Ticker zum Nachlesen: Erster Prozesstag um das Zugunglück bei Bad Aibling

"Wir hätten es schöner gefunden, wenn er sich geäußert hätte"

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Traunstein/Bad Aibling - Am Donnerstag lief der erste Prozesstag um das Zugunglück von Bad Aibling. Der Fahrdienstleiter ist wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung angeklagt. Er ließ gleich zu Beginn von seinen Anwälten ein Geständnis verlesen, entschuldigte sich jedoch selbst bei den Opfern. *Video-Interview mit Nebenklageanwalt Peter Dürr folgt*

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Die Fakten im Überblick:

  • Der Frontalzusammenstoß zweier Nahverkehrszüge am 9. Februar 2016 war eines der schwersten Bahnunglücke der deutschen Nachkriegsgeschichte. 
  • Der 40-jährige Fahrdienstleiter muss sich wegen fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung vor dem Landgericht Traunstein verantworten. 
  • Der Angeklagte räumte nach Verlesung der Anklageschrift ein, das Fantasy-Rollenspiel „Dungeon Hunter 5“ auf seinem Handy gespielt, die Signale falsch gesetzt und auch den Notruf falsch abgesetzt zu haben - dies führte zum fatalen Zugunglück Bad Aibling
  • Angeklagter Michael P. richtete einige Worte an die Opfer und Hinterbliebenen des Zugunglücks und entschuldigte sich
  • Eines der Kernergebnisse der Kripo-Ermittlungen: Der Fahrdienstleiter spielte in fast jedem Dienst stundenlang auf seinem Smartphone
  • Die Auswertung des Minutenprotokolls ergab: Zwischen Absetzung des Notrufs und der Kollision vergingen 36 Sekunden - das Zugunglück von Bad Aibling war somit unvermeidbar
  • Angeklagten Michael P. hatte kurz nach dem Unglück weder Alkohol noch Drogen im Blut
  • Am ersten Prozesstag wurden drei Polizeibeamte und ein Rechtsmediziner gehört
  • Insgesamt sind noch sechs weitere Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll am 5. Dezember verkündet werden.

++ Ticker aktualisieren ++

++ Auch am Montag berichten wir wieder LIVE aus dem Gerichtssaal vom zweiten Prozesstag um das Zugunglück von Bad Aibling ++ 

Der Live-Ticker vom ersten Prozesstag zum Nachlesen:

++ Nach der Aussage des Gutachtens wurde die Sitzung für heute beendet. Der Prozess wird am Montag den 14. November fortgesetzt. Dann sollen insgesamt zehn Zeugen aussagen, dabei sind unter anderem Bahnmitarbeiter sowie ein Mitarbeiter der Handyspiel-Firma.  ++

Rechtsanwalt Peter Dürr im Interview

Nebenklagevertreter Peter Dürr aus Rosenheim äußerte sich im Anschluss an den ersten Prozesstag zu den Entwicklungen der Verhandlung:

15.06 Uhr: Nun geht alles sehr schnell. Als weiterer Zeuge wird nun ein Gutachter gehört. Der Rechtsmediziner Prof. Dr. med. Matthias Graw vom Rechtsmedizinischen Institut der LMU München präsentiert nun sein Gutachten zu den Todesursachen der Verstorbenen. Bei allen zwölf Opfern bestehe ein eindeutiger kausaler Zusammenhang zwischen Unfall- und Todesursache. Deutlich mitgenommen verfolgt Angeklagter Michael P. die Verlesung dieses Gutachtens. Auch für die Angehörigen ist die Aussage des Gutachters erschütternd, es fließen Tränen im Gerichtssaal.

Fahrdienstleiter hatte weder Alkohol noch Drogen im Blut

14.55 Uhr: Dritter Zeuge ist nun ein weiterer Polizist der Rosenheimer Polizei. Dieser war am Unglückstag mit zwei Kollegen an der Unfallstelle. Dort bekam er unter anderem die Anweisung einen Leichnam abzudecken.

Der Fahrdienstleiter Michael P. (rechts) betritt am nach der Mittagspause den Sitzungssaal des Landgerichts mit seiner Anwältin Ulrike Thole (Mitte).

