmittel:

Wie angenehm, wenn etwas so Delikates wie die Quitte auch noch gesund ist.  Besonders beliebt war früher der Quittenschleim: Dazu setzt man 1 Teil unzerkleinerte Quittenkerne und 8 Teile Wasser an und lässt das Ganze eine halbe Stunde stehen. Den dabei entstandenen Schleim füllt man dann ab. Quittenschleim gab es früher in Apotheken, äußerlich gegen Sonnenbrand, spröde Haut und entzündete Augen; innerlich bei Halsweh und Bronchitis sowie Magen- und Darmschleimhaut-Entzündungen. Da Quitten massenhaft Pektin enthalten (einen sehr wirkungsvollen Ballaststoff), senken alle Quittenprodukte den Cholesterinspiegel.

Das Projekt basierte auf der Idee eines dezentralen Bestandschutzes „der gehegten Kleinode, um die seit Jahrhunderten in Franken heimische Quitte dort platziert zu lassen, wo sie den Menschen an Ort und Stelle zum Riechen nah bleibt“, sagt Marius Wittur. Doch ein solches Projekt wollte auch finanziert sein. Und hier hatte er eine weitere Idee: Wir erzeugen mit unseren Früchten einen Quittenwein. Immerhin hatten diese Möglichkeit schon die alten Ägypter entdeckt. Und auch die Römer kannten längst Quittenwein, wie Plinius (23 - 79 n. Chr.) in seinem Naturkundebuch beschreibt. Mustea hieß die römische Mostquitte. „Heureka“, dachte da Wittur, „das ist der Name für meinen Quittenwein“.

Quitten bezaubern nicht nur den Gaumen, sondern auch das Auge.

Einen Teil seiner Kenntnisse bezog er von dem Nordheimer Slow Food Mitglied, Bio-Winzer und Edelbrenner Manfred Rothe, bei dem Wittur arbeitete. Das Apfelweinmachen kannte er aus seiner Taunusheimat. Mit diesem Wissen begann er 2003 ganz für sich allein mit der Vinifizierung seiner ersten Ernte. Und der Wein gelang. Noch besser wurde der des Jahres 2004, sein erster Wein der Marke Mustea. Später kamen ein Quitten-Barrique und ein Quitten-Secco hinzu. Die Qualität der Weine war so überzeugend, dass jeder Jahrgang rasch ausverkauft war. Weitere Quittenbestände-Flächen für die Vermehrung der Sorten konnten gepachtet werden. Inzwischen hatte Wittur rund 30 Sorten bestimmt, darunter eine Reihe lokaler Sorten, wie z.B. die Astheimer Perlquitte, ein Kandidat der Slow Food Arche des Geschmacks.

Ein Quittenlehrpfad für alle

Quitten können selbst im ungepflegten Zustand erstaunlich fruchten.

Eine weitere Idee drängte auf Verwirklichung: „Dieser Astheimer Nordhang ist ideal für einen Quittenlehrpfad“. Gedacht ist bei Wittur auch getan. Und so legte er gemeinsam mit Leonie Wright aus eigenen Mitteln diesen vier Kilometer langen Pfad mit 12 Thementafeln an. 100-jährige Baumgreise stehen dort, deutschlandweit die ältesten kultivierten Quittengehölze, wurzelnd zwischen Flurgrundstücken des 18. Jahrhunderts - fast unveränderte einstige Lehen des Astheimer Klosters und Heimat für 70 Wildpflanzen und 55 Vogelarten. Inzwischen war auch der Landschaftspflegeverband aufmerksam geworden und erbot sich, die Wittur’schen Holz- durch Metalltafeln zu ersetzen.

Der Ruf Witturs als Retter und Herr der Quitten hatte die Grenzen der Mainschleife längst überschritten. Von immer weiter entfernten Regionen kamen Anfragen und Angebote. Und so wurde aus dem unterfränkischen ein fränkisches Rekultivierungsprojekt alter Quittensorten. Heute arbeiten die beiden Quittenretter ausschließlich im eigenen Betrieb, der neben der Quittenwein-Produktion auch eine eigene Quitten-Baumschule umfasst, in der aktuell über 50 Quittensorten veredelt und vermehrt werden, darunter 20 lokale und regionale - zweifelsfrei ein weltweit einzigartiges Angebot. Und geradezu ehrenamtlich ist sein Angebot der Pomologie: die Sortenbestimmung im Oktober, wenn man ihm Früchte und Blätter plus bestimmte Informationen kostenfrei zuschickt.

(djd)

Quelle: rosenheim24.de

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