Anklageschrift verlesen

Das wirft die Staatsanwaltschaft dem Fahrdienstleiter vor

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Der Angeklagte verdeckt sein Gesicht vor den TV- und Fotokameras im Gerichtssaal. 

Traunstein/Bad Aibling - Am Landgericht Traunstein begann am Montag der Prozess gegen den Fahrdienstleiter, der für das Zugunglück verantwortlich sein soll. Die Anklage im Überblick:

Wichtige Fakten aus der Anklageschrift: 

  • Bis 6.45 Uhr spielte der Angeklagte das Online-Spiel "Dungeon Hunter 5"
  • Der Fahrdienstleiter sei dadurch abgelenkt gewesen 
  • Das Spielen im Dienst ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft kausal für den Unfall ursächlich
  • Er habe sich gleich zweifach vorschriftswidrig verhalten
  • Ein erster Notruf erreichte die Lokführer nicht, weil er eine falsche Taste gedrückt habe
  • Der zweite Notruf kam zu spät

LIVE-TICKER zum Prozess Zugunglück Bad Aibling

Der Staatsanwalt verliest die Anklageschrift. Der Angeklagte, gekleidet mit Jeans und schwarzem Anorak hört regungslos zu. Laut Anklageschrift habe der Angeklagte am Unglückstag um 4.45 Uhr im Stellwerk in Bad Aibling seinen Dienst angetreten. Von dort aus habe er den eingleisigen Verkehr zwischen den Bahnhöfen Heufeld und Kolbermoor regeln sollen, dabei insbesondere den Kreuzungsverkehr von Zügen.

Staatsanwaltschaft: Online-Spiel als Unfallursache

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll der Angeklagte, entgegen der Vorschriften, im Zeitraum zwischen 5.11 Uhr und 6.45 Uhr das Online-Spiel "Dungeon Hunter 5" aktiv im Vollbildmodus gespielt haben. Noch kurz vor Beendigung des Spiels um 6.40 soll er online noch aktiv etwas gekauft haben. In welchem Umfang der Angeschuldigte nach 6.40 Uhr weitere Aktionen ausgeführt hat, konnte laut Staatsanwaltschaft noch nicht festgestellt werden. Das Spiel soll um 6.45 Uhr vom Angeklagten beendet worden sein.

Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft soll das Spiel den Angeschuldigten von der Regelung des Zugverkehres abgelenkt haben und kausal für die unfallursächlichen Fehlleistungen gewesen sein.

Um 6.38 soll der Angeklagte dem aus Rosenheim kommenden Zug in Kolbermoor das Signal für freie Ein- und Ausfahrt in den Bahnhof gegeben haben. Zur gleichen Zeit war der Gegenzug von Holzkirchen in Richtung Rosenheim unterwegs. Laut Fahrplan sollten sie sich im Bahnhof Kolbermoor kreuzen.

Um 6.39 Uhr soll der Zug vom Bahnhof Heufeld in Richtung Bad Aibling unterwegs gewesen sein. Da der Angeschuldigte auf dem Fahrplan in der Zeile verrutscht sei, soll er davon ausgegangen sein, dass sich die Züge in Bad Aibling kreuzen. Er habe dem Zug deswegen freie Einfahrt in den Bahnhof Bad Aibling auf Gleis 2 gegeben haben.

Anklage: Zweifach vorschriftswidrig gehandelt

Kurz darauf soll er seinen Fehler bemerkt haben und die Einfahrt auf Gleis 1 geändert haben. Um 6.43 habe der Angeschuldigte dann durch Betätigung des Sondersignals Zs1 diesem Zug freie Ausfahrt aus dem Bahnhof Bad Aibling gegeben. Dies soll er im Bahnhof Bad Aibling Kurpark wiederholt haben. Das normale grüne Signal konnte er nicht setzen, da er, was ihm zu diesem Zeitpunkt nicht mehr bewusst gewesen sein soll, dem Zug aus Kolbermoor bereits freie Fahrstraße in die Gegenrichtung gesetzt hatte.

Laut Auffassung der Staatsanwaltschaft habe der Angeschuldigte somit zweifach vorschriftswidrig gehandelt, da ein Fahrleiter das Sondersignal Zs1 nur geben darf, wenn er sich schon vorher vergewissert hat, dass die Strecke frei ist, was der Angeklagte nicht getan haben soll.

Bei den Notrufen falsche Taste gedrückt

Der Angeschuldigte habe dann in der Folgezeit bemerkt, dass er beiden Zügen freie Fahrt gegeben hat und schickte deshalb zwei Notrufe mit den Worten: "Achtung Betriebsgefahr zwischen Kolbermoor und Bad Aibling... Züge sofort anhalten." Diese kamen jedoch nicht an, da er die falsche Taste drückte. Einen weiteren Notruf soll er um 6.47 Uhr abgesetzt haben, zu diesem Zeitpunkt waren die Züge jedoch schon kollidiert.

Die Triebwerkführer konnten sich gegenseitig erst kurz vor der Kollision sehen, da die Unfallstrecke in einer Kurve liegt. Die Lokführer leiteten Schnellbremsungen ein, die die Kollision jedoch nicht verhindern konnte.

Der Staatsanwalt verlas im Anschluss die Namen und Geburtsdaten der Todesopfer. Das jüngste Opfer war demnach 25 Jahre alt, das Älteste 60. Verletzungen eines jeden Geschädigten werden ebenso aufgelistet. Diese reichen von Prellungen und Platzwunden, über Gehirnerschütterungen und Brüchen, bis hin zu Schädel-Hirn-Traumata. 

Angeklagter zeigt keine Regung

Auch jetzt zeigt der Angeklagte keine Regung, er wirkt schon fast stoisch, sein Blick geht auf den Boden. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten daher fahrlässige Tötung in zwölf Fällen und fahrlässige Körperverletzung in 89 Fällen vor.

Quelle: chiemgau24.de

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