Um 8.30 Uhr habe er dann den Fahrdienstleiter im Stellwerk aufgesucht. Dort sollte er Akten sichern. Der Angeklagte sei zu diesem Zeitpunkt nicht mehr seiner Tätigkeit nachgegangen, eine Ablöse und der erste Bezirksleiter der Bahn waren schon vor Ort. Die Atemalkoholkontrolle beim Angeklagten habe nach Aussage des Zeugen einen Wert von 0,0 Promille ergeben. Außerdem habe er keine besonderen Auffälligkeiten im Stellwerk vorgefunden. Den Fahrdienstleiter beschreibt er zu diesem Zeitpunkt so: "Er war schockiert, angeschlagen, sagte jedoch nichts."

Laut unserer Reporterin im Gerichtssaal, wirkte der Angeklagte während dieser Aussage nervlich sehr angeschlagen gewirkt, zeitweise sogar schockiert.

14.45 Uhr: Als weiterer Zeuge sagt ein Polizeihauptmeister der Bundespolizeiinspektion Rosenheim aus. Er selbst war zwar nicht im Stellwerk, aber an der Unfallstelle des Zugunglücks von Bad Aibling. Um 7.30 Uhr sei er an der Unfallstelle eingetroffen, wo ihm erst das Ausmaß der Katastrophe bewusst wurde. Er berichtete von großem „Chaos“, das vor Ort herrschte. Die Rettungsmaßnahmen seien um diese Zeit bereits in vollem Gange und die Ermittlungstätigkeiten äußerst schwierig gewesen. Seine Aufgabe sei gewesen, Bilder von der Unfallstelle zu machen.

14.25 Uhr: Im weiteren Verlauf der Verhandlung wurde gezeigt, wie das Notruftelefon funktioniert: Man muss erst eine rote Notruftaste drücken, dann erscheinen auf einem Display zwei verschiedenen Tasten - einmal für „Strecke“, mit der man die Zugführer und eine Taste mit der man die Fahrdienstleiter erreicht.

Welchen Eindruck machte der Angeklagte auf den Zeugen?

Wie der Zeuge auf Nachfrage berichtete, sei der Angeklagte in den Vernehmungen durch die Rosenheimer Kriminalpolizei kooperativ gewesen. Der Zeuge habe jedoch rein subjektiv den Eindruck gehabt, dass sich der Angeklagte des Ausmaßes der Katastrophe zuerst nicht bewusst war.

Die Vernehmung des ersten Zeugen (ein Polizeibeamter der Kriminalpolizei) ist vorerst abgeschlossen, er wurde aber noch nicht entlassen, um für weitere Fragen zur Verfügung stehen zu können.

14.07 Uhr: Die Verhandlung zum Zugunglück bei Bad Aibling wurde nach der Mittagessen inzwischen wieder aufgenommen. Der Saal ist deutlich leerer als am Vormittag. Es geht weiter mit der Aussage des Polizeibeamten der Rosenheimer Kriminalpolizei.

++ Die Verhandlung ist jetzt für die Mittagspause unterbrochen. Um 14 Uhr geht es weiter mit der Vernehmung der Polizisten ++

Kurze Zusammenfassung des bisherigen Prozesstages im Video

13 Uhr: Nachdem der Angeklagte sich selber in der Verhandlung nicht zu den Details äußern möchte, wurde der Beamte der Kriminalpolizei von Richter Erich Fuchs zur Vernehmung des Fahrdienstleiters befragt. Bei der ersten Vernehmung am 15. Februar sei laut dem Beamten das Handy noch nicht Gegenstand der Vernehmung gewesen. „Ich hätte mich vergewissern sollen, dass die Strecke frei ist, das habe ich nicht getan“ soll der Angeklagte in der Vernehmung ausgesagt haben.

Chronologie der Ereignisse: Das geschah in den Stunden und Tagen nach dem Zugunglück

Bei einer weiteren, späteren Vernehmung habe der Angeklagt dann angegeben, dass er das Handyspiel "Dungeon Hunter 5" kenne, das Telefon jedoch nur im Raum gelegen habe. Seine Ehefrau sagte in diesem Zuge offenbar aus, dass das Handy auch gehackt worden sein könnte.

"Zwischen Absetzung des Notrufs und der Kollision vergingen 36 Sekunden"

12.50 Uhr: Die zeitliche Auswertung bei der Aussage des Kriminalbeamten geht weiter: Um 6.30 Uhr wurde die Sturmwarnung aufgehoben. Um 6.38 kaufte der Angeklagte in dem Spiel laut Aussage des Zeugen aktiv etwas ein. Genau zu diesem Zeitpunkt passierte dann der erste Fehler: Er erteilte dem Zug aus Kolbermoor freie Ausfahrt. Um 6.40 Uhr tätigte er die letzten Spielhandlungen. Er kehrte daraufhin in das Hauptmenü zurück. Das Spiel war noch bis 6.45 Uhr noch offen. Ob er bis zu diesem Zeitpunkt noch gespielt hat, sei nicht nachzuvollziehen.

Nach Ansicht des Kriminalbeamten habe der Angeklagte das zweite falsche "Zs1"-Signal gegeben, weil er bei der Sturmwarnung von einer sogenannten Phantomstörung ausgegangen sei.

Nur ein Teil aller geführten Akten nach dem Zugunglück.

Um 6.46 wurde der erste Notruf abgegeben. Um 6.47 Uhr schließlich der zweite. Zwischen dem Absetzen des Notrufs und der Kollision vergingen 36 Sekunden, so der Kripo-Beamte. Der eine Zug war zu diesem Zeitpunkt 870 Meter von der Kollisionsstelle entfernt, der andere 959 Meter.

Beide Triebwerkführer reagierten noch mit einer Notbremsung, konnten damit das schreckliche Zugunglück von Bad Aibling jedoch nicht mehr verhindern.

12.35 Uhr: Anhand eines Zeitstrahls werden im Verlauf des Prozesses die relevanten Handlungen im Handyspiel "Dungeon Hunter 5" und die des Fahrdienstleiter dargestellt. Dabei wird gleichzeitig darauf eingegangen, wie sich beide Züge während dieser Zeit fortbewegten.

Um 4.45 beginnt der Dienst des Angeklagten. Um 5 Uhr erfolgte dann der erste Eintrag in das Fernsprechbuch. Um 5.11 Uhr startete er das Handyspiel, das ausschließlich online gespielt werden kann.

Angeklagter spielte nicht zum ersten Mal während des Dienstes

11.58 Uhr: Der Zeuge von der Kripo Rosenheim äußert sich nun auch zu der Handynutzung des Angeklagten. Bei den Ermittlungen sei ein erhöhter Akkuverbrauch und erhöhte Datenverbindung festgestellt worden. Aus diesem Grund wurde es dann an das Bayerische Kriminalamt zur Überprüfung weitergegeben. Dort sei dann das Handyspiel herausgefunden worden und die Herstellerfirma des Spieles kontaktiert. Die Handlungsschritte des Spielers dieses Spieles werden laut Hersteller protokolliert.

Wie in der weiteren Aussage des Zeugen bekannt wird, spielte der Angeklagte nahezu jedes Mal wenn er Dienst hatte dieses Handy-Spiel. „Sehr viele Spielzeiten decken sich mit den Dienstzeiten“. Der Angeklagte zeigt zu den Erkenntnissen, dass er nicht zum ersten Mal das Handy-Spiel während seiner Dienstzeit spielte, laut unserer Reporterin vor Ort keine auffällige Regung. Er folge dem Prozess aber aufmerksam.

11.50 Uhr: Der Zeuge äußert sich im Laufe seiner Aussage auch zu einer angeblichen Sturmwarnung, die im Vorfeld des Prozesses zum Zugunglück von Bad Aibling für Ungereimtheiten sorgte. Es habe zwar eine Sturmwarnung gegeben, diese habe aber keinen Einfluss auf das ganze Geschehen gehabt, erklärt der Kriminalbeamte auf Nachfrage von dem Vorsitzenden Richter Erich Fuchs.

Empfangsmelder hätte Unglück verhindern können

11.40 Uhr: Laut des Zeugen der Kripo Rosenheim sei man bei dem Verfahren auf eine Vielzahl diverser Gutachter angewiesen gewesen. Alkohol, Medikamente und Drogen haben laut des Zeugen jedoch keinen Einfluss auf das Unglück gehabt. Die toxikologische Untersuchung verliefe negativ. Der Angeklagte sei nach dem Unfall mehrfach vernommen worden. Sein Handy sei beschlagnahmt worden, diverse technische Geräte wurden sichergestellt, Funksprüche aus den Zügen, Videoüberwachungen und GPS-Daten wurden ausgewertet. 

Als Ergebnis hält der Polizeibeamte fest: Ein technischer Fehler könne ausgeschlossen werden, da die Technik noch am Vortag überprüft worden sei. Ein Apparat, ein sogenannter Erlaubnisempfangsmelder (meldet, dass die Strecke belegt ist) hätte den Unfall vielleicht verhindern können. Dieser war aber wegen fehlender Mittel nicht im Stellwerk installiert. Der Apparat wäre laut Kriminalbeamten eine zusätzliche Stütze gewesen.

Fahrdienstleiter ist offenbar auf Bildfahrplan in Zeile verrutscht

Auf dieser Grafik sehen Sie die Unfallstelle bei Bad Aibling.

11.25 Uhr: Gezeigt wird auch ein Video von einem Hubschrauber aus, der die Unfallstrecke abflog. Der Angeklagte verfolgt das Video, als die Aufnahmen von dem verunglückten Zug gezeigt werden, blickt er immer wieder zu Boden. Auch Bilder vom Stellwerk und dem Arbeitsplatz des Angeklagten werden gezeigt. Auf Bildfahrplänen sind die Kreuzungen der Züge eingezeichnet. Der Angeklagte habe bei der Befragung angegeben, dass er auf einem solchen Bildfahrplan in der Zeile verrutscht sei. Deshalb war er der Meinung gewesen, dass die beiden Züge sich im Bahnhof Bad Aibling fahrplanmäßig kreuzen sollten. Deshalb gab er dem einen Zug auch ein falsches Signal zur weiterfahrt. Dies erscheint möglich. Während die Bilder gezeigt werden, herrscht eine ruhige Atmosphäre im Saal, mitfühlende Gesichter sind bei den Zuhörern zu sehen.

10.55 Uhr: Der erste Polizeibeamte hat jetzt vor dem Richterpult Platz genommen und macht seine Aussage. "Das kann mehrere Stunden dauern", so der Pressesprecher des Landgerichts Traunstein. Zur Untermauerung seiner Aussage hat der Beamte eine Power-Point-Präsentation vorbereitet. Es werden Bilder und Videos von der Unfallstelle gezeigt. Angeklagter Michael P. verfolgt das gefasst. Wie unsere Reporterin aus dem Gerichtssaal berichtet, macht der Angeklagte aber einen durchaus mitgenommen Eindruck.

Fahrdienstleiter legt vor Gericht Geständnis ab

Nebenklage sieht Geständnis als „taktisch“

10.40 Uhr: Bei den Nebenklägern löste das Geständnis unterschiedliche Reaktionen aus. Der bei dem Unfall mit einem Nasenbeinbruch, einer Gehirnerschütterung und Prellungen vergleichsweise leicht verletzte 23 Jahre alte Thomas Staudinger sagte vor Journalisten: "Man merkt, dass das von Herzen kommt." Es habe ihn gefreut, dass der Angeklagte gestanden habe. Vorwürfe mache er P. - auch trotz seines Handyspielens - nicht.

Der Fahrdienstleiter Michael P. (Mitte) unterhält sich in Traunstein im Sitzungssaal des Landgerichts mit seinen Anwälten Thilo Pfordte (l) und Ulrike Thole (r). Dem angeklagten Fahrdienstleiter wird fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Dagegen sagte der Nebenklageanwalt Peter Dürr der Nachrichtenagentur AFP, das Geständnis sei sehr taktisch gewesen. P. habe nur das gestanden, was ihm auch objektiv nachzuweisen sei. "Die eigentlich spannende Frage blieb unbeantwortet." Damit meinte Dürr, wie intensiv P. mit seinem Handy spielte und wie abgelenkt er tatsächlich war. Dies ließ sich bisher nicht vollständig rekonstruieren.

Dürr verwies darauf, dass sich aus Aussagen des Angeklagten bei der Polizei ergebe, dass er auch schon früher trotz Verbots während der Arbeit gespielt habe. P. verweigerte auf Nachfrage des Gerichts aber auch eine Antwort darauf, wie intensiv er sein Handy insgesamt nutzte.

10.12 Uhr: Nach einer kurzen Pause beginnt in Kürze die Beweisaufname zum Prozess des Zugunglücks von Bad Aibling. Zuerst wird dann einer der beiden Polizisten befragt, die im Laufe des Verhandlungstages Angaben zum Zugunglück machen sollen.

10.10 Uhr: Vorsitzender Richter Erich Fuchs stellt Michael P. einige Fragen zu seiner Person. Der Angeklagte, aufgewachsen in Rosenheim, habe nach eigener Aussage im Schichtdienst gearbeitet. Die Schichten gehen von 5 Uhr bis 13.30 Uhr oder von 13.30 bis 0.00 oder 00.30 Uhr. Zum 31.12.2016 scheidet er einvernehmlichen aus dem Arbeitsverhältnis mit der Deutschen Bahn aus.

Der Angeklagte sei in vier verschiedenen Stellwerken im Wechsel eingesetzt gewesen. Die Stellwerke seien alle in etwa gleich ausgestattet mit gewissen örtlichen Unterschieden. Auf Fragen zum Notruf antwortet der Fahrdienstleiter: „Der Notruf ist regelmäßig geübt worden.“

Angeklagter Michael P. legt Geständnis ab

10.06 Uhr: Rechtsanwältin Ulrike Thole ergreift das Wort: „Die Dienstverfehlungen werden vom Angeklagten eingeräumt. Er habe aus beruflicher Routine heraus bereits das grüne Signal erteilt. Er weiß auch, dass er den Notruf falsch bedient hat und räumt ein dass er das Handyspiel "Dungeon Hunter 5", ein Mittelalter-Rollenspiel, gespielt hat.“

9.51 Uhr: Fahrdienstleiter Michael P. bekommt das Wort und nimmt nicht von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. "Ich weiß, dass ich es nicht rückgängig machen kann, obwohl ich mir nichts anderes wünsche." Diese Worte richtet er an die Opfer und Hinterbliebenen des Zugunglücks. Er räumt ein, dass er - trotz Verbot - im Dienst mit seinem privaten Handy gespielt, die Signale falsch gesetzt und auch den Notruf falsch abgesetzt hat. Diese fatalen Fehler führten schlussendlich zum Zusammenstoß der beiden Züge am 09. Februar bei Bad Aibling. Er habe eine große Schuld aufgeladen. Mit den Gedanken sei er bei den Angehörigen. „Ich hoffe, dass sie das alles aufarbeiten können.“

Verlesung der Anklageschrift

9.48 Uhr: Auch an den Zügen entstand ein erheblicher Sachschaden von rund zehn Millionen Euro, für den sich der 40-jährige Michael P. verantworten muss. Hier lesen Sie, was die Staatsanwaltschaft dem Fahrdienstleiter vorwirft.

9.42 Uhr: Der Staatsanwalt verliest im Anschluss die Verletzungen eines jeden Geschädigten und wirft ihm fahrlässige Tötung in zwölf Fällen und fahrlässige Körperverletzung in 89 Fällen vor. Auch jetzt zeigt der Angeklagte keine Regung, er wirkt schon fast stoisch, sein Blick geht auf den Boden. 

9.35 Uhr: Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte während dieses Dienstes entgegen der Vorschriften im Zeitraum zwischen 5.11 Uhr und 6.45 Uhr das Online-Computerspiel "Dungeon Hunter 5" aktiv im Vollbildmodus gespielt haben. Noch kurz vor Beendigung des Spiels um 6.40 soll er noch aktiv in dem Spiel etwas gekauft haben. In welchem Umfang der Angeschuldigte nach 6.40 Uhr weitere Aktionen ausgeführt hat, konnte laut Staatsanwaltschaft noch nicht festgestellt werden. Das Spiel soll um 6.45 Uhr vom Angeklagten beendet worden sein.

9.30 Uhr: Laut Anklageschrift habe der Angeklagte am Unglückstag um 4.45 Uhr im Stellwerk in Bad Aibling seinen Dienst angetreten. Von dort aus habe er den eingleisigen Verkehr zwischen den Bahnhöfen Heufeld und Kolbermoor zu regeln gehabt, dabei insbesondere den Kreuzungsverkehr von Zügen.

Vor Prozessbeginn wurde Fahrdienstleiter Michael P. minutenlang fotografiert und gefilmt.

9.15 Uhr: Inzwischen wurde dem Fahrdienstleiter die Handschellen abgenommen. Vorsitzender Richter Erich Fuchs hat den Prozess offiziell eröffnet. Oberstaatsanwalt Jürgen Branz verliest die elfseitige Anklageschrift.  Detailliert ist dort der Hergang des Zugunglücks vom 09. Februar beschrieben. Auch sind die Todesopfer mit ihren Geburtsdaten aufgelistet. Das jüngste Opfer war demnach 25 Jahre alt, das Älteste 60. Diese reichen von Prellungen und Platzwunden, über Gehirnerschütterungen und Brüchen, bis hin zu Schädel-Hirn-Traumata. Der Angeklagte schaut währenddessen nach unten, auf den Tisch vor sich. Es bleibt spannend, ob der Fahrdienstleiter sich zu dem Unglück selbst äußern wird oder ob seine Verteidigung, Rechtsanwältin Ulrike Thole und Rechtsanwalt Thilo Pfordte aus München, eine Erklärung abgibt.

Opfer des Zugunglücks und Hinterbliebene erwarten Prozessbeginn

9.07 Uhr: Minutenlang wurde der Angeklagte fotografiert und gefilmt. Alle warten auf den Vorsitzenden Richter Erich Fuchs. Er betritt in diesen Minuten den Gerichtssaal. Der Prozess beginnt.

9.00 Uhr: Inzwischen hat auch der 40-jährige Angeklagte den Gerichtssaal betreten und auf der Anklagebank Platz genommen. Er trägt einen schwarzen Anorak und hat einen Bart. Unsere Reporterin vor Ort teilt mit, er wirke zurückhaltend und klein. Er steht auch nicht unter Bewachung, sondern wird von seinen Rechtsanwälten Ulrike Thole und Thilo Pfordte aus München begleitet.

8.55 Uhr:  Über 20 Angehörige von Todesopfern sowie Schwerverletzte werden als Nebenkläger bei dem Prozess dabei sein. Auch viele der insgesamt 89 Verletzten wollen sich die Verhandlung nicht entgehen lassen - so wie Thomas Staudinger. Er hat sich bei dem Zugunglück die Nase gebrochen und einige Prellungen erlitten. „Ich bin gespannt, wie der Angeklagte aussieht und ob er etwas aussagen wird“, meinte er vor dem Prozessauftakt.

Von dem Zusammenstoß selbst weiß er nur noch, dass die Notbremse bedient wurde und es einen Knall gab: „Man merkt erst einmal gar nichts. Erst als die Leute zu schreien anfingen, hat man realisiert, was passiert ist.“ Der 23-Jährige wisse das Leben jetzt mehr zu schätzen. Vom Prozess erwartet er sich, „dass auch zur Sprache kommt, ob der Fahrdienstleiter der alleinige Schuldige ist.“ 

Staudinger war bei dem Unglück ganz vorne gesessen im Zug. Vom Moment des Aufpralls hatte er nichts mitbekommen.Gefragt, ob er jetzt einen Groll gegen den Fahrdienstleiter hege, meinte er: „Ich habe keine Hassgefühle.“ Er musste sich in Therapie begeben und konnte erst nach vier Monaten wieder einen Zug besteigen.

8.40 Uhr:  In knapp 20 Minuten beginnt der Prozess gegen den Fahrdienstleiter, der Mitte Juli das Zugunglück mit zu verantworten hat. Es sind fast auf den Tag genau neun Monate seit zwei Züge bei Bad Aibling ineinander rasten. Es war Faschingsdienstag, der 9. Februar, exakt 6.47 Uhr, als das Unglück geschah: Zwölf Menschen starben dabei , 89 wurden verletzt.

Prozessauftakt gegen den Fahrdienstleiter in Traunstein

Viele Hinterbliebene und Opfer des Zugunglücks von Bad Aibling werden mit einem mulmigen Gefühl zum Prozess kommen. Im Sitzungssaal dürften die Erinnerungen an das Unglück mit zwölf Toten aufleben. Prozessbeginn ist um 9 Uhr.

Vorbericht:

Beim Frontalzusammenstoß zweier Nahverkehrszüge auf eingleisiger Strecke waren am 9. Februar in Bad Aibling zwölf Menschen ums Leben gekommen. 89 Insassen wurden verletzt. Mitte Juli erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Fahrdienstleiter. Ihm wird fahrlässige Tötung in zwölf Fällen und fahrlässige Körperverletzung in 89 Fällen vorgeworfen.

Handyspiel über längere Zeit gespielt

Der Fahrdienstleiter, der am Unglückstag den Zugverkehr auf der eingleisigen Strecke zwischen den Bahnhöfen Kolbermoor und Heufeld zu regeln hatte, dabei insbesondere den Kreuzungsverkehr von sich begegnenden Zügen, soll über längere Zeit durch ein Online-Computerspiel von dessen Arbeit abgelenkt gewesen sein. Das spielen von Handyspielen ist laut Dienstanweisung verboten.

Falsche Annahme, die Züge sollten sich in Bad Aibling kreuzen

Der Fahrdienstleiter soll nach Überzeugung der Anklagebehörde der Meinung gewesen sein, dass beide Züge in Bad Aibling kreuzen sollten. Laut Fahrplan jedoch in Kolbermoor. In Folge dessen soll er dem aus Rosenheim kommenden Zug das Signal für freie Einfahrt in den Bahnhof Kolbermoor und gleichzeitig freie Ausfahrt in Richtung Bad Aibling gegeben haben. Dem Gegenzug aus Richtung Holzkirchen soll er durch zweimalige Betätigung des Sondersignals Zs 1 freie Fahrt für die Ausfahrt aus den Bahnhöfen Bad Aibling und Bad Aibling Kurpark gegeben haben. Technische Schutzvorrichtungen soll er dadurch außer Funktion gesetzt haben.

Falsche Taste für den Notruf

Nachdem der Angeklagte bemerkt hatte, dass er beiden Zügen auf eingleisiger Strecke freie Fahrt gegeben hatte, soll er zwei Notrufe über das Mobilfunknetz der Bahn abgegeben haben. Die Notrufe konnten die Triebfahrzeugführer jedoch nicht erreichen, da der Angeschuldigte eine fasche Taste drückte. Die Notrufe waren nur für das Streckenpersonal zu hören. Die Kollision hätte nach Überzeugung der Saatsanwaltschaft vermieden werden können, wenn der erste Notruf richtig abgesetzt worden wäre. Der zweite Notruf wurde abgesetzt, nachdem die Züge bereits kollidiert waren.

Da sich die beiden Züge in einer Kurve befanden, bestand erst im letzten Moment Sichtkontakt der beiden Lokführer. Eine eingeleitete Schnellbremsung beider Triebwerkführer konnte die Kollision jedoch nicht mehr verhindern.

Die öffentliche Hauptverhandlung beginnt am Donnerstag, den 10. November um neun Uhr im Sitzungssaal B33 im Landgericht Traunstein.

Folgender Ablauf für die Verhandlung ist geplant

  • Donnerstag, 10. November: Einlassung des Angeklagten; zwei Polizeibeamten als Zeugen.
  • Montag, 14. November: 10 Zeugen, überwiegend Personen, die bei der Bahn tätig sind. Zudem: Ein Zeuge der Handyspielefirma.
  • Montag, 14. und Montag, 21. November: Ein Sachverständiger zur Funksituation auf dem Streckenabschnitt, an dem es zum Unfall kam.
  • Montag, 21. November: Rechtsmedizin und technischer Sachverständiger.
  • Montag, 28. November: IT- und neuropsychologischer Sachverständiger.

Aus den Archiv

Schweres Zugunglück in Oberbayern

Fotos vom Stellwerk Bad Aibling

Quelle: chiemgau24.de

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Autor:

Jennifer Bretz

Jennifer Bretz

Jahrgang 1986. Seit 2015 Volontärin. Aus Bad Aibling, im Mangfalltal verwurzelt. Von der PR-Managerin über's Finanzamt zum Journalismus.

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